© afp, FR
Der Untergang der als unsinkbar geltenden „Titanic“ am 14. April 1912, dargestellt von einem unbekannten Künstler.
Oswald Spengler
Kultur

Der Untergang des Abendlandes

Von Arno Widmann
12:33

„Der Untergang des Abendlandes“ lag bereits im September 1918 in den Buchhandlungen. Im November dann, mit der definitiven Niederlage der „Ideen von 1914“, mit der Ausrufung der Republik, mit den USA als Super- und Russland als Sowjetmacht, erschien vielen in Deutschland, was gerade noch nichts als ein Buchtitel gewesen war, als die die Epoche kennzeichnende Parole.

Autor des Buches, das fast sofort ein Bestseller war und es jahrzehntelang blieb, war Oswald Spengler (1880–1936), ein bis dahin nahezu unbekannter Mann. Er hatte – immer am Rande des Nervenzusammenbruchs – Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie studiert, war Lehrer geworden, dann erbte er und privatisierte. Begonnen hatte er mit der Niederschrift des „Untergangs des Abendlandes“, so erklärte er, nach der Marokkokrise von 1911. Die blamable Niederlage in der Auseinandersetzung mit Frankreich um die Ausweitung des Kolonialbesitzes war für ihn ein Menetekel. Er nahm das Ereignis symbolisch und entzifferte es. Spengler schrieb sein Buch in München, der Stadt, in der der „Blaue Reiter“ in diesen Jahren das Ende der bisherigen Kunst ausgerufen hatte. Oswald Spengler beobachtete auch diese Entwicklungen. Aufmerksam, hilflos und voller Abscheu.

WeiterlesenKostenlos im Netz

„Der Untergang des Abendlandes“ ist in etlichen Buchausgaben zu haben und im Netz kostenlos zu lesen. 

Weiterlesen„Spenglers Nachleben“

Christian Voller, Gottfried Schnödl, Jannis Wagner:    Spenglers Nachleben – Studien zu einer verdeckten  Wirkungsgeschichte. Zu Klampen, Springe 2018. 282 Seiten, 28 Euro. 

Weiterlesen„Untergänge  des Abendlandes“

Alexander Demandt: Untergänge 
des Abendlandes. Studien zu Oswald Spengler. Böhlau, Wien 2017. 225 Seiten, 30 Euro.

Die Idee von der Weltgeschichte, mit der er aufgewachsen war, war offensichtlicher Unsinn. Es hatte einen Fortschritt gegeben. Aber das war vorbei. Jetzt gab es Niedergang. Das war nicht das erste Mal. Man hatte das alles schon einmal, nein, immer wieder beobachtet: Kulturen entstiegen der Barbarei, entwickelten, entfalteten sich, und dann versanken sie wieder in der Geschichtslosigkeit. Spengler war kein Historiker. Er interessierte sich nicht für Geschichte. Er wollte die Gegenwart begreifen. Aber bei dem Versuch, das zu tun, stellte sich heraus, dass er seinen Gesichtskreis enorm erweitern musste.

„Ich sehe statt jenes öden Bildes einer linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrechterhält, wenn man vor der überwiegenden Menge der Tatsachen das Auge schließt, das Schauspiel einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre eigne Form aufprägt, von denen jede ihre eigne Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod hat.“

Spenglers Weltgeschichte zeigt uns nicht nur, was alles war, sondern auch wie es wurde, was es war. Sie betrachtend, erkennen wir, dass so einzigartig jede Kultur auch ist, so ähnlich sind sich alle Kulturen in ihrem Entwicklungsgang. Den Schöpfern folgen die Nachahmer, den Philosophen die Philosophieprofessoren. Das ist keine europäische Besonderheit. Das hat sich in Indien und China nicht anders abgespielt.

Erst der Blick über den europäischen Horizont hinaus gibt einem die Möglichkeit des Vergleichs. Erst wer sich andere Gesellschaften in ihrer Entwicklung anschaut, wird begreifen, in welchem Abschnitt des Ganges der eigenen Kultur er sich gerade befindet. Selbsterkenntnis gewinnt man nur durch die Erkenntnis des anderen. Spengler meint damit nicht, dass man Verständnis für andere aufbringen müsse.

„Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der Antike im 4., im Abendland im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die großen geistigen Entscheidungen... nur in drei, vier Weltstädten.“ Man hat es statt mit einem „formvollen mit der Erde verwachsenem Volk“ mit neuen Nomaden, Parasiten, Großstadtbewohnern, mit irreligiösen Tatsachenmenschen zu tun. Wer in einer solchen Epoche der Dekadenz versucht, ein innovativer Künstler zu sein, verschwendet seine Energie, seinen Fleiß, seine Intelligenz: „Wenn unter dem Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche und man kann ihnen nichts Besseres wünschen.“ Man hört darin einen Nachhall des futuristischen Manifests von 1909: „Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“ Man denkt auch an die jungen Leute, die nach dem Ersten Weltkrieg Philosophie Philosophie, Literatur Literatur sein ließen und sich in die Politik stürzten, wie zum Beispiel der zum Kommunist gewordene junge Literaturliebhaber Georg Lukács es tat.

Oswald Spengler hatte in seinem Buch nicht die jungen Kommunisten vor Augen, die sich erst ein paar Monate später in die Schlachten warfen, aber Spengler hatte die richtige Witterung. Nicht nur hier. Er erkennt zum Beispiel im „Untergang des Abendlandes“ in dem britischen Imperialisten Cecil Rhodes „den ersten Mann der neuen Zeit“. Spengler schreibt: „Sein Wort ,Ausdehnung ist alles‘ enthält in dieser napoleonischen Fassung die eigentlichste Tendenz einer jeden ausgereiften Zivilisation. Das gilt von den Römern, den Arabern, den Chinesen. Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und Ungeheures, das den späten Menschen dieses Stadiums packt.“

Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ war im April 1917 erschienen. Die gesamte sozialistische Imperialismustheorie betrachtete „die expansive Tendenz“ als Weg in den Niedergang, als Aufbäumen vor dem Ende. Spengler war ganz dieser Ansicht, aber es wäre ihm lächerlich erschienen, das anhand von Wirtschaftsdaten „beweisen“ zu wollen. Er sprach vom „Dämonischen“.

Er glaubte nicht ans Happy Ending. Immer neue Kulturen lösten die alten ab, entdeckten neue Schönheiten, neue Mathematiken, dann verschwanden sie wieder, begruben ihre Erkenntnisse unter sich und wurden von neuen Kulturen abgelöst.

Als ihm Hearsts Zeitungen 1936 die Frage stellten „Ist Weltfriede möglich?“, antwortete er: „Wenn ganze Völker pazifistisch werden, ist es ein Symptom von Altersschwäche. Es ist ein Verzicht auf die Zukunft, denn das pazifistische Ideal bedeutet einen Endzustand, welcher der Tatsache des Lebens widerspricht. Solange es menschliche Entwicklung gibt, wird es Kriege geben.“ Und ein paar Zeilen weiter ein Satz, der mitten in unsere Gegenwart hinein gesprochen scheint: „Wenn heute in Asien eine große Erhebung gegen die Weißen stattfände, würden sich unzählige Weiße ihr anschließen, weil sie des friedlichen Lebens müde sind.“ Und dann der letzte Satz. Der soll die Leser mobilisieren: „Der Pazifismus wird ein Ideal bleiben, der Krieg eine Tatsache, und wenn die weißen Völker entschlossen sind, keinen mehr zu führen, werden die farbigen es tun und die Herrscher der Welt sein.“

Das ist Spenglers Stil. Wie aus dem Nichts plötzlich „die Herrscher der Welt“. Beinahe der Titanic-Satz. Das sicherste Schiff der Welt ging im April 1912 unter. Spätestens da wusste Oswald Spengler, dass sein Buch „Der Untergang des Abendlandes“ heißen würde.

Oswald Spengler sah nicht den Aufschwung

Es ist heute erheiternd, wo Spengler überall den Untergang sah: „Gelehrte im Stile von Gauß, Humboldt, Helmholtz waren schon um 1900 nicht mehr da; in der Physik wie in der Chemie, der Biologie wie in der Mathematik sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der glänzenden Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner der Römerzeit.“ Neben ihm standen, als er das schrieb, Albert Einstein und Max Planck, David Hilbert und S. Ramanujan. Spengler lebte in einer Zeit des Aufbruchs, in einer Epoche der Neuschaffung der Welt, und er stand mittendrin und sah nur, was unterging.

Oswald Spengler sah nicht den Aufschwung. Er sah ihn nicht in der Physik und nicht in der Chemie. Er sah ihn auch nicht in der Kunst, nicht in der Musik. Und schon gar nicht in der Politik. Er war der Auffassung: „Eine moderne Republik ist nichts als die Ruine einer Monarchie, die sich selbst aufgegeben hat.“ Oswald Spengler ist ein Lehrstück. Er hat den Durchblick. Darum sieht er nichts. Er weiß, dass seine Welt untergeht. Er verliert kein Wort des Bedauerns darüber. Er trauert nicht eine Sekunde. Er tritt der neuen Welt gewappnet entgegen. Selbstbeherrscht und elegant. Aber nicht als Kämpfer. Er weiß, er hat verloren. Er weiß auch, solche wie er werden jetzt nicht mehr gebraucht.

Ihm bleibt nur, das zu konstatieren und die neuen Machthaber daran zu erinnern, dass auch ihre Tage gezählt sind: Dem Untergang des Abendlandes, ruft er ihnen trotzig zu, werden andere Untergänge folgen.

  Zur Startseite
Schlagworte