© Christoph Boeckheler, FR
„Die deutsche Kolonialvergangenheit war kein Thema“, sagt Eva Raabe.
Eva Raabe
Kultur

„Europa dürfte eigentlich nicht fehlen“

Von Judith von Sternburg
10:56

Frau Raabe, was hat Ihr Interesse an der Ethnologie geweckt?
Ich komme aus einer typischen Lehrerfamilie, und in den fünfziger, sechziger Jahren haben sich Lehrer sehr für das Verhältnis von Erziehung und Angeborenem interessiert. Im Bücherschrank meiner Eltern standen die ersten Rowohlt-Ausgaben der Übersetzungen von Margaret Meads „Coming of Age in Samoa“ und „Growing Up in New Guinea“. Eigentlich hatte ich vor, Archäologie zu studieren, aber durch diese Bücher wurde mir klar, dass ich es noch interessanter fand, mich mit lebenden Menschen zu beschäftigen. 

Sie sind seit 1985 hier am Haus. Wie hat sich das Berufsbild der Ethnologin seither verändert?
Das ist keine so einfache Frage. In den Grundzügen hat es sich gar nicht so verändert. Es geht weiterhin um grundsätzliche menschliche Fragen, um das Verhalten in menschlichen Gruppen. Verändert haben sich eher die Themen, aber Ethnologen wissen, dass die Zeit nicht linear verläuft, sondern zyklisch. Als ich anfing, ging es noch sehr stark um die Region selbst, das Erklären eines kulturellen Kontextes. 1985 war die Ethnologie dann stark geprägt von politischen Fragen zur sogenannten Dritten Welt. Wie politisch sollte ein Museum sein, sollte es sich mit Entwicklungshilfe beschäftigen? Es gab schließlich eine Phase, in der die Objekte als Kunstwerke gesehen wurden, die für sich selbst sprechen sollten. Das hat nicht wirklich funktioniert, würde ich heute sagen. Man kann den Kontext nicht weglassen. 

Wurde die Tätigkeit des Sammelns dabei immer schon reflektiert?
Jedenfalls bereits in meinem Studium. Es ging immer auch um den Kontakt zwischen den Feldforschern und den sogenannten Beforschten, ein Verhältnis, bei dem ein Machtgefälle besteht. Heute stehen wir aber in einem viel stärkeren Kontakt mit den indigenen Herkunftskulturen, die die Diskussion über koloniale Zusammenhänge des Sammelns einfordern. Früher waren es die eigenen Kollegen, die einen zum politischen Handeln aufriefen.

Haben Sie dieses Machtgefälle in Ihrer Ausbildung noch gut kennengelernt, den eurozentrischen Blick des weißen Mannes auf die „Naturvölker“?
Die 68er haben das schon diskutiert, die Ethnologie war ein stark bewegtes Fach in dieser Zeit. Gerade hier am Haus, wo ich direkt nach dem Studium anfing, gab es immer schon politisch interessierte Leute, deren Bücher wir im Studium auch als neue Herangehensweise wahrnahmen. 

Die Sammlung des Hauses stammt ja aus einer anderen Zeit. Wenn man heute ein Museum gründen würde, würde man das anders angehen? 
Dazu wäre man wohl gezwungen, die Ausfuhrbestimmungen sind ganz andere. In Frankfurt wurde schon seit den achtziger Jahren auch zeitgenössische Kunst gesammelt. Das wäre vermutlich heute ein Weg und die Alternative zu kolonialen Sammlungen. Hinzu käme: Europa dürfte nicht fehlen.

In der Tat. Müsste man nicht Europa einbeziehen, um von der Warte des überlegenen Beobachters wegzukommen?
Deshalb habe ich diesen zyklischen Zeitbegriff: Was Sie jetzt ansprechen, wurde bei uns in den achtziger Jahren diskutiert, und wir haben immer versucht, Europa in unsere Ausstellungen einzubeziehen. Wir haben eine sehr kleine Europasammlung, die zudem leider zu einem großen Teil zerstört wurde. Heute ist sie nicht mehr nennenswert, man hätte sie systematisch aufbauen müssen. Stattdessen wurde die Stelle des Europa-Kustos inzwischen leider gestrichen. Die Stadt Frankfurt hatte kein Geld und den Eindruck, man brauche nicht für jede Weltregion einen Spezialisten. Heute wird wieder gefragt: Was ist mit Europa? 

Zyklisch heißt also auch: Sie waren schon mal weiter. Warum kommt das Thema koloniales Erbe derzeit wieder hoch?
Ja, das ist interessant. Hans Fischer legte schon 1981 sein Buch über die „Hamburger Südseeexpedition“ vor, im Untertitel „Ethnographie und Kolonialismus“. Darin thematisierte er genau die Art und Weise des Sammelns im kolonialen Zusammenhang. Wir Jüngeren haben es mit Interesse gelesen. Aber an der Öffentlichkeit ging es irgendwie völlig vorbei. Die deutsche Kolonialvergangenheit war kein Thema. Deutschland war mit der Aufarbeitung seiner jüngsten Vergangenheit beschäftigt, die Kolonialzeit wurde als Episode abgetan. Nicht zuletzt durch das Erste-Weltkriegs-Gedenken könnte sie wieder in den Blick gerückt sein. Vor allem arbeiten in den Ländern selbst heute emanzipierte Historiker, die aus diesen indigenen Gruppen stammen und die sich ganz stark mit ihrer eigenen Geschichte, also auch der Kolonialzeit, auseinandersetzen. Dazu kommt die Diskussion über das Humboldt-Forum in Berlin …

… und die ethnologischen und kunsthandwerklichen Stücke, die dort gezeigt werden sollen oder auch nicht.
Das hat die Debatte erhitzt. Sie läuft auch anders ab als früher. Lange war die Devise: Das ist sowieso verjährt. Heute geht es darum, den ehemaligen Kolonialmächten zumindest die Einsicht in begangenes Unrecht abzuringen. Vor der Debatte um die Objekte stand ja die Debatte um die menschlichen Überreste. Länder wie Namibia haben das durch berechtigte Rückgabeforderungen angestoßen. Ein sehr symbolträchtiger Bereich! Wenn Trump aus Nordkorea die Überreste gefallener US-Soldaten zurückholen lässt, betreibt er ganz gezielte Kulturpolitik. Beim Thema menschliche Überreste werden wir alle in unserem Menschsein tief getroffen. In vielen Kulturen gibt es Regeln, wie mit den Verstorbenen verfahren werden soll.

Bei uns auch …
Ja, wobei wir eine ganze Weile einen pragmatischeren Umgang damit hatten. In der modernen Gesellschaft fühlen wir uns viel schneller berührt. Im Mittelalter dagegen fand man anscheinend nichts dabei, Schädel bei Platzmangel zusammenzuräumen und aufzustapeln. Kulturen, die hier empfindlicher sind, haben auch mehr Objekte dazu. Daraus folgt: Was ist zum Beispiel mit Objekten, die die Seele eines Menschen verkörpern? 

Betrifft das konkret auch das Frankfurter Haus?
Ja. Wir haben 2011 einen mumifizierten Maori-Kopf repatriiert – das Wort benutze ich lieber als restituiert, wenn es um menschliche Überreste geht. Es handelte sich um einen Kopf, auf denen man die Tattoos der Häuptlinge sehen kann. Während der Maori-Kriege im Neuseeland der britischen Kolonialzeit wurden diese Köpfe gegen Gewehre eingetauscht. Damit waren schreckliche Dinge verbunden. Sklaven wurden zwangstätowiert und dann getötet, weil die tätowierten Köpfe mehr einbrachten. Bei den Verhandlungen damals hatte ich den Eindruck, dass auch die Maori untereinander diskutierten, wie damit zu verfahren sei. Immerhin ging es auch um Trophäen, mit denen der Gegner erschreckt und gedemütigt werden sollte. 

Macht es für Sie als Ethnologin einen Unterschied, ob Sie es mit einem im weitesten Sinne sakralen Gegenstand zu tun haben oder mit einem Fischfanggerät?
Für mich persönlich nicht. Natürlich habe ich Respekt vor einem sakralen Gegenstand, wenn ich seine Funktion kenne. Aber mich fasziniert nicht weniger eine gedrehte Schnur, wie wir sie in der Ausstellung „Der rote Faden“ gezeigt haben. Was es an menschlicher Arbeitskraft, Hirn-Hand-Koordination und Zeit braucht, viele Kilometer Schnur für ein Netz, einen Frauenrock, eine Tasche herzustellen, das berührt mich bis ins Mark. 

Es gibt weitere Anfragen für Rückgaben?
Ja, aktuell stehen wir in Verhandlungen mit einer Aborigines-Delegation der Aranda in Zentralaustralien. Wir haben hier die Sammlung des Missionars Carl Strehlow, der im 19. Jahrhundert eine Station in Hermannsburg leitete. Er hat die Objekte nicht zwangskonfisziert, sondern wohl eher anvertraut bekommen, vielleicht weil er selbst als religiöser Führer galt, vielleicht weil die älteren Aranda spürten, wie sich die Zeiten änderten, und das Erbe auf diese Weise schützen wollten. Es geht dabei etwa um „Seelensteine“. Sie stehen für einen Menschen, werden bei seinem Tod hergestellt und geheim gehalten. Strehlow hat aber ein sehr interessantes vierbändiges Werk darüber geschrieben. Also ist es nicht mehr absolut geheim zu halten. 

Das klingt zwiespältig …
… und weder wir noch die Menschen, die heute mit uns verhandeln, können wirklich einschätzen, wie das damals abgelaufen ist. Es mag schon sein, dass Strehlow nicht wollte, dass die Seelensteine auf dem Gebiet der Mission verwendet wurden. Andererseits lernte er fließend die Sprache der Aranda, konnte mit ihnen philosophische Gespräche führen, transkribierte ihre Gesänge. Man ist ambivalent, was eine Rückgabe betrifft, und merkt im Dialog, wie es auch in der Aranda-Delegation arbeitet.

Aber kann man sich am Ende solchen Forderungen als Europäer überhaupt entziehen?
Nein, das kann man nicht. Aber man sollte schon miteinander sprechen, etwas übereinander lernen. Die Strehlow-Sammlung ist natürlich auch längst Teil einer europäischen Gesellschaftsgeschichte. Strehlow versuchte damals nachzuweisen, dass die Aranda eine monotheistische Urreligion hatten, das war damals immens umstritten und ist interessant auch für heutige religionswissenschaftliche Diskussionen. 

Gibt es Objekte im Haus, von denen Sie definitiv wissen, dass sie nicht hier sein dürften?
Mir ist bislang kein eindeutiger Fall bekannt. Wir eröffnen ja am Mittwochabend eine Labor-Ausstellung, „Gesammelt. Gekauft. Geraubt?“, die zum Frankfurter Kooperationsprojekt gehört. Und die beiden Kolleginnen, die das vorbereitet haben, konnten durchaus kritische Objekte finden, bei denen man zumindest sagt: Man hat Bauchweh, wenn man sich den Sammlungskontext ansieht.

Weil?
Es gibt zum Beispiel das Wehrgehänge eines Südafrikaners, der in Grenzkriegen umgekommen ist. Man kann davon ausgehen, dass er das nicht freiwillig hergegeben hat. Es zeigte sich jetzt bei den Recherchen, dass es aus einer Sammlung eines Deutschen stammt, der an den Auseinandersetzungen militärisch beteiligt war, und in seinen Aufzeichnungen auch berichtet, dass er Menschen erschossen habe. Aus diesem Zusammenhang könnte das Stück also kommen, ein schlimmer Kontext. Dann wieder: An wen sollte man es zurückgeben? Jedenfalls sollte man es auf keinen Fall unkritisch ausstellen, sondern den Kontext immer offenlegen. 

Die Rückgabeforderungen sind nur das, was die Öffentlichkeit mitbekommt.
Und dafür muss sich jemand melden, muss auch jemand etwas damit anfangen könne.

Haben Sie Gegenstände, von denen Sie wissen: Die gibt es vor Ort gar nicht mehr?
Schwierige Frage. In „Der rote Faden“ haben wir einen sogenannten Kettbock aus Mikronesien ausgestellt, damit wurde die Kette für bestimmte Webarbeiten vorbereitet. Sie ist sehr kompliziert, sehr aufwendig, man muss sie intensiv lernen. Die Bevölkerung wurde kleiner, die Missionare führten Baumwollstoffe ein, die Werkzeuge verschwanden. Interessanterweise gibt es aktuell Bestrebungen, diese Technik wiederzubeleben, weil man sich für den Mathematikunterricht etwas davon verspricht. In einem solchen Dialog geht es nicht nur um Restitution und eine erbitterte Auseinandersetzung, sondern auch darum, sich auszutauschen, Geschichte zurückzugeben. Aus solchen oder ähnlichen Kontakten könnten manchmal interessante Ausstellungen entstehen, die allerdings langwierig in der Planung und schwierig zu finanzieren sind. Ein Museumsträger wie die Stadt Frankfurt hat andere Sorgen, zum Beispiel den Doppelhaushalt zu verabschieden. Dabei muss sich die Kulturpolitik an einem Haus wie diesem mit solchen Zusammenhängen schon auseinandersetzen.

Tut sie das?
Ich bin der Kulturdezernentin Ina Hartwig sehr dankbar für offene Ohren und großes Verständnis für unsere Arbeit. Natürlich kann sie nicht wiedergutmachen, was dreißig Jahre lang versäumt wurde. Hätten wir vor dreißig Jahren einen Neubau bekommen, wäre auch die Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte weiter. Und durch eine Dauerausstellung auch viel präsenter. Die Frankfurter haben ihre ethnografische Sammlung ein bisschen vergessen.

Dauerausstellung, ein leidiges Thema für Sie.
Und nicht zu trennen von der Gebäudesituation. Wir haben hier nicht einmal die Klimatisierung für eine Dauerausstellung. Oft hört man ja das Argument, eine Rückgabe sei unangemessen, weil ohne die europäischen Sammler die Objekte ja gar nicht mehr da wären. Andererseits ist in Frankfurt im Zweiten Weltkrieg ein Drittel der Sammlung zerstört worden, dazu das Dokumentenarchiv. Auch heute müssen wir uns um den Erhalt Gedanken machen. Die empfindliche Sammlung besteht zu 80 Prozent aus Federn, Holz, Bast, Rinde, Naturmaterialien eben.

Müssen Sie Verluste hinnehmen?
Wir haben ein relativ modernes Depot, das in den neunziger Jahren bezogen wurde, in der Borsigallee. Wir sind sehr sorgfältig und reagieren bei Anzeichen von Schäden möglichst sofort, was bei 67 000 Objekten und zwei Restauratorenstellen allerdings nicht einfach ist. Ein Problem ist für uns auch der geplante Riederwaldtunnel. Beim Bau gäbe es fürchterliche Erschütterungen, die übrigens nicht nur uns beträfen, sondern auch zum Beispiel das Institut für Stadtgeschichte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als wir merkten, dass die für den Bau zuständigen Stellen in der Stadt gar nicht wussten, was hier gleich neben dem Tunnelprojekt untergebracht ist. Wir mussten unsererseits laut werden. Jetzt ist das Problem erkannt, aber nicht gelöst.

Was bräuchte Ihr Haus aktuell am dringendsten?
Wenn es keinen Neubau geben kann, müsste man wenigstens in eine Klimatechnik hier in den Villen investieren. Dazu käme die Frage, ob man woanders eine Dauerausstellung installieren könnte.

Gibt es konkretere Pläne?
Das muss Frau Hartwig entscheiden. Was ich sagen kann, ist, dass ich inzwischen nicht mehr auf die ganz große Lösung warte, die offenbar nicht zu haben ist. Ich bin da pragmatisch geworden.

Sie denken nicht an eine MMK-Variante, eine schmucke Hochhausetage?
Nun, man hat Träume und man stellt sich der Realität, oder? Nach der großen Ausstellung über das Altern, die im Oktober eröffnet wird, würde ich mit meinen Kolleginnen gerne über eine längere Präsentation aus der Sammlung sprechen, auch wenn ich schon die Sorgenfalten in den Gesichtern der Restauratorinnen sehe. Auch die kommende große Ausstellung im Oktober macht unsere Probleme wieder überdeutlich. Wir sind nämlich nicht barrierefrei. Eine Ausstellung über das Altern in einem nicht barrierefreien Haus, das ist auch nicht schlecht. Manchmal habe ich das Gefühl, wir können nicht vor und nicht zurück, aber in der Öffentlichkeit wird das gar nicht so wahrgenommen. Weil wir irgendwie funktionieren.

Das ist das Problem derer, die irgendwie funktionieren.
Stimmt.

Interview: Judith von Sternburg

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