Future Islands
Kultur

Der Unwiderstehliche

Von Tim Gorbauch
16:04

Samuel T. Herring weiß genau, wo er herkommt. Seine Band, Future Islands, gibt es seit 2006. Sie haben quasi überall gespielt, wo man ihnen eine Bühne gab: am häufigsten waren das olle Punkschuppen. Nicht nur in den USA, wo sie herkommen, sondern immer auch schon in Europa, in Deutschland. Nun sind sie in den großen Hallen angekommen, nach Wiesbaden in den Schlachthof strömen weit mehr als 1000 Fans, an einem Montag mit gefühlt 25 Grad im Schatten.

Future Islands sind eine seltsame Band. Vier mittelalte Herren entzücken mit hymnischem Synth-Pop eine euphorische Crowd junger Menschen. Drei davon stehen ziemlich regungslos auf einem kleinen Podest, links Synthesizer, in der Mitte Schlagzeug, rechts Bass – Gitarren braucht die Band nicht. Die vordere Bühnenhälfte ist frei geräumt, und nach eins, zwei Minuten ist auch schon klar, warum. Herring, 32 Jahre alt, leichter Bauchansatz, etwas zu enge Jeans, ist ein Freund raumgreifendster Tanzmoves. Mit 15 muss er auf Partys furchtbar genervt haben.

Herrings Wirkung heute ist dagegen unwiderstehlich. Mehmet Scholl antworte einmal auf die Frage nach seinem tollsten Konzerterlebnis: „Da kommt dieser Typ auf die Bühne, der aussieht wie eine Mischung aus Morrissey und einem Klempner – und packt die komplette Halle ein. Zwei Stunden lang. Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden und mir haben die Waden weh getan.“ In Wiesbaden ist das ähnlich. Herring und Future Islands machen glücklich.

Dabei passiert musikalisch nicht allzu viel, schon gar nicht viel Neues: Synthiepop meets Postpunk. Man kann jetzt natürlich sagen: warum die Hitformel ändern. Man kann es aber auch alles ein bisschen gleich finden. Vermutlich ist es egal, denn Future Islands Euphorie funktioniert vor allem deshalb so gut, weil sie so aberwitzig über dem Abgrund balanciert. Herrings Performance ist jedenfalls so viel mehr als Tanz, es ist eine Art kathartischer Akt und zugleich ein Seismograph verschiedenster Gefühlszustände.

Wenn er mit der flachen Hand auf seine Brust oder manchmal auch in sein Gesicht schlägt, wenn er die Faust zum Himmel reckt, um sie danach zu verschlucken, wenn er sich körperlich verrenkend um Verzeihung bittet, dann ahnt man unmittelbar, dass der Synthiepop eine zweite, dämonische, dunkle Ebene hat, eine, die dem Leben abgerungen ist.

Die gleiche Ambivalenz ist in seiner Stimme verborgen. Sie ist heiser und elegant zugleich. Sie kann shouten wie die bösesten Death-Metal-Figuren und samten über Synthiemelodien schweben. Samuel T. Herring ist schwer zu greifen, das macht ihn so charismatisch. Vermutlich stimmt einfach, was „Intro“ einst über ihn schrieb: „Ein DNA-Mix aus den Genen von Frank Sinatra, einer Operndiva, Dave Gahan und einem Hooligan, den man aus dem Moshpit eines Oi!-Konzerts entführt hat.“

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