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An der Schule, erzählt Brit Bennett, gab es keine schwarzen Autoren, keine schwarze Geschichte.
Brit Bennett
Kultur

„War das jetzt rassistisch?“

Von Susanne Lenz
14:34

Guter Hoffnung sein. Was für eine schöne Umschreibung für eine Schwangerschaft. Aber in Brit Bennetts Romandebüt trifft sie auf keine der Frauen zu, die ein Kind erwarten. Schwanger zu sein, bedeutet in „Die Mütter“, dass man seine Träume begraben muss, so wie die Mutter von Nadia, eine der Protagonistinnen in diesem tollen Buch. Sie war 17, als es sie traf. Und nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Nadia ist 17 und kriegt ein Kind. „Sie hätte es wirklich besser wissen sollen. Schließlich war sie das Missgeschick ihrer Mutter.“ Dieser Satz wirft einen mitten hinein in die Not eines Teenagers, der nicht jedes Mal auf einem Kondom bestanden hat, als sie mit dem Sohn des Pastors ins Bett ging. „Und wenn schwanger zu werden das Schlimmste war, was Nadia tun konnte, wie viel Schmerz hat sie dann ihren Eltern mit ihrem unerwarteten Erscheinen bereitet? Wie viel vom Leben ihrer Mutter hatte sie zerstört?“ Nadias Mutter ist tot. Kurz bevor Nadia schwanger wurde, hat sie sich umgebracht, der Grund bleibt im Dunkeln. Das gibt ihrer Tochter Raum für schuldbeladene Spekulationen.

Siebzehn Jahre alt war auch Brit Bennett, als sie anfing, dieses Buch zu schreiben. Als sie 26 war, erschien es in den USA. Man könnte sagen, dass die beiden jungen Frauen zusammen erwachsen geworden sind. Und jetzt ist Brit Bennett fast 28, und der viel beachtete und hoch gelobte Roman „Die Mütter“ ist auf Deutsch erschienen. Dass sie mit dem Betrieb noch fremdelt, merkt man manchmal an der leicht verkrampften Haltung, die sie für Fotografen einnimmt. Aber wenn sie spricht, ist sie nicht nur entspannt, sondern scharfzüngig, selbstbewusst und überaus sympathisch.

Sie erzählt von Oceanside, ihrer Heimatstadt, eine kleine, nicht besonders wohlhabende Stadt im San Diego County, Kalifornien, der größte Marinestützpunkt an der Westküste, in der auch ihr Buch spielt. Nicht im selben sozialen Milieu allerdings. Brit Bennetts Vater war der erste schwarze Staatsanwalt der Stadtverwaltung, doch Nadias Vater ist ein Marine, ihre Mutter, die nicht mal mehr den High School-Abschluss geschafft hat, Zimmermädchen in einem Motel. Und der ungewollt schwangeren Nadia, die weg aus Oceanside und aufs College wollte, traut man beim Lesen nun auch nicht mehr viel zu.

Sie spielt gekonnt mit den Erwartungen

Was für ein schlaues Spiel Brit Bennett da mit einem spielt. Die geringen Erwartungen, mit denen man als junge Afroamerikanerin wohl dauernd erniedrigt wird, spürt man in sich selbst und schämt sich dann dafür. Aber Nadia hält fest an ihren „great expectations“, Nadia treibt ab.

Das Spiel mit den Erwartungen beherrscht Brit Bennett. Keine einzige fürsorgliche, aufopferungsvolle Mutter hat sie geschaffen, nur die eine, die ihr Kind auf die schlimmste Weise verlassen hat, die man sich vorstellen kann, und eine andere, die es vorzieht wegzusehen, wenn ihr Freund die Tochter vergewaltigt. Und dann gibt es noch die Kirchenmütter, wie sie in schwarzen Gemeinden existieren, hier als eine Art griechischer Chor mit Gesang aus Tratsch. Sie stellen die soziale Repression, die Enge in der Kirchengemeinde Upper Room her und repräsentieren sie zugleich. Lebensklug sind sie auch: „Wir waren alle mal in ein Arschloch verliebt. Es ist keine Schande, wenn du es dir früh genug wieder abgewöhnst.“ So frisch und gleichzeitig reif und stilsicher selbst bei den Kraftausdrücken schreibt Brit Bennett, und keine ihrer Figuren repräsentiert einfach nur ein bestimmtes Milieu, eine Problemlage. Dafür sind sie zu vielschichtig. Und nie behandelt die Autorin sie herablassend, sondern immer menschlich, so dass es leicht ist, eine Brücke zu ihnen zu schlagen.

Wie Brit Bennett, die an der Universität von Michigan Kreatives Schreiben studierte, zieht auch Nadia nach Ann Arbour. Und während das Thema Rassismus bis dahin im Hintergrund des Buchs grollte, wird es jetzt zum Thema. Oceanside war eine ethnisch gemischte Stadt, Ann Arbour ist vor allem weiß. „Zu 78 Prozent“, sagt Brit Bennett, und dass sie diese Zahl parat hat, ist ein Hinweis darauf, dass sie ihren Gefühlen gern auf den Grund geht. Und sei es, indem sie die Zahl recherchiert, auf die der Kulturschock zurückzuführen ist, den sie dort erlebte und den sie Nadia erleben lässt. „Sie lernte hier Rassismus in seiner verschlagenen Form kennen. Sie musste länger auf einen Tisch warten. Weiße Mädchen erwarteten, dass sie auf der Schneematsch-Seite des Gehwegs ging.“ Brit Bennett ist zu klug, um nicht auch die Gefahr dieses subtilen Rassismus zu erkennen, der einen irre machen kann. „Dauernd musste man sich fragen: War das jetzt wirklich rassistisch? Oder habe ich mir das nur eingebildet?“ Es muss ungefähr zur gleichen Zeit gewesen sein, dass Brit Bennett einen Essay mit dem Titel „I don’t know what to do with good white people“ schrieb, „Ich weiß nicht, was ich was ich mit wohlmeinenden Leuten anfangen soll“. Sie hat ihn bei Facebook gepostet und erzählt, dass sie damals nie gedacht hätte, dass sie drei Jahre später mit jemandem in Deutschland darüber sprechen würde. Tatsächlich hat sich der Text rasant verbreitet, war kurz nach seinem Erscheinen über eine Million Mal geklickt worden. Es ist ein Denkstück, an dem man sich ganz schön die Zähne ausbeißen kann.

Brit Bennett berichtet darin zum Beispiel von den mitfühlenden Reaktionen ihrer weißen Freunde nach dem Freispruch von Darren Wilson, der in Ferguson, Missouri den unbewaffneten Teenager Michael Brown erschoss. „Manchmal denke ich, gute weiße Menschen erwarten, für ihre Anständigkeit belohnt zu werden“, schreibt sie. Und als ich ihr sage, dass mich dieser Text ratlos gemacht habe, weil ich nicht wisse, was dann für mich zu tun bleibe, lacht sie. „Der Text will Fragen stellen.“ Das tut er sehr wirkungsvoll. Was sollen die gute Absichten, wenn in der Wirklichkeit Schwarze in allen möglichen Bereichen diskriminiert werden? „Wofür sind eure guten Absichten gut, wenn sie uns töten?“

Brit Bennett ist mit solchen guten Absichten großgeworden, nicht aber ihre Eltern. Sie erzählt von ihrer Mutter, die in Louisiana aufwuchs, als Kind einer Familie von kleinen Farmern, die die Pacht für das Land, das sie bestellten, mit einem Teil ihrer Ernte bezahlten. Schwarze und Weiße gingen in getrennte Schulen, Rassentrennung gab es auch im Bus. „Das war direkter, freimütiger Rassismus“, sagt Brit Bennett, genau wie ihr Vater ihn kennenlernte, der in einer von Gewalt geprägten Nachbarschaft in Los Angeles aufwuchs. Von Gleichberechtigung war erst gar nicht die Rede. Der Rassismus, mit dem sie selbst aufgewachsen ist, erfordert mehr Nachdenken.

Was das Thema angeht, habe sie alles von ihren Eltern gelernt, nicht an der staatlichen Schule, die sie besuchte. Dort habe es keine schwarzen Autoren gegeben, keine schwarze Geschichte. „Deshalb“, so sagt Brit Bennett, „gibt es auch keine Sprache dafür.“ Schon gar keine gemeinsame. Sie erzählt dazu eine Anekdote. Beim Besuch des Konzerts eines Gospel-Chors habe eine weiße Familie hinter ihr Platz genommen. Das vielleicht sechs Jahre alte Kind, habe gefragt, warum in dem Chor alle schwarz seien, die Eltern, hätten es zum Schweigen gebracht. „Dabei war das eine berechtigte Frage“, sagt sie. „Sie hätten ihm erklären sollen, dass Gospel-Chöre Teil der afroamerikanischen Kultur sind, dass das mit der Geschichte der Sklaverei zusammenhängt.“

Die Lektion, die sie ihrem Kind stattdessen gaben, lautete: Darüber spricht man nicht. „Weil sie nicht wissen, wie“, sagt Brit Bennett. Aber bestimmt haben sie es gut gemeint. Das nützt bloß nichts.

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