Weltkulturen Museum
Kultur

Rätsel um ein Metallröhrchen

Von Swantje Kubillus
12:53

Wie kommt ein südafrikanisches Wehrgehänge in ein Frankfurter Museum? Welche Wege nahm eine indonesische Ganesha-Figur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, um auf den europäischen Kunstmarkt zu gelangen? Welche Geschichten können die „heiligen Steine“ eines afrikanischen Magiers erzählen, dem sein ihm wertvoller Besitz von einem deutschen Forschungsreisenden auf unlauterem Wege genommen wurde? Und was geschah mit Kunstobjekten aus jüdischem Besitz während und nach der NS-Zeit? Mit diesen Fragen beschäftigt sich jetzt das Weltkulturen Museum Frankfurt in der Ausstellung „Gesammelt. Gekauft. Geraubt? Fallbeispiele aus kolonialem und nationalsozialistischem Kontext“. Die Schau zeigt eine Auswahl an Raubkunstobjekten aus Afrika, den beiden Amerikas, Ozeanien und Südostasien.

Insgesamt befinden sich in der Sammlung des Weltkulturen Museums heute an die 60 000 Objekte, von denen nur ein kleiner Teil zu sehen ist. Denn die Objektbiografien seien komplex. Insbesondere für Objekte, die während der Kolonialzeit und der Zeit des Nationalsozialismus in den Besitz deutscher Museen kamen, sei der Zugang problematisch, so die Kuratorinnen Julia Friedel und Vanessa von Gliszczynski.

Da das Archiv des Hauses während eines Bombenangriffs 1944 zu großen Teilen zerstört wurde, fand im Zuge der Ausstellung eine erste Kooperation mit Händlern, Nachkommen und Institutionen in den Niederlanden, Frankreich und Südafrika statt. Dadurch ließ sich zumindest teilweise die Kette der Besitzverhältnisse der Gegenstände rekonstruieren. Besucherinnen und Besucher finden jeweils Hinweise zu diesen Wissenslücken; interessant wäre es natürlich, sie nun weiter schließen zu können.

So trifft man etwa auf einen leeren Schaukasten, der auf die Enteignung des jüdischen Künstlers und Sammlers Alfred Nathaniel Oppenheim in den frühen 1940er Jahren hinweist. Die seinem Besitz zuzuordnenden Gegenstände wurden entweder zerstört oder gelten heute als verschollen. Allein dieses „Nichtvorhandensein“ bietet Raum, um die Ereignisse der Vergangenheit nachzuempfinden.

Den Kuratorinnen der Ausstellung ist es ein Anliegen, dass die Provenienzforschung zukünftig stärkere Förderung erfährt, um sich sowohl mit der eigenen, als auch der Geschichte anderer Kulturen angemessen auseinandersetzen zu können. Ziel der Ausstellung sei es, zu einem kritischen Nachdenken über den Weg der Dinge ins Museum anzuregen und auch gerade nachfolgende Generationen für das Thema zu sensibilisieren, weswegen zu der Ausstellung auch Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten werden. Ferner wäre es wünschenswert, den Austausch mit den Ländern zu stärken, aus denen die Objekte stammen. Doch auch das gestaltet sich schwierig: denn es ist zum Teil nicht klar, wer vor Ort Besitzansprüche erheben dürfte – internationale Rückgaberichtlinien gibt es nicht.

Als Kriegstrophäe gelangte das südafrikanische Wehrgehänge 1879, als ein Geschenk des Sammlers Carl Immanuel Müller, in den deutschen Museumsbesitz. Müller wanderte 1876 nach Südafrika aus, wo er während der Kolonialkriege im damaligen Britisch-Kaffraria eine Legion leitete. In seinen Tagebuchaufzeichnungen findet sich der Hinweis, dass er am 11. März 1878 zwei Gegner erschoss und einige Zeit später noch einmal an der Stelle vorbeiritt, an der die Leichen lagen. Vermutlich sammelte er bei dieser Gelegenheit die Gegenstände ein.

In dem Metallröhrchen, das am Wehrgehänge befestigt ist, fand sich ein Pass, auf dem Alter und Größe des ehemaligen Besitzers vermerkt sind. Zudem steht dort der Name „Colani“. Ein Blick in die Museumsdatenbank wies jedoch Unstimmigkeiten auf, denn dort ist der Name „Ncalu Maxiti“ zu lesen. Möglicherweise brachte der Sammler zwei Wehrgehänge mit - von denen eines als verschollen gilt.

 

Weltkulturen Museum , Frankfurt: bis 27. Jan. www.weltkulturenmuseum.de

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