© Peter von Felbert, FR
Juli Zeh, vermutlich auf Lanzarote.
Juli Zeh: „Neujahr“
Kultur

Radler am Rande des Abgrunds

Von Petra Kohse
07:46

Auf zwei Dinge kann man sich in Romanen von Juli Zeh verlassen: Erstens siedeln sie immer ganz fest im Alltäglichen. Und zweitens geben sie stets alles von sich preis. Was nicht heißt, dass ich Juli Zeh nicht für eine gute Autorin hielte. Im Gegenteil. Ihre Sprache ist auf beneidenswert beiläufige Weise pointiert („Das Schicksal hat ihn beschnuppert und beschlossen, sich nicht für ihn zu interessieren.“), und ihre Figuren und Szenerien stehen einem gerade wegen der Alltagsglaubwürdigkeit sofort und geradezu holografisch vor Augen. Auch die Dialoge und die Spannungsbögen sitzen bei ihr, das Geschehen sorgt stets für Überraschungen, aber am Ende ist dann immer, siehe oben, alles erzählt. Da lauert nichts hinter den Geschichten, jedenfalls nichts Nicht-Alltägliches, und die Stimmungen, die evoziert werden, entsprechen hausnummerngenau dem Erzählanlass. 

Wobei das ja auch eine Kunst ist, für die die 44-Jährige bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Zudem ist die studierte Juristin für ihr politisches Engagement bekannt, etwa die Verteidigung von persönlicher Freiheit in der digitalisierten Welt. So gut organisiert, argumentativ gerüstet, fleißig und medienfest sie sich als öffentliche Person zeigt, so verantwortungsvoll arbeitet sich Juli Zeh in ihrem Werk durch die Themen der Zeit. Nach dem Gesellschaftsroman „Unterleuten“ (2016), in dem ein ostdeutsches Dorf zum Kulminationspunkt deutsch-deutscher Sehnsüchte und Wunden wird, erschien im Jahr darauf „Leere Herzen“, ein dystopischer Krimi, der davon handelte, dass Politikverdrossenheit zu nichts Gutem führt.

„Neujahr“  erzählt von einem Familienvater mit Panikattacken

Und wiederum ein Jahr später, nämlich jetzt, ist „Neujahr“ erschienen, die Geschichte eines Familienvaters in seinen Dreißigern, der an Panikattacken leidet, der Volkskrankheit der überforderten Gesellschaft. Formal handelt es sich eher um eine Novelle als um einen Roman: Die Geschichte ist relativ kurz, fokussiert ein einziges subjektives Erleben, und der Protagonist macht eine wichtige Entdeckung. 

Henning ist über Silvester mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern nach Lanzarote gereist und unternimmt am Neujahrstag mit dem Fahrrad alleine eine Bergtour. Schlecht ausgerüstet, aber geradezu gottsucherisch durch die „mit Flechten bedeckte Mondlandschaft“ getrieben, kommt er irgendwann tatsächlich oben an, bricht im Durchgang einer dort einsam gelegenen Finca fast zusammen, wird von der Bewohnerin freundlich versorgt und erinnert sich plötzlich an etwas, das erklärt, was ihn hierher gezogen und seit Jahrzehnten belastet hat. Mehr darf man gar nicht erzählen, ohne zu spoilern, auch wenn der Klappentext dieses Bedenken nicht teilt.

Lanzarote im Winter, ein Paar mit kleinen Kindern, dabei die Frau recht dominant, körperliche Extremzustände, das leidenschaftliche Fahrradfahren – motivisch ist Juli Zeh mit dieser Erzählung ganz bei sich zu Hause. Und das bisherige Feriengeschehen sowie sein Leben insgesamt, an das Henning während des Fahrens abwechselnd denkt, damit der Leser davon erfahren kann, ist voll TÜV-geprüfter Details aus dem Soziotop junger Eltern im akademischen Milieu: von der Brio-Eisenbahn der Kinder über das Home-Office der Eltern bis zu deren ständigem schlechten Gewissen. 

Der Rand des Abgrunds, an dem Juli Zeh ihren Henning entlangradeln lässt, ist die Todesangst, die ihn wie aus dem Nichts immer wieder befällt und die sich körperlich äußert, weil sein Bewusstsein sie verdrängt. Schön ist, wie Juli Zeh die Panik („ES“) als Raubtier beschreibt, das nie weiter weg als hinter der nächsten Ecke lauert, das seine Glieder dehnt, sobald man nur an es denkt, das allzeit bereit ist, zum Sprung anzusetzen, sich zuweilen aber doch noch einmal zur Ruhe legt. Weniger schön ist, dass sie es nicht beim Bild der Angst vor der Angst belässt, sondern gleich zu Anfang des Buches eine mehrseitige Passage zum Leben mit Panikattacken ausformuliert, die jeder Betroffene sofort bestätigen wird. Das ist Schulfunk, auch wenn dazwischen Feuilletonismen glitzern.

Hennings Erkenntnis, die Erinnerung an sein Trauma, setzt etwa zur Hälfte des Buches ein. Dieser Teil der Geschichte wird nicht mehr subjektiv aus seiner heutigen, sondern omnipräsent aus damaliger Sicht beschrieben, so dass unklar bleibt, wo sich Heute und Früher berühren. Gleichwohl nimmt Zeh die Kinderperspektive mit einer poetischen Zartheit ein, die ihrem Werk durchaus einen neuen Ton gibt, aber auch etwas selbstverliebt ist und sich in Wiederholungen feiert. 

Die Erklärung des rätselhaften Elends schließlich, in das die Welt Kinder so leicht und folgenreich stürzen kann, ist – man lese es selbst – einigermaßen banal. Henning ist am Ende nicht geheilt, aber er weiß jetzt, woran er leidet, und das ist schon mal etwas. Um sein Leben zu retten, unternimmt er einen Schritt, den Juli Zeh vielleicht für ein offenes Ende halten mag, der tatsächlich aber wieder einmal alles auserzählt. Möglicherweise haben Juli Zehs Romane ja dieses einzige Problem: dass sie ihren eigenen Mitteln nicht trauen.

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