© Ahlering/Voloj/Knesebeck, FR
Das Opfer kennt seinen Mörder - doch das Publikum bleibt im Ungewissen.
Annette von Droste-Hülshoff
Kultur

„Die Judenbuche“ als Graphic Novel

Von Monika Gemmer
07:54

Die Graphic Novel beginnt wie ein Sonntagskrimi: In einem verschneiten Wald führt ein jüdischer Händler im letzten Tageslicht Vieh und Wagen heimwärts. Ein Knacken im Geäst lässt ihn aufhorchen. Da tritt hinter einem Baum sein Mörder hervor. Der Arglose kennt den Angreifer, das Publikum hingegen sieht ihn nur von hinten. Dann liegt das Opfer erschlagen unter einer Buche – es ist jener Baum, an dem am Ende der Geschichte ein Selbstmörder hängt. Der Täter, so scheint es, hat sich am Tatort selbst gerichtet.

In ihrer Comic-Adaption der „Judenbuche“ nach der Erzählung von Annette von Droste-Hülshoff stoßen uns Illustratorin Claudia Ahlering und Autor Julian Voloj mitten hinein ins dramatische Geschehen – und weichen damit gezielt von der literarischen Vorlage ab.

„Die Bekanntheit der Novelle machte uns zunächst Sorgen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Voloj in seiner Nachbemerkung. „Während Droste-Hülshoff in ihrer Milieustudie langsam auf Mordfall und Selbstmord hinarbeitet, haben wir uns entschieden, damit zu beginnen und zu enden. Daraus entsteht bei uns der Erzählbogen, der auch Schuld und Sühne symbolisiert.“

Historischen Mordfall aufgegriffen 

Dass die Dichterin weit ausholte für ihre Kriminalnovelle, die sie in den 1830ern aus dem Stoff eines historischen Mordfalles aus dem Paderborner Land formte, hat seinen Grund. Ursprünglich plante sie ein „Westfalen-Buch“, in dem sie Gebräuche, Landschaft, Menschenschlag und Volksglauben ihrer Heimat beschreiben wollte. Ihr „Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen“ (den Titel „Die Judenbuche“ erfand der Redakteur Hermann Hauff, als die Erzählung 1842 in Fortsetzungen im renommierten „Morgenblatt für gebildete Leser“ erschien) sollte hier eingebettet werden.

So kommt es, dass Leser der Droste-Novelle vor dem ersten Todesfall Landstrich und Bevölkerung kennenlernen. Die Dorfbewohner sind durch klägliche landwirtschaftliche Erträge, durch Kriege, Brand und Seuchen, aber auch Abgaben an die Grundherren schwer belastet, und der Wald ist der Schauplatz, auf dem der Konflikt ausgetragen wird. Der Adel erhebt Besitzansprüche auf Forst und Wild, die Dörfler betrachten beides als frei verfügbar, denn „das Holz lässt unser Herrgott frei wachsen, und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können niemand angehören“. So schlagen des Nachts die „Holzfrevler“ Schneisen, mit den Förstern Katz und Maus spielend. Verhasster als die Förster sind nur die Juden.

Die Dichterin erlebte die Verhältnisse vor Ort selbst mit: „Das Wilddieben und Holzstehlen geht überhaupt noch seinen alten Gang“, schrieb sie 1839 an ihren Freund und Mentor Christoph Bernhard Schlüter, „man kann nach Sonnenuntergang nicht spazierengehn, ohne Banditengesichtern mit Säcken zu begegnen ...“

 Den „abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel“ kannte die im Münsterland geborene Autorin von vielen Besuchen: Es war die Heimat ihrer Mutter, die aus einer der bedeutendsten Adelsfamilie im Paderbornischen stammte. Urgroßvater und Großvater der Dichterin waren als Gutsherren und Ortsrichter in die Untersuchungen involviert, die dem tatsächlichen Mord am jüdischen Händler Soistmann Berend und dem späteren Suizid des mutmaßlichen Täters Hermann Georg Winckelhan folgten, und einer ihrer Onkel veröffentlichte den Bericht auf Grundlage der Gerichtsakten. Annette von Droste schöpfte aus naher Quelle, als sie den Fall literarisch verarbeitete.

Eine Kindheit voller Gewalt

Was macht einen Menschen zum Mörder? Für ihre doppelbödige Novelle ersann die Autorin eine Vorgeschichte, an der sich nach dem spektakulären Einstieg auch die Comic-Adaption orientiert. Ahlering und Voloj schildern die von Alkoholismus und häuslicher Gewalt geprägten Familienverhältnisse, in denen der Protagonist Friedrich Mergel aufwächst, konsequent aus der Perspektive des Kindes. Eindringlich setzen sie seine Alpträume ins Bild, lassen die „Windsbraut“ durch die Stube fahren in der Nacht, als Friedrichs Vater nicht mehr zurückkehrt.

Wer die Novelle gelesen hat, erkennt sogleich den zwielichtigen Onkel mit dem hechtsartigen Gesicht, unter dessen demoralisierenden Einfluss der Neunjährige nach dem Tod des Vaters gerät, oder den Johannes Niemand, Alter Ego des zum hochmütigen Dorfelegant heranwachsenden Friedrich, an dessen schlaksiger Gestalt.

Die Bauernhochzeit, bei der sich Friedrichs Schicksal entscheidet, nutzen Ahlering und Voloj für eine Hommage: Sie machen die Dichterin der „Judenbuche“ zur Protagonistin ihrer eigenen Novelle. Annette von Droste ist unverkennbar: Kleid, Frisur und Körperhaltung erinnern an ihr Porträt des Malers Johann Joseph Sprick von 1838, das heute in ihrem Geburtshaus hängt, der Burg Hülshoff westlich von Münster.

Der nunmehr 19-jährige Friedrich prostet seiner Schöpferin zu: Das hätte der adligen Autorin, die wie selbstverständlich Kontakte zu benachbarten Bauernfamilien pflegte, zweifelsohne gefallen.

Von der Feier führt Friedrichs Weg direkt in den Untergang. Er protzt mit einer unbezahlten Uhr, bis der geprellte Händler – in der Graphic Novel heißt er Adam, bei Droste Aaron – ihn vor allen Leuten mahnt. Die Demütigung sitzt tief. Am selben Abend wird der Jude im Wald getötet, der Verdacht fällt schnell auf den Schuldner. Der flieht in Begleitung von Johannes Niemand aus dem „Dorfe B.“. Die jüdische Gemeinde aber ritzt einen hebräischen Spruch in die Rinde des Baumes: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan.“ Schwarze Magie als gängiges Motiv antijüdischer Literatur: Voloj, der aus Münster stammt, und Ahlering, die hier studierte, ergänzen die Novelle um weitere antisemitische Elemente, bauen etwa das vieldiskutierte Marienrelief aus dem Eingangsbereich des Münsteraner St.-Paulus-Doms in die Geschichte ein, auf dem die Gottesmutter ihre Füße auf Juden und Heiden stellt.

Mehr als zwei Jahrzehnte vergehen, bis ein vor der Zeit gealterter Mann in die ostwestfälische Heimat zurückkehrt. Er stellt sich als Johannes Niemand vor. Erst nachdem der Außenseiter unter der Judenbuche den Tod gewählt hat, erkennt man in ihm Friedrich Mergel, den einst Verdächtigen. Identifiziert wird er an einer Narbe am Hals – nach der Comic-Adaption eine Verletzung aus Kindertagen, die der Junge sich zuzog, als er seinem schlagenden Vater in den Arm zu fallen versuchte. Es ist ein weiteres der wenigen Details, bei der die Graphic Novel sich künstlerische Freiheiten nimmt. Annette von Droste ließ die Herkunft des Kainsmals im Dunkeln. Und ob ihr Friedrich ein Mörder war, bleibt ungewiss. Ein Krimi mit offenem Ende.

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