© Lol Crawley, FR
Stimmwunder: Natalie Portman in dem Film "Vox Lux".
Filmfestspiele in Venedig
Kultur

Wenn Populisten Kino lieben

Von Daniel Kothenschulte
10:04

Der amerikanische Dokumentarfilmer Errol Morris bekam schon manchen Unsympathen vor die Kamera. Weltbekannt machte ihn 1999 „Mr. Death“, das Porträt eines Reparateurs für Elektrische Stühle, der gerade dabei war, sich eine zweite Karriere als Holocaust-Leugner aufzubauen. Robert McNamara fühlte er ebenso auf den Zahn wie Donald Rumsfeld und den amerikanischen Folter-Soldaten von Abu Ghraib. Nun hat er zum Venedig-Filmfestival seinen Film „American Dharma“ nach Venedig mitgebracht und das leibhaftige Sujet gleich mit, den ultrarechten Populisten und ehemaligen Trump-Berater Stephen Bannon.

In New York sprengten Boykott-Ankündigungen mehrerer Filmstars gerade einen ähnlichen Premierenauftritt, am Lido zeigten sich die auch diesmal zahlreichen Stars wie Ryan Gosling, Emma Stone, Joaquin Phoenix, Tilda Swinton oder Natalie Portman unbeeindruckt, vielleicht hatten sie das Programm nicht ganz so genau gelesen. Vielleicht hatte man auch insgeheim zugesichert, dass Bannon, von nur wenigen beobachtet, durch die Hintertür zu seiner nicht unbedingt schmeichelhaften Premiere schleichen würde. Es ist fraglich, ob er letzteres auch ähnlich sieht: Gegenüber seinem Film-Interviewer outet er sich als dessen größter Fan und zeigt sich dann tief enttäuscht, in ihm keinen Gesinnungsgenossen zu finden. Alles Selbstentlarvende, alle moralischen Abgründe, in die Morris’ Schurkenbildnisse schauen ließen, sind Bannons Blick entgangen. Im Gegenteil, er hielt sie für Monumente seiner Helden.

Bannon hofft auf den Untergang der amerikanischen Demokratie

Auch diesmal gelingt es Morris, Unmenschliches freizulegen: Bannon erhofft sich nicht weniger als einen Systemwechsel, was nichts anderes heißt als den Untergang der amerikanischen Demokratie. „Ich möchte alles niederbrennen.“ Doch Morris’ bewährte Strategie, das Vertrauen seiner Porträtierten an den scheinbar harmlosen Nebenschauplätzen ihrer geheimen Leidenschaften zu gewinnen, führt diesmal auf unsicheres Terrain: Bei seiner Kinoliebe will er den früheren Filmemacher Bannon einfangen – und riskiert dabei, manche Hollywoodklassiker in unverdient schlechtes Licht zu rücken. Aus Bannons reaktionären Idealen von Patriotismus und Individualismus speisen sich Filmen wie „The Searchers“ und „Die Brücke am Kwai“. Auch die hat er meist gründlich missverstanden, doch Morris fehlt offenbar die Zeit, diese Widersprüche aufzuzeigen. Und dass auch Morris’ eigenes Werk zu Bannons Kanon zählt, macht ihn streckenweise sprachlos. Ebenso wie der rhetorisch überraschend unbegabte Bannon nichts zu sagen hat, wenn man ihm vorrechnet, dass Trumps angebliche Arbeiterfreundlichkeit nur den Großkonzernen und Superreichen nützt.

Hier am Lido ist vor allem ein Global Player in aller Munde: Auch der außer Konkurrenz gezeigte „American Dharma“ begann mit dem bunten Netflix-Vorspann. In den Wettbewerb schickte Netflix gleich vier Bewerber, darunter den bislang aussichtsreichsten Anwärter auf den Goldenen Löwen, Alfonso Cuarons „Roma“, die schwelgerische Kindheitserinnerung des Regisseurs an Mexiko Citys Stadtviertel Roma.

Jeder einzelne davon ist sehenswert, doch die Kino- und Festivalbranche fürchtet zu Recht um ihr wirtschaftlich kostbarstes Privileg, die Leinwandpremiere. Vergeblich forderte die Internationale Vereinigung der Art-House-Kinos, CICAE, das Festival auf, die Filme aus dem Programm zu nehmen. Für die Cinephilen und die kunstaffine Filmkritik stellen sich dagegen andere Fragen: Verliert der Autorenfilm seine besten Künstler an einen Major Player, dem es möglicherweise nur um den kurzfristigen Prestigegewinn geht? Und hat die neue Industrie eigene ästhetische Vorlieben?

Streaming-Anbieter bringen Trendwende bei Laufzeiten

Eines lässt sich bereits feststellen: Die Präferenz der Streamingdienste für lange, dem Serienfernsehen ähnliche Formate ist ein neuer Trend. Die meisten Wettbewerbsfilme haben eine Laufzeit deutlich über zwei, manchmal sogar drei Stunden. Nicht, dass sie im Kino nicht zur Wirkung kämen. Doch wenn das Heimkinopublikum sie lieber in kleinen Teilen als im Stück ansieht, werden daraus eben kleine Fernsehserien. Diesen Eindruck hinterließen sowohl der makaber-visionäre Coen-Brüder-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ als auch Paul Greengrass’ künstlerisch konservativer Terror- und Gerichtsfilm „22 July“ über den Massenmörder Anders Breivik. Handwerklich und darstellerisch hervorragend, doch ohne originelle Akzente widmet er sich im ersten Drittel dem Terror und in den weiteren der Aufarbeitung.

Auch Brady Corbets „Vox Lux“ beginnt mit einem Amoklauf. Eine 14-Jährige überlebt schwerverletzt ein Schulmassaker, schreibt darüber ein Lied, das die Nation bewegt – und wird zum Superstar. Natalie Portman spielt die Figur als Erwachsene, Nachwuchsstar Raffey Cassidy erspielt sich große Chancen für den Darstellerpreis in der Doppelrolle des Teenagers und seiner späteren Tochter.

Kaum bemerkt vom Premierenpublikum, lief der Film als bislang einziger Wettbewerbsbeitrag in 35mm, und dem Purismus des klassischen Filmmaterials entspricht Corbets klassisch-moderne Filmsprache. Ähnlich dem früheren Werk von Gus van Sant geht sein visuelles Kino unter die Haut. Auch wenn der Plot einerseits das alte Klischee geraubter Unschuld aus so vielen Starbiografien bedient, fesselt doch der reiche Subtext mit klugen Beobachtungen über die Art, wie die Popkultur genau dieses Klischee selbst bedient – hier scheint besonders die Karriere von Britney Spears ein Vorbild.

Man muss schon genau hinsehen, um das Besondere daran zu entdecken – gerade bei einem Festival, das mit dem Lady-Gaga-Vehikel „A Star is Born“ von Bradley Cooper schon das ungebrochene Klischee gefeiert hat. Der Goldene Löwe ist ein Monster, ein Monster der Kunst, und hoffentlich bekämpft er seine Feinde.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig   Zur Startseite
Schlagworte