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Tanz im Terrorherbst 1977: Luca Guadagninos Neubetrachtung des Horrorklassikers „Suspiria“.
Filmfestival Venedig
Kultur

Verfehlte Kugeln und geraubtes Glück

Von Daniel Kothenschulte
09:52

Es gibt nur wenige unveröffentlichte Filme, um die sich ähnliche Legenden ranken wie „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles. Sein letztes großes Werk konnte Welles zwar abdrehen aber nicht mehr zu Ende schneiden und vertonen. Nach vierzig Jahren Drehzeit erlebte es am Freitag in Venedig eine dann doch eher glanzlose Premiere.

Welles’ letzte Lebenspartnerin Oja Kodar, weibliche Hauptdarstellerin, Co-Autorin und über Jahrzehnte die treibende Kraft hinter immer neuen fruchtlosen Anläufen zur Fertigstellung, ließ sich aus familiären Gründen entschuldigen – und das Publikum allein mit ihrer Leinwandschönheit. Selbstzweckhaft schreitet sie, nur mit indianischen Ketten bekleidet, durch Wüstenlandschaften – oder auch schon mal als Duchamp’scher Akt eine Treppe hinunter. Schwer verliebt und offenbar bemüht, ihr ein ähnlich unvergessliches Denkmal zu setzen wie seiner früheren Ehefrau Rita Hayworth in der Spiegelszene aus „Die Lady von Shanghai“, fügt Welles ihren Körper in spätkubistische Kompositionen.

John Huston verkörpert Welles’ alter ego

Kein Wunder, dass er in seinem gewitzten Essayfilm „F wie Fälschung“ mit dem Gedanken spielte, Kodar könnte sogar Picassos Muse sein. John Huston verkörpert Welles’ alter ego: Einen Hollywoodveteranen, der es noch einmal wissen will und seine jungen Bewunderer zur Vorführung eines Experimentalfilms einlädt.

Als ein selbstreferenzielles Werk über das Filmemachen und die Rolle eines alten Meisters in den unsteten Zeiten des New Hollywood hatte Welles seinen Film angelegt, sein Problem ist der Spagat zwischen Selbstironie und Selbstverliebtheit. Herzstück ist der prächtig gescheiterte „Film im Film“, der streckenweise Antonionis „Zabriskie Point“ parodiert. Aber sind die ausladenden Aktszenen, die den falschen Schick eines Pirelli-Kalenders ausstrahlen, wirklich ganz ironisch zu verstehen? 

Auch „F wie Fälschung“ lebt von genau dieser Ironie, doch der Respekt von Welles’ Bewunderern, die nun die Fertigstellung überwachten – Welles-Intimus Peter Bogdanovich, Starproduzent Frank Marshall, der sich bei Welles erste Sporen als Aufnahmeleiter verdiente, und Schnittmeister Bob Murawski - verhinderte alles Spielerische, das Welles ja vor allem auszeichnete. Nicht von ungefähr hatte er mit Gary Graver einen Pornofilmer als Kameramann angestellt.

Dieser dankte Welles die Anerkennung mit treuer Ergebenheit. Aber welchen Kunstwert wollte Welles selbst diesen Bildern zwischen Ironie und Ernst tatsächlich geben? Oder hält er einfach seinen Kollegen von Old Hollywood, den Spiegel vor? Anfang der Siebziger Jahre probierten Veteranen wie Otto Preminger, Vincente Minnelli und George Cukor weitgehend glücklos Stilmittel der Avantgarde aus. Ist Welles hier selbst in die Falle getappt, die er aufzeigen wollte?

Anders als der halblange Rohschnitt von Welles’ Hand, den Kodar dem Münchner Filmmuseum überließ, erweckt die posthume Fassung tatsächlich diesen Eindruck. Endlose Partyszenen, eine muffige Eifersuchtsgeschichte (Lili Palmer hat einen Kurzauftritt als Ehefrau) und Michel Legrands uferlose Filmmusik und überflüssige digitale Effekte zeigen diese große Filmruine „The Other Side of the Wind“ nicht von ihrer besten Seite.

Dennoch kann man froh sein, dass die über tausend Filmrollen endlich das Pariser Depot verlassen konnten. Vielleicht findet sich ja wirklich nochmal ein Filmgenie, das etwas daraus macht. Oder sollen wir gar Netflix, Hollywoods Lieblingsfeind, die Schuld geben?

Die Mehrzahl der überlangen Wettbewerbsfilme in Venedig beginnt mit den Logos der Streamingdienste Netflix und Amazon. Und „The Other Side of the Wind“ ist dabei nicht der einzige, der besser kürzer geblieben wäre. Das also hat man davon, wenn man den Königen des Serienfernsehens das Kino überlässt. Joel und Ethan Coen drehten ihren düsterromantischen Wildfestfilm „The Ballad of Buster Scruggs“ ebenfalls für Netflix, und genau besehen bedient diese makabere Anthologie ein Serienformat. 

Der Sänger Nick Cave besang einmal ein Country-Album mit Mörderballaden und wunderte sich später, dass sich diese Parodie besser verkaufte als seine „seriösen“ Platten. Das könnte hier auch passieren: Jede der fünf Geschichten über tragische Tode, verfehlte Kugeln und geraubtes Glück, atmet den Biedermeier-Glanz der Wildwest-Gemälde von Frederic Remington, während die Schwärze diese Sammlung eindeutig zum echten „Coen“ macht.

Es ist genau die Balance zwischen Original und Fälschung, Ernst und Spott, an der Orson Welles so tragisch scheiterte. Die Coens klauen wie die Elstern, doch was sie finden, putzen sie auf und lassen es erhaben glänzen. James Franco verschaffen sie einen grandiosen Auftritt als singendem Pistolero, Singer-Songwriter-Ikone Tom Waits brilliert dafür als murmelnder Goldgräber. Die finsterste Episode orientiert sich an Disneys Pinocchio und spielt im Wagen eines bösen Schaustellers. Die Frage Kino oder Fernsehen wird angesichts der prachtvollen Bilder obsolet.

In der Tat ist Venedig das bildkräftigste Festival des Jahres, und auch das italienische Kino findet zu den Schauwerten zurück, für das es einmal weltbekannt war. Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“) hat Dario Argentos Horrorklassiker „Suspiria“ einer faszinierenden Neubetrachtung unterzogen. Die 152 Minuten führen eine junge amerikanische Ballerina ins Berlin zur Zeit des deutschen Terrorherbsts von 1977. Das Ensemble, das sie mit offenen Armen empfängt wird geleitet von Tilda Swinton, die ihr autoritäres Charisma zu gleichen Teilen bei Pina Bausch und Marina Abramovic abgeschaut hat. Doch die ekstatischen, von Sasha Waltz überwachten Choreographien haben dunkle Wurzeln, die über den deutschen Ausdruckstanz erst in die Nazizeit führen und weiter in okkulte Tiefen.

Entschieden bestritt Swinton bei der Pressekonferenz, unter Pseudonym auch die einzige männliche Hauptrolle zu verkörpern, einen greisen Psychoanalytiker. Spätestens bei der Vergabe des DarstellerInnenpreises am kommenden Samstag werden wir sehen, mit wie vielen silbernen Löwen sie nach Hause geht.

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