Alte Oper Frankfurt
Kultur

Und die Seele unbewacht

Von Judith von Sternburg
15:04

Eine sehr private Situation tat sich auf, als Anja Harteros jetzt in der Alten Oper Frankfurt die Vier letzten Lieder von Richard Strauss sang und das HR-Sinfonieorchester ihre Stimme trug und umgarnte, als sei es ein Duettpartner und kein zu diesem Zweck noch dazu besonders breit aufgestellter Klangapparat. Das muss sicher das Ziel sein bei diesem nachträglich zusammengestellten und doch genialen (auch in der heute üblichen Abfolge genialen) Zyklus, aber es ist nicht leicht zu erfüllen. Das Orchester soll hier ja eben nicht lediglich begleiten, hat einen ungeheuer interessanten, detailreichen Part. Andererseits ist das Kräfteverhältnis gegenüber der Sopranistin delikat.

Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada, der das erste Abonnementkonzert der startenden Saison leitete, fand aber mit seinen Musikern eine Balance, die umso reizvoller wirkte, als sich daraus ein großes Maß an Freiheit ergab; zu ergeben schien; aus einem vorangegangenen von extremer Disziplin geprägten Prozess ergeben haben muss. Das zeigte sich vielleicht am überwältigendsten im dritten Lied, „Beim Schlafengehen“, in dem durch ständige winzige Verschiebungen, Verschleppungen, einem Vorauseilen, einem behenden Hinterherkommen – also einer hauchfeinen Ungenauigkeit – eine zutiefst lebendige, nun ja: spontane Musiziersituation entstand. Der Sängerin war das wunderbar angemessen, deren Umgang mit den Liedern ein intimer, persönlicher, früher hätte man gesagt: seelenvoller ist. Harteros’ Stimme, die ein perfektes Strauss-Lieder-Gewicht hat, wirkte in den mittleren und tiefen Lagen besonders farbenreich, funkelnd, zugleich scheinbar ganz schlicht sprechend. Eine Folge kann sein, dass man nun immer wieder die Zeile „Und die Seele unbewacht“ von ihr hören möchte. Ihre bald zehn Jahre alte Aufnahme mit der Dresdner Staatskapelle (mit blühenderen Höhen, aber auch etwas glatter) macht das möglich, eine CD, die man getrost neben die mit Gundula Janowitz stellen kann.

Auch dramaturgisch ein großes Konzert. Vor den Liedern leiteten die HR-Sinfoniker mit Richard Wagners Tristan-Vorspiel den Drang zur unendlichen Melodie ein, eigentlich wäre es ein nahtloser Übergang gewesen (hier natürlich Beifall dazwischen, der bei allen Programmpunkten mit respektvoller Verzögerung einsetzt). Nach der Pause gab es die originelle, ebenfalls dunkel grundierte 15. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. Rossini und Wagner werden scheinbar leichtherzig und frech zitiert, aber sie wehen auch wie Gespenster vorüber in dieser Musik des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts. Alles ist zierlich und eigenartig, aber wenn im letzten Satz für ein paar Augenblicke die Walze rollt, dann ist die Gewalt ungeheuerlich.

Ein reichhaltiger Abend für die Solisten des Orchesters, denen nachher – so dem Hornisten, dem Cellisten, dem Konzertmeister – kleine Jubelwolken entgegenkamen. Ein Abend auch über die Kunst, mit enorm vielen Menschen etwas ganz Feines und nicht zuletzt Leises herzustellen.

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