© Nina Subin, FR
Meg Wolitzer.
„Das weibliche Prinzip“
Kultur

Also schreibt Greer Kadetsky einen Bestseller

Von Christian Bos
14:20

Ehe, Familien, Sex, Lust, Eltern, Kinder. Das antwortet die Autorin Meg Wolitzer einem Partygast auf die Frage, worüber sie denn so schreibe. Der verweist sie kurzerhand an seine Frau. Die lese diese Art von Büchern. 

Wolitzer hat die Szene vor ein paar Jahren in einem Essay für die „New York Times“ beschrieben. „The Second Shelf“ war der übertitelt. Gemeint war das untere, schlechter sichtbare Regal, das vor allem für Bücher von Schriftstellerinnen reserviert sei. Als gingen Themen wie Ehe, Sex oder Kinder nur eine Hälfte der Menschheit etwas an. Als gäbe es ernstere, dringlichere Themen.

Ob Wolitzer es inzwischen aufgegeben hat, auch männliche Leser zu erreichen? Oder ob sie – nach dem internationalen Erfolg ihres vorangegangenen Romans „Die Interessanten“ – schlicht keine Lust mehr hat, das sowieso nicht abzusehende Ende patriarchaler Vorurteile im Literaturbereich abzuwarten? Jedenfalls hat sie ihr neues, zwölftes Buch „Das weibliche Prinzip“ genannt, im amerikanischen Original „The Female Persuasion“. Jeder Mann, beziehungsweise jedermann, sollte es lesen.

Zum einen, weil es auf eine ganz altmodische Weise einfach ein sehr guter Roman ist, bei dem Leserin und Leser über fast 500 Seiten mit den Erfolgen und Rückschlägen der Protagonisten fiebern, als gehörten diese zum allerengsten Freundeskreis. Zum anderen, weil Meg Wolitzer, 1959 in Brooklyn, New York geboren, hier eben gerade nicht über vorgeblich „kleine“ Themen schreibt, sondern die Machtfrage stellt: Feminismus bedeutet, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ wollen. Das wird einem nicht einfach geschenkt. Frauen fordern also mehr Macht. Aber die korrumpiert bekanntlich. Üben Frauen Macht anders aus? Oder verformt Macht Frauen nur auf andere Weise?

Die junge Studentin Greer Kadetsky erlebt gleich am ersten Tag am College ihren MeToo-Moment: Ein Burschenschaftler greift ihr auf einer Party an die Brust und lässt sie, die Schüchterne, sprach- und machtlos zurück. Erst als Faith Frank, eine Ikone der zweiten Welle des Feminismus, einen Gastvortrag am College hält, fühlt sich Greer erhört. Sie solle mal ihre „äußere Stimme“ ausprobieren, rät Faith Frank der Introvertierten bei einer Begegnung auf der Damentoilette und überreicht ihr ihre Visitenkarte. 

Drei Jahre später, das College ist geschafft, ihr fürsorglicher Freund Cory (er nennt sie neckisch „Space-Kadetsky“) im Auftrag einer Beratungsfirma nach Manila versetzt worden, meldet sich Greer auf der Suche nach ihrer wahren Berufung tatsächlich bei ihrem großen Vorbild. Dummerweise muss Franks feministische Zeitschrift „Bloomer“ just die Tore schließen – doch bald darauf unterbreitet sie Greer ein unwiderstehliches Angebot, einen Job bei einer neuen Stiftung, finanziert von der Venture-Capital-Gesellschaft des Multimilliardärs Emmet Shrader. Greer ist begeistert: „Sie hätte sich am liebsten wie ein Gewichtheber auf den Fußboden gelegt und das ganze Sofa mit Faith Frank darauf in die Luft gestemmt, nur um zu zeigen, dass sie es konnte.“ 

Und weil es ihr Schicksal ist, dass sich hier zu erfüllen scheint, vergisst die Beflissene bequemerweise, die Bewerbung ihrer besten Freundin Zee weiterzureichen. Dabei war es doch die queere Aktivistin gewesen, die Greer überhaupt erst auf Faith Frank aufmerksam gemacht hatte. Das bleibt nicht der einzige Verrat in einem Roman, dessen ehrgeizige Figuren alle von guten Absichten geleitet werden.

Das gilt selbst für den Risikokapitalisten Shrader. Der unterstützt Franks Stiftung vor allem, weil er in ihr Jahrzehnte zuvor eine ebenbürtige Partnerin gefunden hatte. Beinahe ein Feminist also. Damals blieb es beim One-Night-Stand, der verheiratete Shrader akzeptierte das Angebot seiner reichen Frau: Sie finanziere ihm ein eigenes Unternehmen, wenn er sich im Gegenzug auf bedeutungslose Affären beschränke.

Und auch sonst erweist sich die Allianz von Hochfinanz und Aktivismus als heikel. Auf Twitter fangen jüngere, radikalere Frauenrechtlerinnen schon an, über #SandwichhäppchenFeminismus zu lästern, denn die Tagungen der Stiftung rahmen Berichte über das Elend der Frauen in ärmeren Ländern mit Massage- und Maniküreangeboten für ihre gut betuchten und/oder prominenten Teilnehmerinnen. Man ahnt früh, dass das schwärmerische Verhältnis zwischen der idealistischen Greer und ihrer abgeklärteren Mentorin auf eine große Ernüchterung zuläuft. Der Showdown findet im VIP-Bereich eines Friseursalons statt, Faith Franks Kopf ist von glitzernden Folien bedeckt, es ist die Elektra-Version des ödipalen Duells zwischen der Mensch-Maschine Darth Vader und seinem blauäugigen Sohn Luke Skywalker, und am Ende dieser schmerzhaften Auseinandersetzung muss sich Greer fragen, wohin ihre Ideale sie eigentlich geführt haben. Später gibt ihre Mutter zu bedenken, ob nicht etwa ihr Freund Cory der größere Feminist sei? Denn der hat nach einer Familientragödie seinen gut bezahlten Beraterjob und seinen Ehrgeiz an den Nagel gehängt und die Putzaufträge seiner hilflosen Mutter übernommen.

Meg Wolitzer hält ihre Erzählfäden fest gespannt, man kann den Feinschliff des Plots rein handwerklich bewundern, manches Puzzleteil findet gar allzu leicht seinen Platz im Gesamtgefüge – etwa, wenn die Freundin, mit der Faith Frank als junges Mädchen in Las Vegas gekellnert hat und die damals beinahe an den Folgen einer illegalen Abtreibung gestorben wäre, uns hundert Seiten später als republikanische Senatorin und fundamentalistische Abtreibungsgegnerin wiederbegegnet.

Doch einfache Antworten verweigert die Autorin, stattdessen stellt sie in jedem möglichen Verhältnis zwischen ihren Protagonisten die entscheidende Frage nach der Macht und hinterfragt so letztlich auch das Streben nach Macht selbst. Hatten Greers Kiffer-Eltern nicht völlig Recht damit, so wenig wie möglich in die Erziehung ihrer zielstrebige Tochter einzugreifen? Ist Zees praktischer Aktivismus nicht die bessere Möglichkeit, die Welt zum Guten zu verändern?

Am Ende des Romans begegnet uns eine Greer, die sich endlich selbstermächtigt hat. Sie ist Faith Franks allererstem Rat auf der Damentoilette des Colleges gefolgt. Sie hat endlich ihre „äußere Stimme“ gefunden und darüber einen Bestseller geschrieben, der Frauen im neu angebrochenen Dunklen Zeitalter unter Präsident Trump Mut machen soll. Aber hinter ihr wartet schon die nächste Generation von Feministinnen, die ihrerseits Greers Antworten zu einfach findet.

Und überhaupt lässt Wolitzer die Handlung im Jahr 2019 enden: Trump ist natürlich immer noch Präsident, womit „das ganze Konzept des Fortschritts zerlegt worden“ sei. Der letzte Satz gehört einer Schildkröte, dem Haustier von Corys kleinem Bruder. Und während sich die Menschen um sie herum auf der Jagd nach Macht, nach einem besseren, gerechteren Leben, verausgabt haben, ist sie kaum merklich doch ein winziges Stückchen vorangekommen.

  Zur Startseite
Schlagworte