© Hinako Sugiura, MS.HS/Sarusuberi Film Partners, FR
Aus dem Film „Miss Hokusai“.
Japonismus
Kultur

Außer Kostümen nichts gewesen

Von Michael Kohler
15:35

Gemütlich sitzt der Samurai unter einem Baum, die Beine gekreuzt, der Hut liegt neben ihm im Gras. Dann springt er plötzlich auf, schwingt das kurze Schwert wild über dem Kopf und schleudert aus zusammengekniffenen Augen drohende Blicke auf den Eindringling. Allerdings hat sich kein gegnerischer Kämpfer dem Samurai genähert, sondern ein befreundeter Fotograf mit der Kamera – für ihn allein wirft sich der kostümierte Maler Paul Signac in Positur.

Als diese Aufnahme entstand, um das Jahr 1898, war Frankreich dem Japanfieber schon lang erlegen. Seit 1860 waren immer mehr Keramiken, Fächer und Holzschnitte nach Paris gebracht worden, sämtliche Kaufhäuser führten Japanisches im Sortiment, und die Wohnzimmer füllten sich zusehends mit Porzellan, Bildern, Stoffen und Nippes aus Fernost. Am Anfang dieses Japonismus getauften Phänomens standen gleichwohl die modernen Künstler. Unter den Impressionisten gab es kaum einen, der nicht Holzschnitte von Hokusai, Hiroshige oder Utamaro – den bekanntesten japanischen Exportschlagern – besaß; und die Zeitgenossen äußerten sich durchweg begeistert über diesen Stil, der alles Bekannte ins Fließen zu bringen schien.

Allerdings ist bis heute umstritten, inwieweit die japanischen Holzschnitte die modernen Maler tatsächlich dazu inspirierten, die westliche Kunst zu revolutionieren. Oder ob die Japan-Begeisterung der Impressionisten eine eher äußerliche, der Signac’schen Samurai-Kostümierung nicht unähnliche Sache blieb. Abgesehen von einigen Werken, auf denen Claude Monet oder auch Vincent van Gogh einzelne Motive und Stilmerkmale offenkundig zitieren, erscheint der oft beschworene Einfluss auf den Bildern doch eher vage. Aber das gilt auch für viele der anderen Quellen, aus denen die impressionistischen Maler ihre Anregungen schöpften.

Eigentlich könnte eine solche Unsicherheit eine wunderbare Ausgangslage sein, um eine Ausstellung über das historische und aktuelle Japanfieber zu machen. Doch leider wird die Schau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck weder dem Japonismus des 19. Jahrhunderts noch den Mangas und Animes der Gegenwartskultur gerecht. Im Grunde ist der Ausstellungstitel „Im Japanfieber – Von Monet bis Manga“ Etikettenschwindel, denn Mangas kommen nur im – so freilich nicht genannten – Kinder- und Jugendprogramm mit Kostümverleih, DVD-Stationen und einem wandhohen Kurzmanga vor. Über den Einfluss der japanischen Comics und Animes auf die globale Populärkultur sowie auf die zeitgenössische Kunst erfährt man hingegen praktisch nichts.

Auch der klassische Ausstellungsteil bleibt an der Oberfläche. Gezeigt werden Gemälde von Signac oder Félix Vallotton, auf denen mit japanischen Holzschnitten, Fächern oder Vasen eingerichtete Wohnungen zu sehen sind, und Bilder von als Geishas kostümierten Damen der besseren Gesellschaft. Das sind freilich eher Zeugnisse jener allgemeinen Japan-Begeisterung – die auch heute wieder in mehr oder weniger authentischen Kostümen ihre häufigste Form annimmt.

Am Beispiel Monet lässt sich noch am besten nachvollziehen, wie die japanischen Vorbilder ihre Wirkung im Impressionismus entfalteten: mit dem Verzicht auf Tiefenwirkung, der Betonung des Dekorativen und der „Entdeckung“ des Serienprinzips. Immer wieder kehrte Monet zu den Seerosen seines Gartens zurück, um die Konturen der Pflanzen im Spiel der Farben und des Lichts aufzulösen.

Auch davon ist im Arp Museum leider viel zu wenig zu sehen. Aber dafür eine reiche Auswahl aus Monets eigener exquisiter Japan-Sammlung. Sie immerhin erlaubt es, den Japanfiebrigen den Puls zu fühlen.

Museum Bahnhof Rolandseck, Arp:bis 20. Januar 2019. Der Katalogzur Ausstellung kostet 29 Euro. www.arpmuseum.org

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