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Die ziemlich erfolgreiche Mrs. Brookner.
„Ein Start ins Leben“
Kultur

Die recht zufriedene Dr. Weiss

Von Sylvia Staude
15:04

Folgendes ist der allererste Satz von Anita Brookners allererstem Roman, erschienen im Jahr 1981 als „A Start in Life“: „Im Alter von vierzig Jahren wurde Dr. Weiss klar, dass die Literatur ihr Leben ruiniert hatte.“ Schon bald mag die Leserin den Wahrheitsgehalt dieses Satzes durchaus anzweifeln, da es mindestens ebenso das Pflichtbewusstsein und die Elternliebe sind, die Ruth Weiss’ Leben ruinieren – wenn dieses denn, eine weitere berechtigte Frage, überhaupt als ruiniert bezeichnet werden kann. Eher schon als relativ ereignislos, womöglich ein wenig langweilig. Aber auch das hängt von der Perspektive ab. Denn übt Dr. Weiss ihr Lehramt und ihre Forschung etwa nicht gern aus? Und was wären die Alternativen gewesen? Das Essen warmhalten für einen Mann, bis der von draußen kommt?

Anita Brookner (1928-2016) war das einzige Kind nach Großbritannien emigrierter polnischer Juden, ihre Mutter änderte wegen verbreiteter Deutschenfeindlichkeit den Familiennamen Bruckner zu Brookner. Anita Brookner studierte Kunstgeschichte, 1967 erhielt sie als erste Frau die Slade-Professur der Schönen Künste in Cambridge. Sie wurde mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen bekannt, mit scharfsinnigen, originellen Büchern über Kunst, lange bevor ihr erster Roman erschien, dem dann allerdings 23 weitere folgen sollten. Für den vierten, „Hotel Du Lac“, erhielt sie den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis.

Der Schriftsteller Julian Barnes, der mit Anita Brookner so befreundet war, wie man wohl mit ihr nur befreundet sein konnte – gewissermaßen sparsam und dezent -, berichtet 2016 in seinem Nachruf im „Guardian“ von der herablassenden Reaktion männlicher Literaturkritiker auf die Preisverleihung: Als sei Brookner nur eine einsame alte Jungfer, die als Hobby ein bisschen schreibt. Doch, so Barnes: „Sie war geistreich, funkelnd intelligent, reserviert und unberechenbar, und zwar noch viel mehr, als sie selbst beabsichtigte.“ Dies, könnte man meinen, ebenso in ihren Romanen.

Der Münchner Eisele-Verlag bringt jetzt „Ein Start ins Leben“ zum ersten Mal auf Deutsch heraus, in einer angemessen leichtfüßigen Übersetzung von Wibke Kuhn (das Wort „Euro“ freilich hätte vom Lektorat nicht übersehen werden dürfen). Denn Anita Brookners Frauengestalten sind eines ganz bestimmt nicht: großspurig, selbstmitleidig. Vielmehr wie offenbar auch diejenige, die sie sich ausdachte: scharfäugig, unsentimental, ironisch, manchmal sarkastisch. „Denn moralische Stärke war ziemlich irrelevant im Leben, wie Dr. Weiss sehr wohl wusste, ihren Studenten aber nie erzählte.“

Nur am Anfang und Ende des Buches ist Ruth Weiss schon die angesehene Literaturwissenschaftlerin; der Mittelteil rekapituliert das Aufwachsen eines vernünftigen, klarsehenden Kindes mit Eltern, die egoistisch, kindisch, kapriziös sind. Mutter Helen ist eine Schauspielerin, die inzwischen kaum noch Rollen bekommt, Zuhause am liebsten im Bett liegt, fast nichts isst, also irgendwann aussieht „wie ein verhärmtes Mädchen“. Vater Georg – er nennt sich englisch George – liebt schicke Kleidung und gutes Essen. Seine Buchhandlung läuft so nebenbei, seinen Charme hätte er als Autohändler gewinnbringender einsetzen können, aber die Bücher sind ihm nun mal als Erbe zugefallen. Er betrügt Helen mit seiner Assistentin, aber er trägt sie doch auch auf Händen. Als Georges Mutter stirbt, die kochte und das Haus sauber hielt, kommt Mrs. Cutler, „unsere liebe Maggie“, als resolut-seltsame Haushälterin ins Spiel.

Ruth ist still, blass, adrett und sorgt unauffällig für sich selbst, während Mrs. Cutler immer öfter bei Helen sitzt, die immer seltener aufsteht. Aber es ist keineswegs so, dass Ruth sich nicht abzunabeln versucht. Sie zieht bei ihren Eltern aus, sie studiert in Paris. Sie drängt ihre Eltern auch mal in den Urlaub und ist während deren Abwesenheit „beinahe glücklich“. In Paris schlägt sie, für ihre bescheidenen, zurückgezogenen Verhältnisse, über die Stränge und findet es angenehm: „Es war nicht mehr die Frage, ob sie dieses oder jenes tun oder nicht tun sollte, sondern ob sie es tun oder nicht tun würde.“ Sie hat eine Affäre mit einem jungen Ehemann. Sie hat eine Affäre mit einem weit älteren Professor. Aber nein, sie verliert nie den Kopf. Oder lernt doch zügig daraus, dass sie sich ein einziges Mal heftig verliebt – „unsterblich“ ist kein Adjektiv, das man auf Ruth anwenden würde – in jemanden, den sie nicht interessiert. Er schaufelt das Essen in sich rein, das sie ihm warmgehalten hat. Dann schläft er ein. So etwas wird ihr nicht mehr passieren.

„Sie war über vierzig“, schreibt Julian Barnes über Anita Brookner, „als sie endlich dem emotionalen Pandämonium des Zusammenlebens mit ihren Eltern entkam (die sie ,schmerzhaft‘ liebte).“ Dr. Weiss kümmert sich am Ende des Romans noch um ihren alten Vater. Und forscht als der Blaustrumpf, vor dem sie ihre glamouröse Mutter immer warnte, ausdauernd über die Frauenfiguren bei Balzac. Man könnte durchaus meinen, sie ist zufrieden.

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