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Nino Haratischwili: Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin aus Georgien.
Die Katze und der General
Kultur

Terra incognita

Von Andrea Pollmeier
15:05

Nino Haratischwili hat eine besondere Gabe, im Gespräch die Zeit zu verdichten. Kühl und konzentriert antwortet sie auf Fragen, erlaubt sich und ihren Zuhörern kaum eine Atempause. Auch Gefühle bleiben außen vor. Trotzdem gelingt es ihr, in kürzester Zeit Bilder zu erzeugen, die in Erinnerung bleiben. Diese Dynamik wird auch spürbar, als die inzwischen zum Star avancierte Autorin aus Georgien, die eine der Festreden zur Eröffnung der diesjährigen Buchmesse mit dem Gastland Georgien halten wird, im Frankfurter Literaturhaus ihr neues Buch „Die Katze und der General“ erstmals vorstellt.

In dem umfangreichen Roman untersucht Nino Haratischwili am Beispiel Tschetscheniens die Frage, wie Menschen in einer Welt, in der es nach grausamen Kriegen keine Chance auf Gerechtigkeit gibt, überhaupt weiterleben können. Hundertausende Menschen seien, so erzählt sie, in Tschetschenien getötet worden oder bis heute verschwunden. Es gab massenweise Folter und Vergewaltigungen. Dennoch ist, so Haratischwili, keiner der Täter – mit einer Ausnahme – je vor Gericht gestellt worden. „Das ist ein menschliches Komplettversagen“ erklärt sie im Gespräch mit Moderatorin Anna Engel. „Wie lebt man mit diesen erlebten Verbrechen weiter und was muss man sich zurechtbiegen, wenn man das selbst getan hat? Sind wir alle potentiell fähig, das zu tun?“

Vom Main aus wirken die Ereignisse im Kaukasus weit entfernt. Für Nino Haratischwili, 1983 geboren, war Tschetschenien jedoch lange Jahre das Nachbarland, das niemand betreten durfte. „Terra incognita“, wie sie sagt. Stalin hatte dort massenhaft zwangsumsiedeln lassen und eine Art russische Kolonie errichtet. Zwei grausame Kriege folgten. Menschen flohen auch nach Georgien. Die Erinnerung an die Begegnung mit Geflüchteten und die Reportagen der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja haben die Autorin angeregt, den eigenen Fragen nachzugehen, nach Tschetschenien zu reisen und über die Kriegstraumata, die vererbt und nicht bearbeitet wurden, zu schreiben. Niemand ist mehr normal, auch die Täter nicht.

In ihrem Roman setzt sich Nino Haratischwili vor allem mit dieser Täterperspektive auseinander. Was passiert mit den Menschen, die gewohnt sind, zu töten, fragt sie und betont: „Ich habe versucht, nicht aus einer moralischen Perspektive heraus zu werten. Mit diesen Begriffen kommt man, glaube ich, in solchen Extremsituationen nicht weiter.“ Vor Ort erlebte sie, wie sehr die Erinnerung an die Kriegsjahre, die erst vor fast zehn Jahren endeten, im öffentlichen Raum tabuisiert ist. Dieser Umgang ist, so Haratischwili auf ihre nüchtern pointierte Weise, eine menschenverachtende und unfassbar zynische Lüge.

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