Batschkapp
Kultur

Als Industrial noch Industriemusik hieß

Von Stefan Michalzik
10:12

Stahlwerksrequiem“, das jüngste, 2016 vorgelegte Studioalbum von Die Krupps, bezieht sich auf „Stahlwerksinfonie“, das ungeheuer folgenreiche Debüt von 1981. Alles nur noch Eigenretro?

Die Krupps, die im Zuge einer „Double Headliner“-Tour mit Front Line Assembly in der Frankfurter Batschkapp gastierten, haben immer weitergemacht. In erster Linie betrieb das der Sänger, Perkussionist und Gitarrist Jürgen Engler. Mit häufig wechselnden Musikern, darunter immer wieder auch Rückkehrern aus den frühen Tagen. Von 1976 an gehörte Engler zusammen mit dem Bassisten Bernward Malaka der Düsseldorfer Punkband Male an. Der Punk aber wurde den beiden musikalisch zu eng, so gründeten sie 1980 Die Krupps.

Metallgegenstände und Bohrmaschinen als Klangerzeuger – ähnlich verfolgten diese Idee zeitgleich die Einstürzenden Neubauten. Allerdings hatte die Musik von Die Krupps von Anfang an mehr Puls. Und – sie hätten das in der Zeit des Deutschen New Waves wohl nicht gern gehört – anfänglich eine gewisse Nähe zum Krautrock. Den Begriff „Industrial“ gab es noch nicht. Die Krupps sprachen von „Industriemusik“ – sie sollte sich anhören wie der Klang im Inneren einer Werkshalle. Impulse setzten sie auch für das Genre EBM – Electronic Body Music. Und Rammstein gäbe es ohne ihre Vorarbeit nicht.

Zwischen Industrial und EBM bewegt sich das 1986 gegründete Quartett Front Line Assembly. Die Kanadier um den Sänger Bill Leeb lassen in Frankfurt das Pendel sehr in Richtung EBM schwingen, inszeniert als düstere Show mit vielen Gegenlichteffekten.

Die Krupps geben äußerlich ein bemerkenswert buntscheckiges Bild ab. Ralf Dörper an Sequenzer und Synthesizern, mit Unterbrechungen von Anfang an dabei, entspricht äußerlich mittlerweile dem Klischee vom Gemeinschaftskundelehrer. An den Gitarren Nils Finkeisen, eine punkinfizierte Rockabilly-Type mit spektakulärer Tolle, sowie der reichhaltig tätowierte Marcel Zürcher, Marke Überlebender aus New-Wave-Tagen. Am Schlagzeug sitzt ein Nerd, unbekanntes Gesicht. Die Show ist rustikal und drall. Das Repertoire geht quer durch die Werkphasen. Mal trifft der peitschende Sequenzerbeat auf Metal-Riffgitarren, dann wieder drischt der 57-jährige Engler wirkmächtig auf die Metallröhren des markenzeichenhaften Stahlofons ein, das er gerne auch in imperatorischer Geste halb besteigt.

„Lohn – Arbeit“, die Worte in ewiger Wiederholung mit Publikumschor lassen die untergegangene Arbeiterkultur nachhallen. Mit derlei deutungsoffenen politischen Implikationen arbeiten Die Krupps, die früh zur englischen Sprache gewechselt haben, immer schon gern, für Trump haben sie bloß ein „Fuck You“ übrig. Das ist alles nicht der letzte Schrei, aber Die Krupps sind weiterhin eine erfreuliche Erscheinung.

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