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„Wenn die Last zu groß ist, knickt selbst die Liebe ein“, sagt Ayobami Adebayo.
Ayobami Adebayo
Kultur

Die besseren Versionen unseres Selbst

Von Marie-Sophie Adeoso
16:20

Es gibt diesen Punkt in Yejides Leben, da sagt sie zu ihrem Mann: „Akin, ich glaube, es wird ein Mädchen.“ Jenes ungeborene Kind, das ihren Bauch wachsen lässt. Auch noch, als mehrere Ärzte ihr mit Blick aufs Ultraschallbild mitgeteilt haben, dass da nichts sei in ihrem Leib. Yejide aber hält diese Scheinschwangerschaft, die sie in einer kuriosen Zeremonie auf dem „Berg der beispiellosen Wunder“ empfangen hat, mehr als ein Jahr lang aufrecht. Pseudocyesis lautet der medizinische Fachbegriff für das, was die nigerianische Autorin Ayobami Adebayo in ihrem Debütroman „Bleib bei mir“ tragikomisch schildert.

Es ist nur eine von vielen Diagnosen, die das auch nach Jahren noch ungewollt kinderlose Eheleben von Yejide und Akin belasten. Als die junge Frau sich in ihrer Verzweiflung dem Aberglauben eines Wunderheilers zuwendet (der zu Zeiten seiner Abwesenheit per Schild mitteilt: „Wenn Sie ein Wunder brauchen, kommen Sie bitte nächsten Monat“), da hat sie schon einiges ertragen. Hat sich gegen den Reproduktionsdruck ihrer Schwiegermutter und der weiteren Verwandtschaft „mit millionenfachem Lächeln gewappnet: dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert“.

Dass dem Paar, das sich einst gegen die Polygamie entschieden hat, nun eine Zweitehefrau aufgedrängt wird, damit wenigstens Akin nicht kinderlos bleiben möge, das aber ist der Demütigungen eine zu viel.

„Es gibt viele Frauen, die mit Leuten umgehen müssen, die denken, sie hätten ein Recht, ihnen zu sagen, wie sie ihr Leben zu leben haben“, kommentiert Ayobami Adebayo im Gespräch mit der FR, „viele Paare, die die Erwartungen ihrer Familienmitglieder, ihre eigenen Erwartungen und die Realität ihres Ehelebens miteinander in Einklang bringen müssen, um einen Mittelweg zu finden, auf dem sie einigermaßen bequem laufen können.“

Ruhig, beinahe ein wenig verharmlosend erläutert die Autorin den Grad an externer Einmischung in intimste Lebensentscheidungen, den sie insbesondere ihrer Protagonistin zumutet. Da sagt etwa die Schwiegermutter zu Yejide: „Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann.“ Später, wenige Tage nachdem Yejide dann doch ein Kind geboren hat, wird sie ihr die Finger in die Vagina stecken, um zu prüfen, ob diese schon „fest“ genug sei, um sich an die Produktion des nächsten Kindes zu machen.

Es sind erdrückend einengende, sexistische Rollenvorstellungen, denen sich das junge Paar im südwestlichen Nigeria der achtziger Jahre ausgesetzt sieht. Dennoch betont Adebayo, den Schmerz eines unerfüllten Kinderwunsches und den Erwartungsdruck auf Frauen, Mutter zu werden, gebe es schließlich überall: „Die kulturellen Feinheiten mögen sich unterscheiden. Aber die Sehnsucht und diese tiefe Frustration, etwas nicht haben zu können, was du dir so sehr wünschst, verbinden Menschen über Grenzen hinweg. Ebenso die Tendenz Angehöriger, sich Meinungen dazu zu erlauben. Ich persönlich kann mich glücklich schätzen, eine Familie zu haben, die mich mein Leben nach meinen eigenen Regeln leben lässt. Wenn mir nahestehende Menschen, die ich liebe und nicht verlieren möchte, Druck auf mich ausüben, ist das sicher sehr viel schwieriger auszuhalten.“

Aufgewachsen auf dem Universitätscampus der Stadt Ife, fing die 1988 geborene Autorin schon früh mit dem Schreiben an. „Ich erinnere mich sehr gut an mein Notizbuch, das ich als Neunjährige hatte“, sagt sie; ein gelbes Notizbuch, dem mit den Jahren viele folgen sollten. 2007 mit 19 Jahren besuchte sie den ersten der mittlerweile regelmäßig abgehaltenen Schreibworkshops der weltbekannten Schriftstellerin Chimamanda Ngozie Adichie in Lagos. „Das war eine gute Zeit, um über das Schreiben als Handwerk nachzudenken. Es hat mir sehr geholfen, diesen Schritt schon so früh zu vollziehen. Mich weiterzuentwickeln von dem Gedanken, Talent zu haben, dahin, hart daran arbeiten zu müssen, mein Handwerk zu beherrschen.“

Ayobami Adebayo studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der Universität von East Anglia in Großbritannien, auch bei Margaret Atwood, die Adebayos Debütroman auf dem Buchumschlag als „brennend, fesselnd, wunderschön“ preist. Hatte Adichie sie gelehrt, Schreiben als Disziplin zu betrachten, beeindruckte Atwood Adebayo mit ihrer Belesenheit. „Ich habe mich immer als Leserin gesehen, aber die Begegnung mit Atwood hat mich überdenken lassen, wie zentral und wichtig das Lesen ist, wenn man schreiben möchte.“

Sie habe ihren – im englischsprachigen Raum bereits mit viel Kritikerlob und Preis-Nominierungen bedachten – Roman nicht mit dem Ziel geschrieben, Geschlechterrollen aufzubrechen, sagt Adebayo. Auch wenn sie froh sei, wenn es ihr gelänge. Denn sie sei sich „sehr bewusst, dass ich mich mit diesem Buch in eine Tradition einschreibe. Eine Tradition insbesondere nigerianischer Frauen, die mit den Erwartungen gekämpft haben, was es bedeutet, eine Frau und Mutter zu sein.“ Angefangen bei Flora Nwapa, die gemeinhin als „Mutter der modernen westafrikanischen Literatur“ gilt, über die jüngst verstorbene Buchi Emecheta, die in ihrem Werk auch ihre eigenen Erfahrungen als alleinerziehende Migrantin in Großbritannien verarbeitete, bis zu jüngeren Veröffentlichungen wie Lola Shoneyins „Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi“, das einen humorvollen Blick auf die in Teilen der nigerianischen Gesellschaft bis heute kulturell akzeptierte Polygamie wirft.

„Ich glaube, es ist bezeichnend, dass so viele nigerianische Autorinnen sich dieses Themas annehmen“, erklärt Adebayo: „Es sagt etwas darüber aus, wie wir Mutterschaft wahrnehmen und wie wir manches Mal dazu tendieren, den Respekt, der jedem Menschen zusteht, im Falle von Frauen zurückzuhalten, bis sie Mütter geworden sind.“

Mit einem feinen Gespür für Spannungsbögen entwickelt die Autorin in „Bleib bei mir“ eine weit über die Thematik des unerfüllten Kinderwunsches hinausreichende Geschichte von Liebe und Verrat, von Hoffnung, Trauer und Verlust. Abwechselnd erzählen Yejide und Akin aus der Ich-Perspektive von ihrer Beziehung und ihrem Familienleben, das im Laufe des Buches von einer tückischen, unter anderem in Ländern Afrikas weit verbreiteten Erbkrankheit gebeutelt wird. „Als ich Anfang zwanzig war, starb eine gute Freundin von mir an der Sichelzellkrankheit“, erzählt Adebayo. „Und leider blieb sie nicht der letzte Mensch, den ich an diese Krankheit verlor. Das Thema ließ mich nicht los. Ich dachte viel darüber nach, wie schwer es für eine Mutter sein muss, ihr Kind zu verlieren und wie furchteinflößend, dem so machtlos ausgeliefert zu sein.“ Sie wisse von Familien, die drei Kinder hintereinander an diese Krankheit verloren haben: „Ich wollte es deswegen nicht weniger erschütternd schildern, als es in der Realität sein kann für die Eltern dieser Kinder und auch die Kinder selbst. Das ist meine Entschuldigung für das Leid, das ich meinen Figuren zugemutet habe.“

Es gehört neben pointierten Dialogen zu  den Stärken des Romans, wie Adebayo den Umgang mit Schicksalsschlägen auslotet. Und wie treffend sie schildert, dass auch eine auf großer Liebe fußende Beziehung auf Dauer externer Einmischung und internen Verletzungen nicht standhalten kann. „Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.“

Die immer wieder eingestreuten Hinweise auf die politische Entwicklung Nigerias in den achtziger und neunziger Jahren hätte es als Hintergrund dieses berührenden Familienporträts eigentlich nicht gebraucht. Ein wirklich zentrales Manko des Buches aber ist es, dass Ayobami Adebayo die Kernkonflikte ihres Romans auf einem Vertrauensverrat fußen lässt, der ein schier unglaubliches Ausmaß an Naivität Yejides voraussetzt. Eine Naivität, die man der gebildeten, durchaus selbstbewussten Yejide kaum zutrauen mag und die einen zuweilen mit dem Buch hadern lässt. Lesenswert bleibt es dank lebensecht ambivalenter Charaktere trotzdem. Denn: „Was wäre die Liebe ohne die bis zum Zerplatzen aufgeblasene Wahrheit, ohne diese besseren Versionen unseres Selbst, die wir als die einzigen ausgeben?“

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