© Renate Hoyer, FR
Das „Rote Haus“ in Frankfurts neuer Altstadt.
Erfundene Identität
Kultur

Wenn alles seine Ordnung hat

Von Dirk Pilz
11:31

Für den Anfang eine Zahl: 1950 gab es weltweit gut 25 Millionen Touristen, 2016 waren es 1,2 Milliarden. Es werden immer mehr, die Berge und Städte sehen wollen, Erholung suchen, Auszeiten nehmen. Aber Auszeit wovon? Und Erholung wozu?

Das Überraschende an diesem herausragenden Buch von Valentin Groebner ist: Die Antworten auf diese Fragen münden in kein billiges Tourismusbashing, sondern führen zu Fragen der Herkunft und historischen Identität, zum modernen Selbstverständnis, zur sonderbaren Sehnsucht nach dem Echten. Es ist dabei ein ungemein ehrliches Buch. Denn Groebner weiß nicht nur um das Banale am Tourismus, er weiß auch um die Faszination des Authentischen – und er nimmt sich davon nicht aus: „Retroland“ ist historische Analyse und eigene Reisebeschreibung zugleich, Sachbuch und Erlebnisbericht in einem. Valentin Groebner war in Italien, auf Sri Lanka, in den Alpen, und er bringt weitreichende Einsichten in die Logiken des Geschichtstourismus mit.

Was sucht man eigentlich, wenn man die Kapellen der Sacri Monti im Piemont besucht? Oder Notre Dame? Oder die hübsche Altstadt von Luzern, die Stadt, in der Groebner über die Geschichte des Mittelalters und der Renaissance lehrt? Man sucht die Vergangenheit, oder besser: Man hofft, das Vergangene zu erleben, es wieder zu holen. Aber die Vergangenheit ist unwiderruflich vorbei, eben vergangen.

Valentin Groebner: Vergangenheit und Geschichte 

Deshalb erinnert Groebner an die Unterscheidung von Vergangenheit und Geschichte: Geschichte ist die „Darstellung des Abwesenden“. Sie muss erzählt, also präsentiert werden, spielt sich also entsprechend „immer in der Gegenwart ihrer Erzähler und ihres Publikums ab“. Und Erzählen, so betont Groebner, ist nie neutral. Jeder Erzählung muss, um erfolgreich zu sein (sprich: gehört zu werden), die Fremdheit des Vergangenen reduzieren; und sie muss „temporale Zugehörigkeit“ schaffen, Altes und Gegenwärtiges so verknüpfen, dass dieses Aneinanderheften als „Tradition“ erscheint.

Das ist im Grunde, wie Groebner hervorhebt, banal, aber die Banalität verliert angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas ihre vermeintliche Harmlosigkeit. Denn das Erzählen von Geschichte wird zum Politikum, wenn es Herkunfts- und Ursprungsgeschichten konstruiert, wenn die Geschichte als Lieferant von Identität dienen soll.

Identität nennt Groebner treffend den „Superkleber für soziale Ontologie: Etwas ist Ich und gleichzeitig allen gemeinsam, die ich mir zurechne“. Identität bilde damit die Wünsche desjenigen ab, der das Wort benutzt. Dass Rechtsextreme wie die „Identitären“ oder auch die AfD von (christlicher) „Identität“ sprechen, dann drückt sich darin genau der Wunsch nach einer Gemeinsamkeit aus, die bestimmten Gruppen zu- und anderen abgesprochen wird. Und sie steht, so Groebner, für die „Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in der alles seine Ordnung hatte“.

Diese Vergangenheit – und diese Ordnung – hat es allerdings nie gegeben. Die Erfindung von Identität funktioniert jedoch nicht trotz, sondern weil alle Beteiligten wissen, dass sie fiktiv ist. Deshalb auch die ständige Wiederholung des Erfundenen. Identität heißt wörtlich ja Zugehörigkeit zu Ähnlichem, Wiederholung, Vervielfältigung – auf diese Weise wird „nachträglich das machtvolle historische Ereignis“ erzeugt, „das man sich gewünscht hat“.

Wahrscheinlich ist es symptomatisch, dass solche Wiederholungen an Jubiläen geknüpft werden, wie man es derzeit etwa beim Jubiläum des 400jährigen Beginns des Dreißigjährigen Krieges beobachten kann. Denn Jubiläengeschichten neigen dazu, identitätssuchende Ursprungsgeschichten zu sein. Sie können „vermutlich gar nichts anderes sein als Heilsgeschichten“: „Wer Erlösung in der Vergangenheit sucht, der findet sie auch.“ Er findet sie im „Retroland“, in der inszenierten Vergangenheit.

Hier treffen sich für Groebner die Ursprungsnarrative und die touristischen Unterhaltungsangebote. Was als authentische „Altstadt“ oder „historische Stätte“ bestaunt wird, ist ja in der Regel nicht echt, oft nicht einmal alt, sondern rekonstruiert und damit verändert, eben inszeniert. Der historische Witz dabei: Die Vergangenheit erscheint umso authentischer, je häufiger sie reinszeniert, wiederholt wird. Authentizität ist folglich der Versuch, den Verlust des Vergangenen zu kompensieren. Und genau darin liegt das Erholsame des Geschichtstourismus: Man gibt sich der Illusion hin, endlich „die Vergangenheit“ gefunden zu haben, nicht mehr deuten, einordnen zu müssen: Es ist die „Sehnsucht nach dem unwiderlegbaren Argument“.

Souveräner wäre es, sagt Groebner, das Vergangen-Sein der Vergangenheit zu akzeptieren, die Verluste inbegriffen, und nach den Freiräumen zu fragen, die sich daraus ergeben. Aber solche Freiheit ist anstrengend, und der Tourismus lebt ja gerade von dem Versprechen, die Anstrengungen des Alltags, die politischen Zumutungen und Selbstbefragungen hinter sich lassen zu können. Der Tourist will sich von sich selbst und seiner Gegenwart erholen. Geht immer schief.

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