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Aretha Franklin singt 1969 im Caesars Palace in Las Vegas.
Aretha Franklin
Kultur

Der Ruf nach Respekt

Von Hans-Jürgen Linke
16:11

Zu einer Zeit, als populäre Musik zuweilen so verstanden wurde, als enthalte sie politisch markierte Botschaften, sang Aretha Franklin Otis Reddings Song „Respect“. Das war 1967. Mit ihrer Interpretation fügte sie dem Titel ein imaginäres Ausrufezeichen hinzu und kehrte einen Teil der Textbedeutung um.

Bei Redding, der den Song 1965 aufgenommen hatte, fordert ein Mann seine Frau auf, ihn respektvoll zu behandeln, wenn er nach Hause komme: „All I’m asking is for a little respect when I come home.“ Aretha Franklins Version dagegen artikuliert die Frauenrolle. Ende der sechziger Jahre konnten Frauen keine Sozialhilfe beanspruchen, wenn sie mit einem Mann zusammenlebten. Aretha Franklin ist in dem Song ist eine Frau, die Sozialhilfe bezieht, sie abliefert und dafür wenigstens Respekt von ihrem inoffiziellen Lebenspartner einfordert.

„Respect“ unlösbar mit dem Namen verbunden

Das klingt nicht nach einer großen Revolution. Dennoch wurde der wie ein Aufschrei artikulierte Ruf zu einem akustischen Emblem der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und gleich auch noch der Frauenemanzipationsbewegung der späteren sechziger Jahre. Die Single verkaufte sich millionenfach, der Song kam in vielen Filmen vor und stand im Jahre 2004 auf Rang fünf einer etwas willkürlich erscheinenden Liste der 500 besten Songs.

„Respect“ war fortan unlösbar mit dem Namen Aretha Franklin verbunden. Wer immer von der Queen of Soul Music sprach, dem klang ihr melodischer Aufschrei in den Ohren. Es ist eine Tonlage, mit der sie die Position einer Noch-Benachteiligten im häuslichen Privatbereich artikuliert, die ihre Forderungen stellt und dabei so klingt, als würde sie respektlose Antworten nicht mehr hinnehmen wollen. Drei Jahre zuvor hatte Martin Luther King von seinem Traum gesprochen, ein Jahr später hatte der Voting Rights Act den schwarzen Bürgern der Südstaaten endlich ihr Wahlrecht gesichert. Es war dieser historische und politische Kontext, der Are-tha Franklins Version des Songs zur Hymne der bürgerrechtlichen und feministischen Befreiungsbewegungen machte.

Aretha Franklin war am 25. März 1942 in der Südstaatenmetropole Memphis, Tennessee, geboren worden. Die Stadt gilt seit je als eine Wiege des Rhythm’n’Blues, des Soul und des Rock’n’Roll. Ihr Vater war ein charismatischer und durchaus prominenter Baptistenprediger. Die Gospel-Tradition gehörte zu Arethas frühkindlicher Erfahrung. Mit ihren Schwestern sang sie im Kirchenchor, sie bekam früh Klavierunterricht. Die Familie zog in die Auto-Metropole Detroit um, die ab Mitte der sechziger Jahre mit der Produktionsfirma Motown zu einem mystischen Ort der aktuellen Soul- und Popmusik wurde.

1956  erschien Aretha Franklins erstes Gospel-Album, 1960 kam bei Columbia ihre erste Pop-Schallplatte heraus, einige mittelmäßige Alben mit Popsongs und Musical-Melodien folgten. Zwei Jahre später wechselte sie zu Atlantic Records und hatte mit ihrer ersten dort erschienenen Single ihren ersten großen Hit. Dem folgte wenig später „Respect“.

Otis Redding selbst erlebte den Erfolg seines Songs nicht mehr, er starb am 10. Dezember 1967 beim Absturz seines Privatjets auf dem Weg zu einem Auftritt. Martin Luther King, der den Traum von der bürgerrechtlichen Emanzipation verbalisiert hatte, wurde am 4. April 1968 in Memphis ermordet. Aretha Franklins Schrei nach Respekt überlebte beide. Die enorm langfristige Wirkung dieses Songs in dem kurzatmigen Geschäftsfeld der populären Musik kann man ermessen, wenn man bedenkt, dass das Musikprojekt 1000 Days, 1000 Songs den Titel im Mai 2017 auf seiner Website als Protest gegen die Politik Donald Trumps veröffentlichte: 50 Jahre Präsenz, das ist außergewöhnlich. „Respect“ ist ein Volkslied geworden.

Aretha Franklin als Stimme der Bürgerrechtsbewegung

Aretha Franklin war seit den späten sechziger Jahren eine überaus erfolgreiche Soul-Sängerin und öffentliche Person. Sie hatte etliche Nummer-Eins-Hits, die – außer vielleicht „Think“ – nicht an die durchschlagende Wirkung von „Respect“ anknüpfen konnten. Sie hatte einen Gast-Auftritt in dem Film „Blues Brothers“, sang Duette mit George Michael, Annie Lennox, James Brown, Elton John, und am 20. Januar 2009 sang sie zur Amtseinführung des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama. Die Presidental Medal of Freedom hatte sie schon 2005 von George W. Bush erhalten. Und am 12. Juli 2014 wurde der Asteroid 249516 Aretha nach ihr benannt.

Aretha Franklin hat immer wieder ihre Stimme der Bürgerrechtsbewegung geliehen. Seit 1984 weigerte sie sich, in ein Flugzeug zu steigen, was den Radius ihrer öffentlichen Auftritte beschränkte. Vor acht Jahren wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Während der letzten Wochen ihres Lebens wurde sie palliativmedizinisch behandelt. Sie starb am gestrigen Donnerstag im Alter von 76 Jahren.

Die Forderung nach Respekt wird lebendig bleiben.

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