© afp, FR
„Aber nein, du darfst trinken, so viel du willst.“
Lyrik
Kultur

Ich habe dir eine Apfelschorle mitgebracht

Von Harry Nutt
07:12

In seinem Buch vom Alter („De senectute“, 1997) wundert sich der italienische Philosoph Norberto Bobbio darüber, dass er immer noch da ist. Die Alten müssen unter dem Schutz des Teufels stehen, mutmaßt er. „Manche wagen es immer noch, langsam die Straße zu überqueren, ja sind sie denn verrückt geworden? Ich bin verrückt. Immer schwankender, auf immer schwächeren Beinen, auf meinen Stock gestützt und am Arm meiner Frau gehe ich immer noch über die Straße.“ So denkt man sich das Alter in seiner erträglichen Form. Mit einem gewissen Trotz registriert man das Nachlassen der Kräfte, aber so lange es geht, geht’s.

Sicher, die Literatur gelangt auch dorthin, wo es nicht mehr geht. In seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ schildert der österreichische Schriftsteller Arno Geiger die Erkrankung seines Vaters an Alzheimer und den Umgang der Familie mit ihm und seinem fortschreitenden Gedächtnisverlust. Die Kritik war damals gespalten. Christopher Schmidt bezeichnet das Buch in der „Süddeutschen Zeitung“ als „rührselig“. Der Vater werde „so in Szene (gesetzt), wie es ehrgeizige Eltern mit ihrem Wunderkind tun. Der Sohn führt Regie und gibt die richtigen Stichworte, und darin liegt schon auch eine unterschwellige Aggression.“ Geiger habe seinen Vater „ausgeplündert“, lautete der Vorwurf.

Was aber hat Martina Hefter getan, die in ihrem gerade bei Kookbooks erschienen Band „Es könnte auch schön werden“ (Gedichte/Sprechtexte) die Unterbringung ihrer Schwiegermutter in einem Pflegeheim in lyrischer Form bearbeitet. „Ich heiße Martina Hefter und jeden Morgen steh ich um 5.45 Uhr auf (…) / Und dann mach ich das Frühstück für meine Töchter und sie gehen los / zur Schule und ich geh zum Tanzen oder in die Probe / später schreib ich ein bisschen / oder ich geh zu meiner Schwiegermutter ins Pflegeheim.“

Der Ton ist nüchtern, Hefter um eine unsentimentale Sprache bemüht. Es geht um die Beschreibung eines Ortes, an dem sich das soziale Grauen und die vorübergehenden Momente des Glücks in aufreizender Langsamkeit vollziehen. Menschen leiden, andere wohnen diesem Leiden bei. „Einige Pfleg_x haben Ohrtunnel und sind tätowiert / Einige sind nett, die anderen sind biestig / oder erschütternd oder schweigsam oder / stumm wie Steine.“

Martina Hefter wechselt die Tonlagen, es ist kein Elendsreport, eher eine Art Selbstbeobachtung mit Blick auf die Belastung der eigenen Empathiefähigkeit. „Das Reimwort erklingt, der Gemeinschaftsraum – stinkt / Finde den Reim und du darfst raus aus dem – Heim / Täglich ein Gedicht rettet dich vorm schlimmsten – Gericht“.

Neben Zimmer 314 hängt eine Trauerkonsole. Im Pflegeheim wird regelmäßig gestorben, eher diskret, um die Weiterlebenden nicht zu erschrecken, denen man, wenn sie noch bei Sinnen sind, nichts über die Bestimmung ihres Aufenthaltes vormachen muss. Letzte Station, eine Rückkehr ist, wohin auch immer, nicht vorgesehen. Martina Hefters Sprechstück berichtet von der Ambivalenz des Helfens und des Aushaltens. „Nein nein, ich bins doch, die Martina / Ach so, ja, aber du kannst doch jetzt nicht einfach gehen / Ich geh ja auch gar nicht /ich bin doch gerade erst reingekommen, keine Sorge / schau ich hab dir eine Apfelschorle mitgebracht / die hast du neulich so gern getrunken / die hab ich noch nie gemocht und / die Schwestern erlauben mir auch nicht, dass ich was trinke / Aber nein, du darfst trinken so viel du willst“.

Paradoxe Kommunikation. Das Pflegeheim ist eine Fundgrube für sprachliches Scheitern und Wiederanknüpfen. Die meisten hören schlecht, aber doch sind es die sprachlichen Verbindungen, die am nächsten Morgen ein Wiederanknüpfen an den trostlosen Vortag erlauben. Martina Hefter macht sich und ihren Lesern nichts vor. Manchmal muss sie sich herausstehlen. Der Angehörige ist nicht selbstlos, er gefällt sich in seiner Rolle, Empathie gibt auch Kraft. Aber man entwickelt ein instrumentelles Verhältnis zu ihr. Ich schleiche mich nicht selten heraus, wenn meine Mutter im Sessel eingeschlafen ist.

Martina Hefter hat die Form der Lyrik gewählt, um auszuharren in einem Menschheitsgebiet, das literarisch doch kaum erschlossen ist.

  Zur Startseite
Schlagworte