© Krementschouk / Kehrer Verlag, FR
„Dorffest“ in Vladimirskoe, 2003: Aus dem Band „No Direction Home“ des Fotografen Andrej Krementschouk, der sich als Autor Ananij Kokurin nennt.
Literatur
Kultur

Der gute Deutsche

Von Viktor Funk
12:29

Über Krieg im Privaten reden – das haben nicht nur deutsche Familien Jahrzehnte lang nicht gekonnt oder nicht gewollt; über Krieg reden, so wie er war, nicht wie ihn die offizielle Geschichtsschreibung vermittelte, das war auch in sowjetischen Familien lange nicht möglich. Man hatte ja gewonnen, man war ja auf der richtigen Seite – warum also die Vergangenheit aufwühlen?

Vielleicht: Weil sie keine Ruhe lässt, ganz egal wie sehr man sie verschweigt, umdeutet, unterdrückt, oder vielleicht auch, weil die Vergangenheit aus den heimlichen Erinnerungen zu verschwinden droht.

In dem Roman „Der Tisch“ von Ananij Kokurin geht es um die Zeit der deutschen Besatzung Weißrusslands und um die Einsamkeit einer Frau, die im hohen Alter ihrer Tochter von der Kriegszeit, ihrem weißrussischen Vater, einem „guten Faschisten“ und von allerlei anderem erzählt. Was sie erzählt, widerspricht dem, was die Tochter, eine Lehrerin, vom Krieg wusste. Und sie erzählt es nicht nur am besagten Tisch, den der Vater der Tochter gebaut hatte, bevor er Soldat wurde und wie Millionen anderer junger sowjetischer Männer gleich zu Beginn des Krieges fiel; sie erzählt aus ihrem Leben während einer langen Reise, als Mutter und Tochter den Tisch – zum Leidwesen der Tochter – auf einer Karre Hunderte Kilometer lang nach Nischni Nowgorod ziehen, beziehungsweise nach Gorki, denn so hieß die Stadt im Jahr 1986, in dem die Geschichte spielt.

Die Zeit des Krieges war für die Mutter voller Liebe und voller Dramen. Ihr Ehemann, der Nachbarjunge, den sie heiratetet, weil die Eltern da so untereinander ausgemacht hatten, wurde eingezogen und fiel bald. Das Dorf in der Nähe von Polozk wurde von Deutschen besetzt und in ihrem Haus lebte eine deutscher Ingenieur, dessen Aufgabe darin bestand, Brücken und Wege zu reparieren, die die Partisanen beschädigt hatten. Dieser Mann rettet der kleinen Tochter das Leben. Viele Jahrzehnte später begreift die Tochter nun am Tisch ihres Vaters, dass sie keine Erinnerungen an den Vater, sondern an diesen Deutschen hat: „Es war ganz klar: nicht an seine Hände erinnere ich mich so oft, nicht meines Vaters Stimme, nicht sein Lachen hörte ich, wenn ich versuchte, ihn mir vorzustellen. Jener Mann aus meiner Kindheit war Georg von Gotthardt – ein deutscher Offizier, der meine Mutter liebte und mir als Kleinkind das Leben rettete.“

In der Tochter tobt ein Kampf. Sie glaubt ihrer Mutter, aber sie will es nicht für möglich halten. Sie sieht ein Foto von ihrer Mutter mit jenem Georg, das die Mutter unter dem Tisch versteckt hatte, aber es fügt sich nicht in das Bild, das die sowjetische Geschichtsschreibung von dem Krieg ihr vermittelte. Vielleicht ist da aber auch kein Widerspruch?

Ende Juni hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im weißrussischen Malyi Trostinez eine Gedenkstätte am Ort eines Nazi-Vernichtungslagers eröffnet. Dort hatten die Nazis etwa 200 000 Menschen ermordet, viele Juden aus Minsk, Kriegsgefangene, Partisanen. Fast jeder vierte Bürger Weißrusslands wurde im Krieg getötet, 600 Dörfer wurden komplett zerstört, verbrannt. Die Vernichtungsmaschinerie funktionierte auch dank der Kollaborateure, in der Sowjetunion ein Tabuthema. Im Buch von Kokurin wird es direkt oder indirekt angesprochen. An einer Stelle sagt die Mutter zu ihrer Tochter: „Und jetzt überleg einmal selber: Was haben sie mit dem eigenen Volk angestellt, dass diese dreimal verfluchten Okkupanten im Dorf mit Brot und Salz willkommen geheißen wurden?!“

Auch dies eine tabuisierte Frage in der Sowjetunion und heute immer noch im Osten.

Ananij Kokurin ist das Pseudonym des Fotografen Andrej Krementschouk. Er ist selbst in Gorki/Nischni Nowgorod geboren, ist Restaurator, Slawist und Fotograf. Er lebt und lehrt Fotografie in Leipzig. Es lohnt sich vor dem Lesen des Buches „Der Tisch“ seinen Fotoband „No Direction Home“ (Kehrer Verlag) anzusehen. Die ruhige, präzise, plastische Sprache Kokurins im Roman entspricht den ruhigen Gemälden, die Krementschouk mit seiner Kamera vom russischen Landleben zeichnet. Er schrieb das Buch auf Russisch, übersetzt hat es Christiane Auras.

Kokurins Roman endet nicht am Ziel der Reise der zwei Frauen, sondern in Moskau, im damaligen Hotel Moskwa (heute nach dem Neubau Four Seasons), nahe des Roten Platzes. Die Mutter hat ihr Leben lang gespart und beschließt mit ihrer Tochter, einige unvergessliche Tage zu verbringen. Denn sie hatte die Geschichte der Familie, die sie ihr Leben lang schweigsam gehütet hatte, nicht nur erzählt, weil sie erklären musste, warum der Tisch bei ihrem Umzug nicht im Dorf bleiben dürfe. Sie erzählte sie auch, weil sie merkt, dass das Alter ihr ihre Erinnerung nimmt. Sie gibt ihr Geheimnis weiter, weil sie merkt, dass sie es nicht mehr bewahren kann.

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