© Paul Zinken (dpa), FR
Durchdrungen vom Wunsch, die Welt zu verändern: Bono.
U2 in Köln
Kultur

Bono missioniert die Massen

Von Christian Bos
07:53

Bono schminkt sich ab. Alles um ihn herum ist in Dunkel getaucht. Die beiden Bühnen und der lange Laufsteg, der sie verbindet, die alten Schulkameraden, mit denen er nun schon seit 42 Jahren in einer Band spielt, die Menschen, die sich stets zu Zehntausenden um ihn herum zu versammeln scheinen. Man sieht nur Bonos Gesicht im beleuchteten Garderobenspiegel, dies allerdings riesenhaft vergrößert auf der 29 Meter langen, extrem hochauflösenden LED-Wand, die über der Hallenmitte der Kölner Lanxess-Arena hängt.

U2, die größte Rockband der Pop-Ära

Bono ist ganz allein im Zentrum der ausverkauften Arena. Er redet mit sich selbst. Wie sehr ihn das mitgenommen habe, als er vor ein paar Tagen in Berlin seiner Stimme verlustig ging, und Zehntausende enttäuscht nach Hause schicken musste. Dann wandern seine Gedanken zu seinen Söhnen, die an diesem Tag wieder nach Brooklyn zurückfliegen mussten, und die er nun eine Zeit lang nicht sehen wird. Und dann ist es Zeit fürs nächste Lied. Die Scheinwerfer blenden auf, The Edge steht bereit, unter seinen Füßen dreht sich ein projizierter Mond. Zeit für Massenunterhaltung mit missionarischen Anspruch, für U2, die größte Rockband der Pop-Ära. Schon in der ersten Zeile des ersten Songs an diesem Abend, „The Blackout“, spricht Bono gewissermaßen mit dem Spiegel, als er einen Dinosaurier beschreibt, der wundersamerweise noch immer über die Erde wandelt.

U2 waren, als jüngere Brüder des Post-Punk, von Anfang an vom Aussterben bedroht; und selbst, wenn man mit dem Quartett aus Dublin nichts anfangen kann, muss man ihnen doch Respekt entgegenbringen: Für die Songs, die Alben, die megalomanischen Touren. Noch bemerkenswerter als die Tatsache, dass diese vier Männer nun bereits seit dem 14. Lebensjahr miteinander musizieren, ist ihr unbedingter Glaube an die transformative Kraft von Musik. Endfünfziger, die mit Rocksongs und großem Gesten die Welt verändern wollen, wo gibt’s denn sowas?

An dieser Stelle ist es vielleicht auch Zeit für ein Geständnis: Ich habe U2 zum ersten und bis zum Dienstagabend auch letzten Mal im Jahr 1987 live gesehen. Die Joshua-Tree-Tour. Damals, mit der Selbstherrlichkeit des Teenagers, hatte ich beschlossen, auf diese Pathos-Truppe und ihren Karottenjeans tragenden Erweckungsprediger in Zukunft zu verzichten. Auch wenn es nicht einfach war, sich dem alles umarmenden Griff der Band zu entziehen. Schließlich landeten sie sogar ungefragt im iTunes-Account, mit dem ersten Spammail-Album der Rockgeschichte. Welches sie ausgerechnet „Songs of Innocence“ betitelt hatten. War es zynisch, diesen steuerflüchtigen Unschuldslämmern Zynismus zu unterstellen?

Charlie Chaplins berühmter Appell 

Doch, das war es. „Weisheit ist die Wiedererlangung von Unschuld durch Erfahrung“, zitiert ein animiertes Comic während einer kurzen Umbaupause William Blake. Das Comic zeigt die Heldenreise der Band, ja eigentlich erzählt der ganze Abend von ihrem Weg aus engen Verhältnissen an die Spitze des Entertainment-Zirkus. Bono singt von seiner früh verstorbenen Mutter Iris, von der Straße, in der er aufwuchs, von den Unruhen im Land („Sunday Bloody Sunday“ spielt die Band als Straßenkapelle, Larry Mullen schlägt den Takt auf einer Umhängetrommel), von der Zeit, als er noch Paul Hewson war. Ein ganz gewöhnlicher Junge, der vergeblich versucht, an seiner Unschuld festzuhalten.

Die neuen Songs (... of Experience“, so der ganze Albumtitel) sind nun wirklich nicht die besten der Band und zugunsten der Dramaturgie müssen die Fans zudem auf einige der größten Hits verzichten. Aber dafür ist die Show in sich schlüssig, ist in ihren besten Momenten mehr als eine Show, gelingt die oft geforderte und selten eingelöste Verbindung von Privatem und Politischem.

Noch bevor U2 hinter der durchsichtigen LED-Wand auftaucht, sieht man auf dieser Bilder aus den zerstörten Städten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, die Kölner Trümmerlandschaft ist auch darunter, und inmitten der Aufnahmen hält Charlie Chaplin seinen berühmten, seltsam aktuellen Appell aus „Der große Diktator“: „Wir wollen uns nicht hassen und gegenseitig verachten. In dieser Welt gibt es genug Platz für alle. Das Leben könnte frei sein und schön, aber wir haben uns verirrt.“

Zum Ende der gut zweistündigen Show wird die Europafahne gehisst, Bono singt „Pride (In the Name of Love“, nein er brüllt es durch ein Megafon. Er hat jetzt keine Angst mehr, die Stimme zu verlieren, fordert vom Publikum, so laut mitzusingen, dass man es bis nach Chemnitz hört. Ja er findet sogar noch Zeit, Kölns OB Henriette Reker für ihren Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit zu loben. Darauf folgt ein aufrüttelnd großartiges „New Years Day“, an dessen Ende Bono „Freude, schöner Götterfunken“, die offizielle Hymne des Europarats, summt.

Bambino von den Toten Hosen

Überhaupt durchströmen Bono an diesem Abend viele Melodien, und nicht nur die eigenen. Bowies „Rebel Rebel“ wird angestimmt, Kraftwerks „Spiegelsaal“ und Jim O’Rourkes feministische Hymne „Women of the World, Take Over“. Die Lieder sind dem Sänger selbstredend nicht zufällig von der Zunge gesprungen. Hier sagt alles etwas aus. Warum sollte man sich sonst auf eine Bühne stellen? „Women of the World, Take Over“ ist die offizielle Hymne der von Bono mitgegründeten Lobbyorganisation „One“, die sich für die Bekämpfung extremer Armut einsetzt, vor allem unter jungen Frauen. Ihren namensgebenden Song spielen U2 als Zugabe. „Rebel Rebel“ markiert, zusammen mit „Vertigo“, die breitbeinigsten Rockstar-Träume der Band. Ihr oberster Egomane spielt dazu einen zynischen Teufel namens MacPhisto, hat sich die Augen mit Kajal umschmiert und trägt Zylinder, lästert über den Gutmenschen, der sich sicher ärgere, dass er wegen seiner verlorenen Stimme nicht in Chemnitz mit – wie heißt der Kerl noch? – Bambino von den Toten Hosen für die langweilige, gute Sache eintreten können. Mit „Spiegelsaal“ folgt schließlich katerartig die Selbsterkenntnis: „Sogar die größten Stars/ Mögen sich nicht im Spiegelglas.“ Unterstrichen wird die bittere Einsicht vom besten Song des Abends: „Acrobat“. Das Lied vom desillusionierten Rockstar hat die Band vor dieser Tour noch nie live gespielt, jetzt dafür umso enthusiastischer.

Vielleicht, weil sie den Dämon, den sie dort heraufbeschwört, inzwischen besiegt hat: Am Ende des Konzerts geht Bono noch einmal den langen Steg herunter, bis zu einem Modell seines Geburtshauses. Er klappt das Dach auf, holt eine große Glühbirne heraus und lässt diese durch den Raum schwingen. Dann verlässt er die Bühne, einfach so, ohne Knalleffekt, quer durch den Innenraum, vorbei an den Menschen, die sich hier in seinem Namen versammelt haben.

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