© Cao Fei/Vitamin Creative space, FR
Cao Fei: „Live in RMB City“. Video Still, 2009.
„Virtual Insanity“
Kultur

Virtuelle Brutalitäten

Von Sylvia Staude
07:28

Die Soldaten, die die Vereinigten Staaten von Amerika zum Beispiel nach Afghanistan schicken, bilden sie auch anhand virtueller Welten aus, die Landschaftsmerkmale und Gebäude so naturgetreu abbilden, dass sogar der je nach Tageszeit passende Schatten nicht fehlt. Ein Ausbilder kann in diesen Computerspielen Feinde platzieren. Wenn die Soldaten dann traumatisiert zurückkommen, muss für eine „Nachbereitung“ die billigere Version ohne Schatten genügen.

„Ernste Spiele“ und „Ernste Schatten“ heißen zwei Videoinstallationen des 2014 gestorbenen Filmemachers Harun Farocki, die unter anderem der stockenden Erzählung eines US-Soldaten folgen, dessen Kamerad zerfetzt wurde. „Ich dachte, ich muss sterben.“ Eine Therapeutin lobt ihn, wenn er wieder ein paar virtuelle Schritte gemacht und realen Horror ausgesprochen hat.

Farockis Arbeiten sind zur Zeit in der Mainzer Kunsthalle zu sehen, in einer „Virtual Insanity“ überschriebenen Ausstellung, die viele Schrecklichkeiten und Brutalitäten versammelt – und es macht die Sache kaum besser, dass wenigstens der Franzose Antoine Catala sich vor Blümchentapete als zierlich die Pfote schleckender und langsam den Kopf wendender „Cat-ala“ abbildet.

„My Generation“ nennen Eva und Franco Mattes eine Installation, bei der vor allem die Tonspur beunruhigt. Grisselige Video-Bilder, möglicherweise aus älteren Filmen, möglicherweise aus dem Internet, flimmern über einen hochkant gestellten Computerbildschirm. Jemand schreit „aus dem Weg“ oder „Ich sag’s euch nur einmal“. Auch Kinder scheinen hier angebrüllt zu werden. Still stehen in unmittelbarer Nachbarschaft Skulpturen von Renaud Jerez, teils haben sie menschliche, teils tierische Züge, Krallenfüße zum Beispiel. Teils wirken sie wie ein mühsam geflickter, sein Skelett offenbarender Roboter.

Man sollte sich gut überlegen, ob man die VR-Brille aufsetzt, um einzutauchen in „Real Violence“, „wahre Gewalt“ des Israelis Jordan Wolfson: Man saust hinunter zu einem Bürgersteig, wo dann ein junger Mann von einem anderen jungen Mann unvermittelt angegriffen und mit einem Baseballschläger äußerst realitätsnah erschlagen wird. Wenn man den Kopf nur ein wenig wendet, kann man allerdings wegschauen, ein Akt, der symbolisch erscheint.

Ins unheimlich Fantastische führt Jon Rafmans „Dream Journal“. Einem Mädchen kullern die Augen raus, aber später kann sie sie wieder reinstecken. Auf einem Moped fährt sie mit in einen Schlund, aber im Magen ist es dann doch wieder ganz nett. Das könnte auch ein Videospiel sein („fang die Augen“), wenn der Ausstellungsbesucher aktiv eingreifen könnte.

„Virtual Insanity“, virtueller Wahnsinn, ist ein Songtitel von Jamiroquai. In der Mainzer Ausstellung gleichen Namens hat der serbische Künstler Igor Simic die Rolle des via Computer – „Sublime Search Engine“ heißt seine Arbeit – geschmeidig Warnenden und zart Belehrenden eingenommen. Sein Erzähler war nur eine Suchmaschine, ist nun aber ein „künstlich intelligentes Monster“, wie der Betrachter und Zuhörer erfährt. Ein Monster ohne Herz, das gefüttert wird, indem der Mensch (auch der, der just vor dieser Installation steht) dies und das runterlädt, dies und das hochlädt. Und schon bald „gehört mir dein Verstand“, droht die künstliche Intelligenz.

Ehe es so weit kommen kann, muss die Besucherin aber an die Sonne: Allzu fleißig arbeitet die Kunsthallen-Klimaanlage.

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