© Salzgeber, FR
Besuch im Holocaust-Mahnmal.
Dokumentarfilm
Kultur

Für eine festliche Tafel

Von Susanne Lenz
15:30

Eine Frau deckt einen Tisch. Sie teilt die Teller aus, rückt sie zurecht, legt das Silberbesteck auf, stellt die kostbar wirkenden Gläser an ihren Platz. Sechs silberne Leuchter schmücken die Tafel. Später wird man die Hausherrin dabei beobachten können, wie sie im Garten der Berliner Villa Zweige von einem Busch abschneidet und als Schmuck auf dem Tisch verteilt. Sie trifft Vorbereitungen für Rosch ha-Schana, das jüdische Fest des Jahreswechsels, und die Eingangsszene des Films „Lebenszeichen“ führt ein in den Bereich, um den es hier geht. Es ist nicht der öffentliche Raum, sondern der private, in dem die 34 Jahre alte Berliner Filmemacherin Alexa Karolinski sich bewegt. Und die festliche Tafel ist ihr Leitmotiv, immer wieder kehrt der Film dahin zurück. Es ist die Mutter der Filmemacherin, die sie deckt und schmückt und die dabei ihre Lebensgeschichte erzählt.

„Jüdischsein in Berlin“ lautet der Untertitel des Films. Es ist der zweite Teil einer Trilogie, doch Alexa Karolinski geht es nicht um eine Bestandsaufnahme, nicht um Vollständigkeit. Sie hat einen poetischen Filmessay gedreht, dem ihr ganz persönlicher, subjektiver Blick zugrunde liegt. Und darin kommen weder die Juden aus aller Welt vor, die sich in Neukölln niedergelassen haben und dort Klezmerabende veranstalten, noch die jüdischen Israelis, die es nach Berlin zieht.

Der Blick der Regisseurin streift etwa das alte Ehepaar Michalski, das mehrmals in der Woche das Denkmal zur Erinnerung an die Kindertransporte während der Nazi-Zeit am Bahnhof Friedrichstraße reinigt, von denen manche nach England führten und manche nach Auschwitz, ins Leben also oder in den Tod. Man sieht wie Frau Michalski die grünen Gummihandschuhe überstreift und sich mit dem Besen an die Arbeit macht, in einer Selbstverständlichkeit, als sei sie zu Hause, während ihr Mann mit einer Seifenlauge den Sockel des Denkmals säubert.

Alexa Karolinski sitzt mit ihrem Bruder, einem Fußballfan, auf dem Balkon, und er erzählt, dass er es nicht übers Herz bringt, im Stadion die deutsche Nationalhymne zu singen. „Ich bin einfach noch nicht so weit“, sagt er. „Schon gar nicht im Berliner Olympiastadion.“ Sie besucht die Frauen, die im Garten der Villa von Max Liebermann arbeiten und auch zum Malen dorthin kommen, sie besucht die Großmutter und eine Historikerin, Freundin der Familie. Die Namen erscheinen erst im Abspann. Manchmal wirkt die Subjektivität der Regisseurin auch beliebig, etwa wenn sie zwei französische Teenager beim Besuch des Holocaust-Denkmals begleitet.

Eine der stärksten Sequenzen zeigt eine alte Dame, die in ihrer Villa am Flügel sitzt und spielt. Dann singt sie auf Jiddisch. „Sag nie, du gehst den letzten Weg ...., unsere Stunde wird kommen.“ – „Das haben sie in Auschwitz gesungen“, erklärt sie, und die Sprachfärbung sagt einem, dass hier eine waschechte Berlinerin spricht, und dass ihr diese Zugehörigkeit abgesprochen wurde. Sie erzählt, dass sie die letzten siebeneinhalb Monate vor dem Ende des Kriegs in einem Luftschutzbunker im Humboldthain verbrachte. Tagsüber, wenn alle weg waren, schlief sie in einem der freien Betten, die Nacht verbrachte sie auf der Toilette. Rausgehen war viel zu gefährlich. Seitdem erträgt sie die Dunkelheit nicht mehr. Und all die brennenden Lampen und Leuchter im Haus, über die die Kamera fährt, haben plötzlich eine neue Bedeutung.

Lebenszeichen. Regie: Alexa Karolinski. D 2018, Dokumentarfilm, 84 Min.

  Zur Startseite
Schlagworte