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KD Wolff: „Ich kann doch jetzt nicht einfach aufhören.“
Verlag
Kultur

Von Spaß und Schande

Von Claus-Jürgen Göpfert
16:20

Das kleine Haus mitten im Frankfurter Nordend liegt verborgen in einen Garten mit üppigem Grün. Es wuchert und blüht allenthalben. Die Zeit scheint stehengeblieben, wie in einem verwunschenen Idyll. Seit 1972 hat Karl Dietrich Wolff, den alle Welt nur KD nennt, hier Bücher produziert. Wunderbare Klassiker-Ausgaben: Hölderlin, Kafka, Kleist, Robert Walser, Georg Trakl, Gottfried Keller. Legendäre Werke zur Kultur- und Zeitgeschichte sind hier erschienen, wie etwa „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit (1977). Und natürlich die Romane des literarischen Flaneurs Peter Kurzeck. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben. 48 Jahre nach der Gründung seines Verlags Roter Stern hat Wolff für das Nachfolge-Unternehmen Stroemfeld jetzt den Insolvenz-Antrag stellen müssen. 

Die frühere Führungsfigur der Revolte von 1968, damals Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), war schon immer wortkarg, jetzt hockt der 75-Jährige inmitten seiner Bibliothek – geschätzt 20 000 Bücher haben sich angesammelt – und ist fast verstummt. Gerade hat er seinen Stand für die diesjährige Frankfurter Buchmesse abgesagt, seinen geliebten Buchmessen-Stand, den er bis zuletzt verteidigte, als das Geld schon immer knapper wurde. Am Stand hatte der Linke einst Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen. „Kohl hat uns sehr geholfen, Geld für die Hölderlin-Ausgabe zu bekommen.“ So saßen sie damals am Stand, zwei massige Männer, und zitierten Hölderlin, den sie beide so liebten. 

Der Träger des Kurt-Wolff-Preises blickt ins Leere. Dann sagt er einen Satz: „Es ist bitter.“ Pause. Dann wieder einen Satz: „Und es erschöpft auch.“ Und dann erzählt er doch. Wie die Hoffnung auf einen stillen Teilhaber für den Verlag sich zerschlug. Wie er „von einer Stiftung zur anderen gelaufen“ ist in der Hoffnung, unterstützt zu werden. Die Kafka-Ausgabe ist bis Band 16 gekommen – 25 sollten es sein. Und dann bricht es aus dem Verleger heraus: „Es ist eine Schande, dass die Kafka-Ausgabe nicht öffentlich gefördert wurde – eigentlich müsste sich der Bundespräsident da engagieren.“ 

Wieder eine Pause. „Das Wichtigste wäre, dass die Kafka-Ausgabe fertig würde.“ 

Nur eine Mitarbeiterin ist bei ihm geblieben bis zum Schluss, die Lektorin Doris Kern. Ansonsten liegen die Verlagsräume im ersten Stock verlassen, aber so, als seien die Angestellten nur zur Mittagspause außer Haus. Überall aufgeschlagene Manuskripte, handschriftliche Notizen, Plakate. „Die Lesefähigkeit der Menschen hat sich verändert“, urteilt die 65-jährige Lektorin, die seit 1987 im Verlag ist. „Sehr oft werden jetzt nur noch Lesehäppchen im Internet zu sich genommen.“ Es gebe „die Tendenz, alles online zu stellen und auf alles online Zugriff zu haben“.

Wolff brummt: „Die Bibliotheken sind weggebrochen.“ Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland, früher feste Abnehmer der Bücher, seien immer weniger interessiert. Die Auflagen schrumpften parallel immer mehr. „Von dem letzten Band Kafka haben wir noch 1200 Stück gedruckt“, sagt der Verleger. 

Über Jahre hat er immer wieder Geld zusammengekratzt, um weiter Bücher publizieren zu können. „Viele Freunde des Verlages haben uns kleinere und größere Darlehen gegeben.“ Diese Schulden sind ihm nun über den Kopf gewachsen. Eine Summe möchte Wolff nicht nennen. Er schüttelt den Kopf. Er selbst und Doris Kern haben „ihre betriebliche Altersvorsorge in den Verlag gesteckt – das sind schon über eine halbe Million Euro.“ 

In Basel gibt es noch ein kleines Tochterunternehmen, die Stroemfeld AG, da ist soeben noch ein Band der Robert-Walser-Ausgabe erschienen. Aber der Verleger ahnt, dass es auch in der Schweiz nicht weitergehen wird: „Es könnte sein, dass wir auch dort zumachen müssen.“ Er lacht bitter. „Meine Frau ist Professorin in Basel, da könnte ich immer noch einziehen.“ 

Aber Wolff möchte Frankfurt nicht verlassen. Von hier aus hatte er 1968 gemeinsam mit seinem Bruder Frank die Revolte ins Land getragen. Sie sprachen in vielen Städten und kleinen Gemeinden. Auf dem Höhepunkt des Protestes, am 11. Mai 1968, redete er auf der Hofgartenwiese in Bonn vor 300 000 Menschen. Er hatte stets gehofft, dass eine Verbindung von Studenten und Arbeitern zustande kommen würde, wie es für kurze Zeit in Frankreich geschehen war. Das kapitalistische System sollte fallen. 

„Kollegen, Genossen“, mit diesen Worten hatte er seine Rede in Bonn begonnen. Doch der Funke sprang in Deutschland am Ende nicht über. Die 68er Bewegung fiel auseinander. Wolff ging in die USA und demonstrierte mit den Black Panther. Deshalb verhängten die USA später über ihn ein Einreiseverbot.

1969 trat er in den Frankfurter März Verlag ein als Lektor. Doch schon 1970 gründete er mit dem Roten Stern sein eigenes Verlagsunternehmen. Er brachte Bücher heraus über Rassismus und politische Justiz in den USA („Der Prozess gegen Bobby Seale“), aber auch zur Frauenbewegung ( Kate Chopin „Das Erwachen“) und zur Lage der Arbeiterjugend in Westberlin. 

Doch schon 1973 begann der Rote Stern auch mit einer Gesamtausgabe des Werks von Friedrich Hölderlin. 1974 kam das „Räuberbuch“: „Die Funktion der Literaturwissenschaft in der Ideologie des deutschen Bürgertums am Beispiel von Schillers ,Die Räuber‘“. 

Die Pflege der deutschsprachigen Klassiker wurde Wolff zur Lebensaufgabe. Für seine sorgsam editierten Originaltexte gab es auch Ehrungen, so wurde er etwa mit dem Binding-Kulturpreis 2002 ausgezeichnet oder erhielt das Bundesverdienstkreuz 2009. All das hilft jetzt aber nichts. Von 2012 bis 2016 gingen dem deutschen Buchhandel 6,1 Millionen Käufer verloren, bilanzierte unlängst der Börsenverein. Bald, zu Beginn der Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober, werden die neuesten Zahlen präsentiert. Doch die Frage, ob er ein Opfer des Wandels auf dem Buchmarkt, des kulturellen Wandels überhaupt geworden sei, lässt Wolff wütend reagieren. „Wir hatten es schwer – aber Opfer sind wir deshalb noch lange nicht!“ Pause. Und dann setzt er trotzig hinzu: „Es hat auch Spaß gemacht.“ 

Auf dem Schreibtisch von Lektorin Doris Kern liegen die nicht erschienenen Manuskripte des Herbstprogramms. Eine Neuausgabe von „Männerphantasien“ von Theweleit zum 40. Jahrestag ist darunter. Aber auch neue Texte des Autors sollten publiziert werden. Kern arbeitet weiter an den geplanten Buchausgaben: „Ich kann doch jetzt nicht einfach aufhören.“ 

Auch vom 2013 verstorbenen Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck plante der Stroemfeld Verlag postum weitere Ausgaben. „Und ich wollte schon lange meine autobiografischen Aufzeichnungen veröffentlichen – dazu ist es jetzt nicht mehr gekommen“, sagt er. Gibt es noch Hoffnung, kann das Unternehmen  doch noch gerettet werden? Auf die Kulturstadt Frankfurt setzen Wolff und seine Lektorin eher nicht. Sehr persönlich nimmt er, dass der einzige Verriss für die letzten Texte Kurzecks von der damaligen Literaturkritikerin Ina Hartwig gekommen sei – sie ist heute Frankfurts Kulturdezernentin.

Sie können, sie wollen nicht einfach aufhören im kleinen Verlagshaus im Frankfurter Nordend. Doch die wirtschaftlichen Daten sind unerbittlich. Zum Beispiel bei „Nexus“, der ambitionierten kulturwissenschaftlichen Bibliothek von Stroemfeld, in der über Jahrzehnte kleine analytische Arbeiten erschienen wie „Auf Reisen: Afrikanisches Kino“ oder „Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit“. Die letzte Auflage von „Nexus“: 200 Exemplare. 

In seinem Herzen ist der Verleger KD Wolff der alte Revolutionär geblieben. Er ist zum Beispiel stolz darauf, nie die Grünen gewählt zu haben – er hält sie für die illegitimen Erben der 68er Bewegung. „Die nächste Revolte wird kommen“: Daran glaubt er. Noch warten neun Teile der Kafka-Ausgabe auf die Veröffentlichung. „,Das Schloss‘, das wäre wichtig“, sagt er leise. 

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