„Jodl, der Kletterer“
Kultur

Mit dem Körper eines Athleten

Von Susanne Lenz
08:39

Seit dem Mauerbau ist Martin Menne, Ingenieur aus Dresden und leidschaftlicher Kletterer, täglich um fünf Uhr früh aufgestanden, um zu trainieren. Das Ziel des jungen Mannes: Er will mit 65 noch fit sein. Ein Pensionär mit dem Körper eines Athleten. Und warum? Er hat Angst, ein tattriger Greis zu sein, wenn die wunderbare Welt der Alpen endlich erreichbar für ihn ist. 

Nun ist Menne 50 und sein Kombinat hat ihn als ersten entlassen. Es geschah kurz nachdem die Erneuerer im Betrieb die Anrede „Liebe Genossinnen und Genossen“ im Briefverkehr verboten hatten. Und seine Frau, Lehrerin, muss umlernen, auch wenn sie die doch eigentlich ideologiefreien Fächer Biologie und Chemie unterrichtet. In welcher Zeit dieses Buch spielt, ist damit klar. Es handelt sich um einen Wenderoman, vorgelegt fast 30 Jahre nach der sogenannten Wende.

Wer als Ostdeutscher diese Zeit erlebt hat, wird an vieles erinnert werden, wird sich in manchem Gedankengang des Protagonisten wiedererkennen. Der Kündigung folgen die Ehe-, die Sinnkrise, Kränkungen, Lethargie. Als die Frau ihn dann zu einem Urlaub im Westen überredet hat, wird er schon an einer Autobahntankstelle gedemütigt. Zwei West-Studenten wollen seinen Trabi kaufen. Als er sie in ihrem Cabrio davonbrausen sieht, versteht er, dass sein geliebtes Auto für sie nur eine Kuriosität ist.

Bitterkeit könnte dieses Buch grundieren, aber der Autor entscheidet sich für die Behandlung des durchaus ernsten Themas mit einer satirischen Tonlage. Ausgeteilt wird in alle Richtungen, also auch in die der DDR-Vergangenheit. Kalauer kommen vor. Über einen Lehrer heißt es: „Bei ihm hatten wir Gegenwartskunde. Die Gegenwart war immer ein schwieriger Kunde.“ Hm, wer’s mag. Der Autor schreibt zwar unter Pseudonym, Gerüchte besagen allerdings, dass er mit dem „Eulenspiegel“ in Verbindung steht. 

Ein Ärgernis ist der Lektor, den der Autor Martin Menne an die Seite stellt. Denn dies ist ein Buch im Buch. Der arbeitslose Menne schreibt seine Autobiografie, so ist das Buch meist aus seiner Ich-Perspektive geschrieben. Manchmal übernimmt auch Ehefrau Isolde. Schon der Name des Lektors verheißt nichts Gutes: Hannibal Lector mit seinen stichelnden Ratschlägen ist womöglich ein weiteres Mittel gegen Weinerlichkeit. Aber das hat das Buch gar nicht nötig, so herzerfrischend und schonungslos offen ist Menne auch sich selbst gegenüber.

Stark sind die Szenen, die in der Sächsischen Schweiz spielen, wo Martin Menne seiner Leidenschaft nachgeht, dem Klettern. Da muss eigene Erfahrung des Autors vorliegen. 

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