Nachruf
Kultur

Der Mann mit der Augenklappe

Von Harry Nutt
17:10

Es gibt viele, die erinnern Kurt Scheel als den Mann mit der Augenklappe. Als der Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“ in den späten 90er Jahren in der „Tageszeitung“, taz, für eine Film-Kolumne angeheuert wurde, musste zur Illustration ein Foto her. Er schickte eins mit Klappe, die er mit einem Kuli aufgemalt hatte. Ein Witz. Der Filmexperte, ein Halbblinder, Sie verstehen. Das Foto wurde natürlich genommen, und es erschien auch in dem Buch „Ich und John Wayne“ (Edition Tiamat), in dem die gesammelten Kolumnen später erschienen. Es ist zweifellos eines der unterhaltsamsten und klügsten Filmbücher überhaupt. Kenntnisreich sowieso.

Kurt Scheel wurde 1948 beinahe in einem Kino geboren, seine Eltern betrieben ein Lichtspielhaus auf der Elbinsel Altenwerder bei Hamburg. Kurt, der Schüler, war Filmvorführer und lernte das Meiste über das Medium, das für die großen Gefühle zuständig war. „Ich und John Wayne“ erzählt auf pointiert-witzige Weise vor allem, wie die Bilder wirken. Es ging nicht nur um auftrumpfendes Wissen, sondern auch um die Tränen, die man auf eine bestimmte Art und Weise nur im Kino zu lassen vermag. Es war seinerzeit das große Verdienst der taz-Filmredakteurin Mariam Lau, diesen Schatz überhaupt gehoben zu haben. Scheel zierte sich, die Kolumne zu schreiben, seine Autorschaft betrachtete er eher als Nebenprodukt seiner Redakteurstätigkeit.

Kurt Scheel war ein Textverbesserer, einen Teil seiner intellektuellen Leidenschaft verwandte er darauf, die Manuskripte anderer Leute für den „Merkur“ lesbar zu machen. Viele namhafte Autoren müssten heute, wenn sie ehrlich sind, Kurt Scheel dafür dankbar sein, dass er sich ihrer angenommen hat. Er wusste, dass er gut darin war, aber er ließ es die Autoren nicht spüren, dass er ihre Texte für die Nachwelt gerade so noch einmal gerettet hat.

Für den „Merkur“, den er gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer bis 2012 herausgab, hat Scheel eine ganze Reihe von Beiträgen geschrieben, einer der besten handelt vom Westerner als eine von der gesellschaftlichen Modernisierung überholte Figur. Für viele Jahre war der „Merkur“ das Leitmedium der bundesrepublikanischen Intelligenzija, durchaus streitbar, aber vor allem vornehm und diskursorientiert.

Kurt Scheel war mit dem Blatt verheiratet, seit dem Umzug von München nach Berlin wohnte er beinahe in der Redaktion (in einer Nebenwohnung). Von der Mommsenstraße aus mischte sich die Redaktion fortan auch in das geistige Leben der Stadt ein. Legendär sind die „Merkur“-Gespräche, für die Autoren und Gäste des Blattes zweimal im Jahr zum ungezwungenen Debattieren um den großen ovalen Redaktionstisch im Berliner Zimmer des „Merkur“ versammelt wurden.

Kurt Scheel war ein begnadeter Spötter, der im direkten Austausch jedoch nie verletzend war. Unerbittlich konnte er jedoch intellektuellen Bequemlichkeiten gegenüber sein. Scheel legte Wert darauf, den Begriff des Gutmenschen erfunden zu haben, den er jedoch nicht als ideologischen Kampfbegriff auffasste, als der er später verwandt wurde. Vielmehr war es ihm darum gegangen, jegliche Form von Selbstgerechtigkeit zu geißeln. Nicht wenige Beobachter meinten, den „Merkur“ nach rechts abdriften zu sehen, tatsächlich ging es Scheel und Bohrer jedoch um intellektuelle Redlichkeit und die Rolle der Zeitschrift als Medium der gesellschaftlichen Selbstaufklärung.

Eine enge Verbindung hatte Kurt Scheel zu seinem langjährigen Weggefährten Michael Rutschky, dessen Nachfolge er 1980 beim „Merkur“ nach einem dreijährigen Japan-Aufenthalt im Dienst des DAAD angetreten hatte.

Scheel und Rutschky waren nicht nur Redakteure ihrer jeweiligen Zeitschriften, sie bauten über Jahre auch ein Autorennetzwerk auf, zu dem Schriftsteller wie Gerhard Henschel, Kathrin Passig, Stefan Wackwitz, David Wagner und andere gehörten, die sowohl im „Merkur“ als auch in Rutschkys Zeitschrift „Der Alltag“ veröffentlichten. Einen seiner bewegendsten Texte schrieb Kurt Scheel erst vor wenigen Wochen. Es ist ein Protokoll der letzten zwei Wochen mit Rutschky, der unheilbar an Krebs erkrankt war. Nachzulesen ist er auf Rutschkys Blog DasSchema.com, den Scheel nach dessen Tod fortführte. Sein letzter Text stammt vom 29. Juli und handelt von einem Badeausflug in aller Frühe mit dem Rad an die Havel.

Seine charmante Schrulligkeit machte es einem leicht, sich Kurt nah zu fühlen. Unvergessen sind mir Gespräche über das Laster, ständig zu früh zu einer Verabredung zu erscheinen. Kurt Scheel war auf eine ergreifende Art und Weise altmodisch, er konnte gut kochen und liebte es, das auch vorzuführen.

Wir schulden ihm noch immer eine Gegeneinladung. Was für ein Jammer. Am Mittwoch ist Kurt Scheel im Alter von 70 Jahren in Berlin gestorben.

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