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Paul McCartney, hier in Brasilien.
Paul McCartney - Egypt Station
Kultur

Das ganze McCartney-Universum auf einer Platte

Von Thomas Stillbauer
09:25

Ägypten? Auf dem ganzen Album wird man kein einziges Mal das gesungene oder gesprochene Wort Ägypten finden. Dabei heißt es „Egypt Station“, also ägyptische Station. Station der Ägypter vielleicht. Haltestelle Ägypten. Station auf dem Weg, ein Ägypter zu werden? „Mir gefiel die Wortverbindung“, sagt Paul McCartney dazu. Das ist alles. Er hat sowieso die ganze Welt in sein siebzehntes Soloalbum gepackt. Das ganze McCartney-Universum. Das Vergnügen, hindurchzureisen, sei es mit einem gelben Unterseeboot oder einem Jet, ist grenzenlos. Oder als Fahrer seines Autos.

Noch nicht lang ist es her, dass McCartney zu dem britischen Talkmaster James Corden in dessen Auto stieg, um bei „Carpool Karaoke“ mitzusingen. In der Serie trällern die großen Stars ihre Lieder mit Corden und fahren dabei durch die Stadt. „Drive My Car“, selbstverständlich. Mit Paul McCartney fährt Corden nach Liverpool, sie besuchen Stationen in Pauls Leben, keine ägyptischen, soweit erkennbar, sie sprechen mit den Leuten, die natürlich massenhaft auftauchen, am Ende gibt es ein Sensationskonzert im Pub. Wer diese 23 Minuten und 42 Sekunden „Carpool Karaoke“ gesehen hat, wird sie immer wieder sehen wollen, und wenn er älter als fünfzig ist, wird er vielleicht auch immer ein bisschen dabei weinen.

Was hat das mit der neuen Platte zu tun? Es zeigt, wie sehr Paul McCartney noch da ist mit seinen 76 Jahren. Nicht zu fassen, wie sehr der Mann noch da ist, besonders, wenn man sich klar macht, wer alles schon nicht mehr da ist. Dazu passt, wie gut sein neues Album ist. Du denkst, na gut, noch ein Album eines gemachten Mannes, und dann hörst du sein ganzes Leben, dein ganzes Leben.

Dabei fängt es mit einem Geständnis an: „I Don’t Know“ gibt Paul zu. Er habe noch so viel zu lernen, erzählt er uns zu einem wunderbar warmen Klavier. Es folgen Lieder wie alte Nachbarn, Melodien, die sofort reingehen, alles perfekt aufgenommen. Das frühlingsvogelhafte „Happy With You“, das mit einem feinen Metronom und Gitarrenklängen wie einst „Blackbird“ hereinflattert. Manches scheint einen Hauch zu jugendlich-explizit für einen Gentleman („Fuh You“), ein Mal nur klingt seine Stimme überdeutlich wie die eines alten Mannes („Confidante“). Klar erkennbar sind seine Motive: „People Want Peace“ wird auf den Konzerten Gelegenheit zu langen Publikumsbeteiligungsorgien geben. „Yes we can do it“ singt er später. Der Mann ist für Barack Obama im Weißen Haus aufgetreten, nicht nur ein Mal.

Dieses „Yes we can do it“ gehört zum zentralen Stück des Albums, „Despite Repeated Warnings“. Da schließt sich ein Kreis: Das Lied unterbricht sich immer wieder, wechselt abrupt Rhythmus, Tempo, Melodie – es ist das jüngste in einer Reihe von Geschwistern wie „Band On The Run“, dem Masterpiece seiner Wings (1973), und dem Beatles-Wunderwerk „A Day In The Life“ (1967). Allesamt kleine Musikdramen.

Mit Produzent Greg Kurstin hat McCartney zwei Jahre lang immer wieder an „Egypt Station“ weitergearbeitet. Paul spielte die Saiten- und Tasteninstrumente selbst, sogar die wichtigsten Schlagzeugparts. Und er wollte ein Album mit Konzept, eine runde Sache. Heutige Stars wie Taylor Swift, Beyoncé oder Kendrick Lamar hätten großartige Singles, ihnen fehle aber „der dramaturgische Bogen, wie man ihn von Pink-Floyd-Alben oder denen der Beatles kennt“, findet er. Als Hitschreiber wollte er nicht mit ihnen in Konkurrenz treten. „Was ich kann: eine Art Konzeptalbum schreiben, das man in einem durchhören kann, wenn man möchte, und das einen unbedingt irgendwo hinführt.“

Als Klammer dafür nahm Kurstin einen Chor in einer Kirche auf – mit derselben Bandmaschine, die einst, vor mehr als 50 Jahren, für das „Revolver“-Album der Beatles beim hypnotischen „Tomorrow Never Knows“ zum Einsatz gekommen war. Der Chor singt in „Opening Station“ ganz am Anfang und in „Station II“ fast am Ende. Danach kommt noch ein dreigeteilter Song, „Hunt You Down/Naked/C-Link“. Wer da kein Pink-Floyd-Gitarrensolo heraushört, hat David Gilmour nie gekannt. „But it’s just me really enjoying playing electric guitar“, sagt McCartney dazu. Nur ein Mann, der es wirklich genießt, Stromgitarre zu spielen, nach all den Jahren. Leute hätten ihn gefragt, warum er all das immer noch mache. „Ich sage: Weil ich es liebe. I love this thing.“

Am vergangenen Wochenende hat Paul McCartney „Egypt Station“ in New York vorgespielt, im Bahnhof Grand Central Station, und Millionen Menschen auf der Erde haben es sich live im Internet ansehen können. Zwischendurch spielte er ein paar Beatles-Songs, klar. Und „Four Five Seconds“, das Lied, das er 2015 mit Rihanna und Kanye West aufnahm. Weil er’s kann. Weil er es liebt.

Wie man weiß, müssen auch frühere Beatles irgendwann die Erde verlassen. Nicht bewiesen ist, dass alle früheren Beatles irgendwann die Erde verlassen müssen. Warten wir’s mal ab. Einer von ihnen hat sich jedenfalls noch ein Stück unsterblicher gemacht.

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