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Süße Frucht, bittere Ernte.
„Bittere Orangen“
Kultur

Europas neue Sklaven

Von Marie-Sophie Adeoso
08:00

Es gibt immer wieder diese Momente, da befällt Gilles Reckinger ein Gefühl von Scham. In jenem Hüttencamp im Wald etwa, als er sich mit Blick auf die hygienisch zweifelhafte Wohnsituation der hier hausenden afrikanischen Migranten kurz ekelt, als diese ihm einen Kaffee anbieten – dieser ihm dann aber doch köstlich schmeckt.

Die Scham, sie überfällt den Luxemburger Ethnologieprofessor immer dann, wenn ihm die Diskrepanz zwischen seinem eigenen privilegierten Leben und dem jener Menschen, die er in elenden Lebens- und Arbeitsumständen am Rande Europas besucht, allzu deutlich ins Auge springt. Wenn er merkt, dass es ihm ob dieser Diskrepanz bei allem Bemühen nicht immer gelingt, auf Augenhöhe mit den Befragten zu kommen, weil sie sich in ihrer verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben „in eine quasi-koloniale Unterwürfigkeitshaltung“ begaben, „die mich als Weißer beschämte“.

Über Jahre hinweg ist Reckinger immer wieder in die Gegend um Rosarno in Kalabrien gereist. Dort, wo an Italiens Stiefelspitze, tausende afrikanischer Migranten zu Hungerlöhnen auf Orangenplantagen schuften. In seinem Buch „Bittere Orangen“ beschreibt und kommentiert Reckinger, was er gesehen, erlebt, erfragt hat. Hatte er in seinem Buch „Lampedusa“ noch die Bewohnerinnen und Bewohner jener Mittelmeerinsel porträtiert, auf der viele Flüchtlingsboote landen, folgt er nun dem Weg derer, die nach ihrem Landgang in eines jener Identifizierungs- und Abschiebelager kommen, in denen ihr Asylverfahren beginnt und deren größtes sich nahe der kalabrischen Stadt Crotone befindet.

Es sind erschütternde Zustände, die der Ethnologe schildert und die er als eine neue Form der Sklaverei mitten in Europa bezeichnet. Jene Menschen, die den gefährlichen Weg von Afrika nach Europa übers Mittelmeer überlebt haben, schuften auf den süditalienischen Obstplantagen; pflücken als Tagelöhner zwölf Stunden am Stück Orangen für maximal 250 Euro monatlich, um sich anschließend in einem klammen Zelt oder selbstgebauten Slum-Verschlag zur Nachtruhe zu betten. Pflücken jenes Obst, das anschließend zu Schleuderpreisen auch in deutschen Supermärkten feilgeboten wird. „Seriöse Schätzungen gehen inzwischen von deutlich über 300 000 Arbeitern und Arbeiterinnen im Sektor landwirtschaftlicher Erntearbeit aus“, schreibt Reckinger.

Es sind Menschen aus verschiedenen afrikanischen Ländern, die während ihrer Asylverfahren buchstäblich auf der Straße stehen – und auch im Anschluss daran kaum mehr Rechte und Mittel haben, erst Recht wenn ihr Asylgesuch abgelehnt wurde und sie „ohne Papiere, Visum und Geld für die Rückreise“ in der Illegalität überleben müssen. Die in der sozialen Hackordnung noch unter den südosteuropäischen Saisonarbeitskräften stehen und sich zudem rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sehen. „Es ist die soziale Kälte, die mir hier immer wieder in die Glieder fährt“, folgert Reckinger.

Es ist ein zutiefst politisches Buch, das der Ethnologe vorlegt. Aus der Ich-Perspektive geschrieben macht er keinen Hehl daraus, wie sehr ihn der Umgang mit den (überwiegend männlichen) Erntearbeitern empört – und dass er diese „neue Sklaverei“, die sich nicht nur in Italien ausbreite, als „direkte Konsequenz der Abschottung an den Grenzen“ betrachtet und als einen integralen Bestandteil neoliberalen Wirtschaftens, das koloniale Ausbeutungsverhältnisse reproduziert.

Wohl der ethnologischen Arbeitsweise geschuldet, mögen die ausschweifenden, sehr detaillierten Beobachtungen Reckingers manches Mal etwas lang und redundant ausfallen. Unterfüttert mit farblich abgesetzten Informationsblöcken – etwa zu verwendeten Begriffen, rechtlichen und politischen Hintergründen –, Fotografien und O-Tönen vieler Migranten, lesen sich seine Aufzeichnungen dennoch flüssig.

Reckinger schaut hin, wo Europa wegschaut. Und er lässt jene Menschen zu Wort kommen, die sonst keine Stimme im öffentlichen Diskurs haben. Liest man was ihnen auf europäischem Boden widerfährt, dann ist das in der Tat beschämend. Beschämend für Europa.

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