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Mahmoud Hassino im Dokumentarfilm „Mr Gay Syria“.
„Mr. Gay Syria“
Kultur

„Mutter, bleib stolz auf mich“

Von Susanne Lenz
13:57

Mister Gay Syria. Das klingt wie ein irrer Witz: schwul, Syrer und dann auch noch ein Schönheitswettbewerb. Aber Mahmoud Hassino freut sich, wenn da jemand verblüfft reagiert. Überraschung erzeugt Aufmerksamkeit, und die will er für diese Gruppe von Menschen, über die kaum jemand spricht. Und wenn, dann eher im Zusammenhang mit Islamisten, mit Unterdrückung, Verfolgung, Tod. Vor ein paar Jahren haben Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat Schwule von Hochhäusern gestoßen, in Rakka, in Aleppo. Es wurde in den Nachrichten gemeldet.

Mahmoud Hassino hat den „Mr. Gay Syria“-Wettbewerb vor zwei Jahren in Istanbul veranstaltet, da lebte er schon in Berlin. Die junge türkische Regisseurin Ayse Toprak hat über den Wettbewerb einen bewegenden Dokumentarfilm gedreht, jetzt läuft er in den Kinos. Sein Titel: „Mr. Gay Syria“. Auf Festivals hat der Film schon mehrere Preise gewonnen.

Er erzählt von Mahmoud Hassinos Kampf um Beachtung und vom Kampf junger Syrer um ihre Homosexualität. Die Geschichte, die er erzählt, ist auch eine Flüchtlingsgeschichte. Es gibt darin Heimweh, es gibt schmerzhafte Trennungen, die Umstände lassen es nicht anders zu. Schwul und Flüchtling zu sein, das ist, als trüge man eine doppelte Last. Man ist auch dann nicht in Sicherheit, wenn man dem Krieg entkommen ist.

Hassino trägt eine Schirmmütze, er bestellt Espresso. Smart wirkt er mit seinem Oberlippenbart. Er holt ein Päckchen Tabak aus dem Rucksack und dreht eine Zigarette. Dann erzählt er aus seinem Leben. Es ist das Leben eines schwulen Syrers, und es ist anders, als man sich das vorstellt.

Hassino kommt aus Damaskus, hat dort englische Literatur und Kommunikationswissenschaften studiert. Den Weg des Coming-outs gegen alle Widerstände musste er nicht gehen, auch wenn seine Eltern strenggläubig waren. Er hat seine sexuelle Orientierung nie versteckt. Kurz vor der Hochzeit seines jüngeren Bruders, die eigentlich nach der des älteren stattfinden sollte, so wollen es die syrischen Sitten, habe ihn seine Mutter gefragt, ob er heiraten wolle. Ob, fragte sie, nicht wann. „Da du mir die Frage so stellst, kennst du ja auch die Antwort“, erwiderte er. Das Wort „schwul“ ist in diesem Gespräch nicht gefallen. Wie viel ihm dieses wortlose Einverständnis wert war, merkt man noch jetzt, als er von diesem Moment erzählt.

Ein Friseur aus Aleppo

Aber es gibt auch die anderen. Die, die ihre sexuelle Orientierung verleugnen, die heiraten, um Normalität vorzutäuschen, die zwangsverheiratet werden.

Einer von ihnen ist Hussein, einer der Protagonisten im Film „Mr. Gay Syria“. In einer der ersten Szenen sieht man ihn auf dem Weg zur U-Bahn. Er hat die Hände tief in den Taschen, die Mütze in die Stirn gezogen. Es schneit in Istanbul. „Wenn ich mich im Spiegel ansah, hasste ich mich selbst“, sagt er. „Warum bin ich so? Ich wollte einfach ein guter Mensch sein. Und ein guter Mensch kann doch nicht schwul sein.“

Hussein ist ein Friseur aus der im Bürgerkrieg zerstörten Stadt Aleppo, er lebt als Flüchtling in der Türkei. Und er ist ein Beispiel dafür, in welch furchtbarem Konflikt sich jemand befinden kann, dessen sexuelle Orientierung von den Menschen um ihn herum so stark abgelehnt wird, dass er sie selbst nicht akzeptieren kann.

In einigen arabischen Ländern gilt Homosexualität als unnatürlich, in anderen wird sie kriminalisiert, im Iran und in Saudi-Arabien steht die Todesstrafe darauf. Ist die Sorge, mit den syrischen Flüchtlingen würde auch Schwulenfeindlichkeit nach Deutschland kommen, also berechtigt? Die Antwort überrascht einen. Hassino sagt, die syrische Gesellschaft sei nicht viel homophober als westliche Gesellschaften. „Hier sind die Leute nur eher daran gewöhnt, ihre Homophobie zu verstecken.“ Hat sich denn wirklich nichts geändert? Hassino antwortet: „Egal, wie tolerant und aufgeschlossen jemand ist, wenn ihm das eigene Kind eröffnet, dass es homosexuell ist, werden die meisten doch traurig sein.“ Es ist sein Lackmustest für Homophobie.

Mahmoud Hassinos Homosexualität war lange kein Problem, nicht im Freundeskreis, nicht am Arbeitsplatz. Er arbeitete für das Lifestyle-Magazin „Dounia“, schrieb über Filme, über Ausstellungen. 2006 startete er einen eigenen Blog, mit dessen Hilfe er sich mit anderen Homosexuellen auch außerhalb des Landes vernetzte. Weil er auf Englisch kommunizierte, hoffte er, unter dem Radar der Behörden zu bleiben.

Aber irgendwann nahmen die Einladungen der syrischen Geheimpolizei zu, sie begannen, ihn einzuschüchtern, der Chefredakteur wurde aufmerksam. „Sie fragen, ob du mit ihnen Kaffee trinken gehen möchtest, und du kannst nicht sein sagen.“ Sie wollten seinen Blog zensieren, er sollte über die Künstler berichten, mit denen er als Journalist zu tun hatte. Hassino kündigte schließlich, arbeitete frei. Und dann begannen die Demonstrationen.

Auch Hassino ging auf die Straße. Es sei eine Zeit der großen Hoffnungen gewesen, sagt er. Auf einmal schien es möglich, dass Syrien zu einer Demokratie werden könnte. Er startete das Blog „Syrian Gay Guy“. Da ist sie wieder, diese Verbindung von syrisch und schwul. Dann fing das Assad-Regime an, Homosexuelle zu verfolgen, der Druck wuchs, Hassino ging in die Türkei wie viele syrische Flüchtlinge, er arbeitete dort für einen Radiosender. Das war 2011.

Auch Hussein, der Friseur, arbeitet in Istanbul, als der Film gedreht wird, in einem Salon wie schon in Aleppo. Man sieht im Film, wie er einem jungen Mann die Haare schneidet, sie auffegt und dann eine Zigarette raucht. In dieser Szene ist zum ersten Mal von „Tea and Talk“ die Rede, dem einzigen Netzwerk, das arabische Schwule unterstützt. Eigentlich ist es nur ein Raum, den die gleichnamige türkische Organisation den Arabischsprechenden zur Verfügung gestellt hat, ein Ort zum Reden. Nur ein Raum, aber mehr braucht es manchmal gar nicht. Manche treffen hier zum ersten Mal andere Homosexuelle. „Durch die Probleme der anderen lernte ich, mich selbst zu akzeptieren“, sagt Hussein.

 Es ist dieser Raum, in dem Hassino vor zwei Jahren die Idee für seinen Wettbewerb vorstellte. Auch von der Reise nach Malta zum Mr-Gay-World-Wettbewerb, die der Sieger antreten soll, spricht er. „Mr. Gay Syria wird der einzige Geflüchtete dort sein.“ – „Du möchtest aus dem Leid Unterhaltung machen“, wirft ein Bekannter Hassino vor. „Das ist keine Unterhaltung“, gibt der erregt zurück. „Das ist ein Versuch, das Bild von den syrischen Schwulen zu ändern.“ Es ist ein positives, lebensbejahendes Bild, das er will.

Der Film erzählt auch eine Geschichte der Emanzipation, doch er tut es beiläufig, und das ist seine Stärke. Man merkt, wie Hussein und die anderen sich verändern, während sie sich auf den Wettbewerb vorbereiten. Hussein zum Beispiel sitzt auf seinem Bett und macht sich Notizen, spricht die Worte, die er aufgeschrieben hat, immer wieder vor sich hin. Am Tag der Entscheidung in Istanbul kommt er in seiner Alltagskleidung auf die Bühne. Er legt einen Schal um einen Stuhl aus Holz und spricht zu ihm, als säße dort seine Mutter: „Ich wollte dir von dem erzählen, was tief in mir lebt“, sagt er. „Mutter, ich bin homosexuell. Bleib stolz auf mich.“ Es ist Hussein, den sie dann zum Mister Gay Syria küren. Jemand setzt ihm eine Tiara aus Plastik auf, er lächelt, wirft Kusshände ins Publikum, aber er wirkt auch verunsichert. Der Titel ist eine Freude und eine Last, sogar eine Gefahr.

Hussein führt ein Doppelleben, er ist verheiratet, seine Frau lebt bei den Eltern und den Geschwistern am Stadtrand. Er sieht sie nur an seinem einzigen freien Tag in der Woche. Es ist der Tag, an dem er nicht er selbst sein darf. „Ich kann nur die Person sein, die meine Eltern wollen.“ Eine Filmszene zeigt ihn beim Spaziergang mit seiner Tochter, sie ist zwei. Er träumt davon, mit ihr über seine Homosexualität zu sprechen. Es auszusprechen, wenigstens diesem einen Familienmitglied gegenüber.

Hussein als syrischer Flüchtling bekommt dann kein Visum für Malta. Es ist Hassino, der zum Mr-Gay-World-Wettbewerb dort fährt. Nur als Stellvertreter, wie er immer wieder erklärt. Wirklich zu interessieren scheint das keinen. Und auch dieses Desinteresse ist Teil der Geschichte.

Für Hassino ist sein Lebensthema zu seinem Beruf geworden. Seit drei Jahren arbeitet er bei der Schwulenberatung Berlin. Er wäre gern in Istanbul geblieben, hat sich dort wohlgefühlt. „Das Problem war Erdogan.“ Berlin ist für ihn wie eine Insel in der Welt, in der es für Homosexuelle, syrische Homosexuelle immer enger wird. In der Türkei ist die Homophobie auf dem Vormarsch, in Syrien ist ein Ende des Assad-Regimes nicht abzusehen. „Und Europa wäre die Flüchtlinge am liebsten los.“

Besondere Schutzbedürftigkeit von LSBTI-Flüchtlingen 

Berlin sei ein Beispiel dafür, wie es richtig laufen könne. Als erstes Bundesland hat es die besondere Schutzbedürftigkeit von LSBTI-Flüchtlingen anerkannt. Die sperrige Abkürzung steht für Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle.

Vom Café gehen wir in Hassinos Büro. Es liegt an der Wilhelmstraße in Kreuzberg. Man geht über einen Hof, an dessen Ende ein schöner Altbau mit hohen Rundbogenfenstern steht. Im Parterre steht Hassinos Schreibtisch. Zwei Kollegen sind schon da, springen auf, schütteln Hände. Hassino ist der einzige hier, der Arabisch spricht, der einzige, der selbst Flüchtling war. Oft geht es bei seiner Arbeit darum, Menschen, die sich um eine Anerkennung als Flüchtling bemühen, auf ihr Interview vorzubereiten. „Sie wissen ja gar nicht, wie sie über ihre Sexualität sprechen sollen.“ 
Gibt es überhaupt ein arabisches Wort für schwul? Ein umgangssprachliches, eines, das nicht herabwürdigend ist? „Nein“, sagt Hassino. Es gebe nur den wissenschaftlichen Begriff, der dem deutschen Wort für homosexuell entspricht. Und abwertende Bezeichnungen. „Da gibt es ganz viele.“ In der Öffentlichkeit werde überhaupt nicht über Sexualität gesprochen, fügt er hinzu. Vor ein, zwei Generationen war das in Deutschland nicht anders.

Und Hussein? Er ist vor ein paar Wochen in Marseille angekommen, weiß Hassino zu berichten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat ihn unterstützt. Seine Frau ist mit der Tochter in ihr syrisches Dorf zurückgekehrt, als Husseins Homosexualität ans Licht kam. Ein weiteres Schicksal.

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