© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders, FR
Rembrandt Harmensz. van Rijn: Susanna im Bade, um 1636.
Rembrandt-Ausstellung
Kultur

Werkstatt der Wahlverwandten

Von Ingeborg Ruthe
17:24

Unser Rembrandtbild ist in den letzten 30 Jahren ein anderes geworden. Immer bessere technische und stilistische Untersuchungen führten dazu, dass etliche Werke nicht mehr dem Genie aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande, sondern seinen zahlreichen Schülern zugeschrieben werden.

Das waren aber keinesfalls alles Epigonen, sondern junge Männer mit durchaus eigenem Ausdruckswillen. Jedoch standen in der Werkstatt des gefeierten Meisters (1606-1669) oft die gleichen thematischen Aufträge an: Porträts von Fürsten und reichen Bürgern, alltägliche Lebensszenen. Und vor allem biblische Motive. Gleichklang, Nachahmung oder Anverwandlung waren sozusagen Werkstatt-Prinzip, man malte und zeichnete, radierte und druckte in einer Art Fließband-Produktion, wobei jeder an jedem Werk irgendwie einmal Hand anlegte,

 Längst wissen die Kunsthistoriker, nicht zuletzt wegen der akribischen Arbeit und Abschreibungspraxis des 1968 gegründeten, seither in den Museen und Sammlungen der Welt gefürchteten Amsterdamer Rembrandt Research Project, dass es sich eben oft um Arbeiten der Schüler handelt. Heute würden man sie Studio-Assistenten nennen, diese Künstler namens Ferdinand Bol, Govert Flinck, Jan Victors, Willem Drost, Karel van Savo, Arent de Gelder. Oder Rembrandts Lieblingsschüler Carel Fabritius, von dem wir hier eine kraftvolle, bewegte Federzeichnung „Junges Paar zu Pferde“ sehen und dessen winziger „Distelfink“ im Mauritshuis Den Haag zum Popstar – und vor Jahren Ideengeber für einen Bestsellerroman wurde.

Auch Berlins Gemäldegalerie – in ihrer Sammlung finden sich Rembrandt-Hauptwerke, um die Museen der Welt das Haus beneiden – musste sich 1986 mit einem schweren Schlag ins Kontor abfinden. Ihr Vorzeigebild, dieser Inbegriff für Rembrandts Licht-auf-dunklem-Grund-Genialität, „Der Mann mit dem Goldhelm“, wurde abgeschrieben. Sein Maler zählt nur noch zum Umkreis, ein namenloser Schüler, zweifellos hochbegabt und eigenwillig.

Der Berliner Kunsthistoriker Werner Busch tröstete damals: „Es gibt Rembrandt-Bilder, die sind rembrandtischer als Rembrandt selbst...“ Das Kupferstichkabinett besitzt seit langer Zeit 160 Zeichnungen von Rembrandt und seiner Werkstatt. Die besten 100 Blätter sind nun um einige des gefeierten Niederländers versammelt. Die Blätter, Federzeichnungen zumeist, sind sich zum Verwechseln ähnlich im Stil, im verknappenden Strich, in der Lichtführung. Für Laien kaum unterscheidbar sind etwa zwei Zeichnungen aus den 1630er-Jahren: Rembrandts „Susanna im Bade“, Rötel auf Papier, und seines Schülers Gerbrand van den Eckhouts „Susanna und die beiden Alten“, Feder in Braun auf lichtgrünem Papier. Der jeweilige Titel ist eigentlich austauschbar, wird für das gleiche oder ähnliche Motiv verwendet, auch von anderen Barockmalern, so Rubens. 

In beiden Federzeichnungen sind die Scheu und Verschämtheit der Frau dargestellt, ebenso die lüsterne Begehrlichkeit der lauernden Alten, die sich an der Schutzlosen vergehen wollen und – weil sie sich weigert – die Bedauernswerte erpressen mit der Lüge des Ehebruchs, worauf Todesstrafe steht, alttestamentarisch: Steinigung.

Diese biblische Erzählung von der Rettung der Susanna durch den Propheten Daniel wird auf beiden Blättern eindrucksvoll, geradezu entschlossen erzählt. Zögerlich misstrauisch verhält sich die junge Frau auf Rembrandts Blatt, angstvoll und abwehrend in Eckhouts Diktion, denn sie wird von dem einen Alten direkt bedroht. Und der Garten, die Bäume und Büsche sind in raschen, arabeskenhaften Formen angedeutet. Bei Rembrandt schauen obendrein Kamel und Vögel zu, Zeichen für die gleichgültige Schönheit der Natur.

Der Meister zeichnete seine Bathseba ein Jahr nach dem Schüler, das berühmte Gemälde (Berliner Gemäldegalerie) vollendete er erst 1647. Anregung war wohl keine Frage der Hierarchie. Gleichwohl war es nach den Statuten des 17. Jahrhunderts so, dass der Meister alles in seinem Atelier Gefertigte unter seinem Namen verkaufen durfte. Das erklärt auch, dass es Werke mit Rembrandts Signatur gibt, an denen er keinen Strich tat. Rembrandt war nicht zuletzt ein Unternehmer mit einer großen Werkstatt.

Wir erleben nun begnadete Zeichner, die sich fein unterscheiden vom Lehrer, aber auch viele Gemeinsamkeiten haben. Rembrandt war ein Riese seines Metiers. Aber seine Schüler waren neben ihm keinesfalls Zwerge. 

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