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Davon kann in „Das Feld“ allerdings keine Rede sein.
Robert Seethaler
Kultur

Was die Toten zu sagen haben

Von Judith von Sternburg
07:50

Wenn sich Lebende den Tod vorstellen, und natürlich tun sie das ohne Unterlass, dann bleiben ihnen im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist der Tod nichts, und das Nichts ist zwar inhaltlich nicht zu füllen, aber immerhin zu benennen und eben das Gegenteil von allem Bekannten. Oder der Tod ist lebensähnlich. Der Wiener Schriftsteller Robert Seethaler wählt die zweite Variante in seinem neuen Roman „Das Feld“, so dass schon wenige Wochen nach George Saunders’ „Lincoln im Bardo“ erneut Stimmen aus dem Grab sich über Lesende hermachen. Diesmal aber fern der großen Geschichte.

Das Feld ist der Friedhof eines Ortes namens Paulstadt. Dass die Toten sprechen, lässt der Autor eingangs einen Besucher spekulieren, der auch er selbst sein könnte. Und dann sprechen sie schon. Einer nach dem anderen. Im Leben waren sie Eheleute, Mütter, Väter, Kinder, Alte und zu Alte, Junge und zu Junge, Liebende, Hassende, Einsame, Dumme, Verrückte, Berüchtigte, Unverstandene, und auch ein ehemaliger Bürgermeister ist dabei. Im Tod sind sie ungefähr dieselben. Die meisten wirken höchst lebendig. Im Tod hallt alles noch nach, wird alles weitergekaut und weitergedacht, aber es ist auch ungeheuerlich vorüber. Nur eine Tote kann einem Roman einen solchen ersten Satz bescheren: „Als ich starb, hast du bei mir gesessen und meine Hand gehalten.“

Für den Bürgermeister ist es besonders schwierig, nein, unmöglich, seine Rolle abzustreifen. „Hier liege ich, Euer Bürgermeister“, ruft er aus, rechtfertigt seine korrupten Geschäfte und nimmt den anderen wie vermutlich schon immer das Wort aus dem Munde. „Könntest du wenigstens im Tode ernster sein, als du im Leben warst, Landmann? Meine Antwort lautet: Nein.“

Aber auch sonst dreht sich von der ersten bis zur letzten Seite fast alles ums Leben. In fast dreißig Totenmonologen – der einzige Dialog muss fehlschlagen und dient zur Demonstration, dass kein Weg ist zwischen Leben und Tod – baut Seethaler die Geschichte einer Paulstädter Generation zusammen, jedenfalls von Menschen, die einige kollektive Erinnerungen teilen. Jenes Unglück, als – nach Pfusch am Bau – die Kuppel eines nagelneuen Einkaufszentrums zusammenbricht. Der Kirchenbrand, entfacht vom wahnsinnigen Pfarrer. Der mehrere Tage unentdeckte Tod der Floristin. Das vielleicht geistesgestörte, vielleicht nur verwirrte Kind, das im Teich ertrinkt.

Aber auch Lappalien: Ärger um die Planung einer Straßenbahn. Oder bloß der Mathematiklehrer, der immer wieder einmal durch die Stadt und das Buch radelt. Nicht alle Toten sind sich mehr sicher, dass er wirklich Mathematik unterrichtete. Es ist auch nicht wichtig, aber nicht zu leugnen, dass Gedanken und Erinnerungen genau daraus bestehen. „Die Schritte des Vaters im Flur. Der Geruch von Mutters Pelzmütze. Der Arzt. Die Stimmen der Nachtschwester. Die Eisenbahn. Unsere Finger im eklig samtigen Spalt zwischen den Kinositzpolstern. Busfahrten. Dunkle Winterabende.“

Seethaler achtet darauf, Erwartungen nicht zu simpel zu bedienen. Einige der Vielerwähnten kommen selbst zu Wort, andere nicht. Einige Geschichten werden weitergesponnen, andere nicht. Die Toten scheren sich nicht um Dramaturgie. Warum Sophie Breyer das Wort „Idioten“ aus dem Grab ruft und sonst nichts: Wir wissen es nicht. Das Sittenbild des Ortes entsteht gleichwohl planvoll, aber beiläufig genug.

Mag man enttäuscht darüber sein, dass nach dem Auftaktmonolog über das Sterben von Hanna Hein – „... und ich atmete die letzten Atemzüge meines Lebens in meine kleine, verkrüppelte Hand hinein“ – doch das Leben regiert, so wird einen das Leben wie immer brennend interessieren. Und mag man enttäuscht darüber sein, dass Seethaler keinen übermäßigen Ehrgeiz darin zeigt, als Stimmenimitator aufzutreten, so sind die Toten doch sehr abwechslungsreich aufgelegt. Die einen wollen zügig ihre Geschichte abliefern, die anderen hängen Gefühlen nach. Sehnsüchte treten nurmehr vage auf. Das gewaltige Vorbei steht über allem. Heide Friedland zählt trotzdem aufmerksam und mit messerscharfem Erinnerungsvermögen ihre zahllosen Männerbekanntschaften auf, eine imposante Leporello-Liste. Einige Namen werden „Das Feld“-Lesern bereits bekannt vorkommen. Der ehemalige Redakteur spricht in einer prächtigen Passage ausschließlich in Lokalschlagzeilen. Lokalschlagzeilen sind ein Hammer, wenn man sie nacheinander wegliest. Seethalers Humor ist nüchtern wie sein Sinn für das Drama. Martha Avenieu, eine der Toten des Kuppeleinsturzes, nimmt die Verachtung für ihren Mann Robert mit ins Grab, er seine Grabeskälte für Martha. Dabei waren sie einmal glücklich miteinander.

Unter der Hand entfachen Seethalers Tote eine brennende Neugier auf das Leben, obwohl sie selbst in dieser Frage gelassen sind. Der Tod ist ein Echoraum, in dem alles noch da ist, sogar akustisch vergrößert, aber auch fern und gleichgültig. Man hat sich im Leben an einen Ton gewöhnt und setzt ihn nachher fort. Die Stimmen der Toten sind auch eine Einbahnstraße. Die Toten quält das nicht. Seethaler ist kein Existenzialist. Die Toten verzichten nicht auf Sentenzen, aber auch die sind lebenszugewandt. „Wenn man alt ist, beginnt man zwar, hin und wieder etwas zu verstehen, aber es nützt einem nichts mehr.“ Die Toten behalten (fast alle) ihre Namen. Er ist neben den Lebensdaten tatsächlich das einzige, was man mit ans Grab nimmt.

Und wie ist es nun, tot zu sein? K. P. Lindow, ein seltsamer Typ, erläutert: „Der Tod kommt wie ein Wind. Er nimmt dich mit. Er trägt dich fort. Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht.“ Annelie Loorbeer, die 105 wurde, sagt: „Jetzt weiß ich, wie es ist. Aber ich erzähle nichts. Es ist verboten, vom Tod zu erzählen. Im Tod liegt die Wahrheit, doch man darf sie nicht sagen. Lügen ist natürlich erlaubt, aber das will ich nicht.“

Die Toten sind, auch das macht „Das Feld“ klar, unsichere Kantonisten. Es gibt welche, die prahlen, schimpfen, lügen, manipulieren aus schierer Gewohnheit weiter. Von der Selbstdarstellung lassen sie nicht ab. Man hat nicht den Eindruck, dass sie sehr viel rückhaltloser reden würden als – damals. Aber egal, wie munter und offenherzig sie sind, es wird nie eine Reaktion auf ihre Worte geben. Neben der erstaunlichen Sogwirkung der Paulstädter Geschichten ist das die markanteste und auch markerschütternde Seite von „Das Feld“. Die Toten kümmert es glücklicherweise nicht.

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