Alte Oper Frankfurt
Kultur

Im freien Spiel der Kräfte

Von Hans-Klaus Jungheinrich
16:49

Ein ganzer Abend Brahms: wunderbar. Die drei Klaviertrios mit gestandenen Experten: Emanuel Ax am Klavier, Leonidas Kavakos (Geige) und Yo-Yo Ma (Violoncello). Im Großen Saal der Alten Oper beim Konzert des Pro-Arte-Zyklus am Ende: Standing Ovations.

Den dankbaren Hörern wurde nicht unterhaltsame Zerstreuung gegönnt, sondern Konzentration auf einen Werkblock abgefordert. Das Sich-Einlassen auf strikte Kammermusik höchsten Grades. Diese Trias weist jeden Gedanken, es handle sich um Nebenwerke, gewissermaßen um Ruheinseln in einem von Größerem bewegten kreativen Leben, von sich. Bei Brahms rangiert die Größe der intimen Mitteilung neben der Größe des symphonischen Öffentlichkeitsappells.

Wie zu erwarten, gab es keine chronologische Reihenfolge. Vor der Pause standen die Trios in C-Dur und c-moll, danach kam das etwas ausladendere in H-Dur (revidierte Fassung), in der Tat ein prachtvolles Finalstück mit umwerfendem melodischen Schwung, im Kopfsatz-Hauptthema sogar der (neben dem C-Dur-Schlussgesang der 1. Symphonie) neuerlichen Assoziation an Beethovens „Götterfunken“. Ein wenig gebrochen die Hymnik, da der Schlusssatz in Moll endet.

Beim C-Dur-Trio scheint das kompositorische Bestreben darauf zu zielen, die naheliegende Tonart-Symbolik leicht zu verdunkeln und zu verwischen; ihre prekäre („Meistersinger“-)Strahlung kommt allenfalls in Einzelmomenten des Finale zum Zuge. Auffällig die Kollisionsdynamik des c-moll-Werkes, an dessen knappen Formaten sich die latent ausgreifende „Heroik“ mit ihren heftig zwischen den Instrumenten zirkulierenden Energieströmen bricht.

Vielleicht kein Zufall, dass sich die Interpreten nicht als fixes Trio vorstellten, sondern als solistische Individuen. So erlebte man einen flexiblen Dreierpakt, ein freies Spiel der Kräfte bei aller Dichte des partnerschaftlichen Zusammenhalts.

Der Impulsgeber Emanuel Ax am Klavier und der souveräne Vollton-Violoncellist Yo-Yo Ma waren gewissermaßen die Achsen des Zusammenspiels – und dem schlanken, kaum je schwelgerischen Geigenpart von Kavakos fiel die entscheidende Verflüssigung und Verlebendigung dieses imaginären Gerüsts zu, was in größter Disziplin und Diskretion geschah, manchmal in fast zu skrupulöser Zurückhaltung (Kantilene am Ende des C-Dur-Kopfsatzes). Ein kompakter Eindruck also, der sich aus spannenden Detailbeobachtungen zusammensetzte.

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