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Netflix lässt den Zuschauern die Wahl: Intro schauen oder direkt in die Serie reinspringen?
Netflix
Kultur

Für das vollständige Erlebnis

Von Sonja Thomaser
15:07

Vor einigen Wochen führte der Streaming-Dienst Netflix eine Neuerung ein. Man kann jetzt mit einem einzigen Knopfdruck das Intro, also die Titelmusik einer Serie, überspringen. Sollte das wahr sein? Rückblick überspringen, ok, der Button ist in gewisser Weise sinnvoll. Aber warum sollte man denn das Intro überspringen wollen?

Eine rasch durchgeführte Umfrage im Freundeskreis ergibt: Die meisten sind begeistert vom neuen Intro-überspringen-Button und nutzen ihn rege. Ich bin entsetzt und fassungslos. Mich hatte es schon immer gestört, dass Netflix automatisch das Intro überspringt, wenn man mehrere Folgen einer Serie hintereinander guckt. Jedes Mal muss ich händisch zum Anfang zurückspulen, um die Titelmelodie hören zu können. Und manche Menschen lassen sie freiwillig aus?

Das Intro gehört zur Serie. Ohne Intro fehlt einfach etwas, ich brauche es, um in die richtige Stimmung für die Geschichte zu kommen, die gleich erzählt wird. Warum geht man so mit dem Intro um? Habt ihr alle so wenig Zeit? Wollt ihr die Serie nur schnell hinter euch bringen? Das ist doch nicht Sinn der Sache.

Musik an und abtauchen in die Welt von Westeros

Natürlich gibt es gute und weniger gute Intros. Aber nur weil die Musik einen vielleicht nicht gerade vom Hocker reißt, gehört sie ja doch zum Ganzen. Manche Serien beginnen direkt mit dem Intro, andere warten bis zur ersten spannenden Szene, um dann durch das Intro diese Spannung aufrecht zu halten. Das Intro ist ein Stilmittel. Und jetzt mal ehrlich: Wer kriegt denn beim „Game of Thrones“-Intro, von Ramin Djawadi eigens für die Serie komponiert, keine Gänsehaut? Sobald die Musik erklingt, vergisst man alles andere um sich herum und taucht ein, in die fiktionale Welt von Westeros. Bei den ersten Klängen geht das Fanherz einfach auf.

Aber es ist nicht nur die Musik, die das Intro so unverzichtbar macht. Viele Serienmacher spielen mit der Bebilderung und verstecken kleine Eastereggs, die sich mit dem Fortlauf der Serie verändern. So zum Beispiel auch bei „Game of Thrones“. Wer genau hinsieht, merkt: Das Intro verrät bereits, um was es in der Episode gehen wird, auf welchen Charakteren der Fokus liegen wird, erkennbar daran, welche Teile von Westeros gezeigt werden.

Inzwischen versuchen immer mehr Serienmacher die Intros spannend zu gestalten und Abwechslung reinzubringen. So gibt es bei „Crazy Ex-Girlfriend“ in jeder Staffel einen neuen Intro-Song, immer passend zur Handlung. Die Serie „The Wire“ hat für jede ihrer fünf Staffeln eine neue musikalische Interpretation des Titelsongs parat.

Aber es braucht nicht unbedingt ein dreiminütiges musikalisches Meisterwerk als Intro, um auf eine Serie eingestimmt zu werden. Beim „Gotham“-Intro handelt es sich um eine lediglich fünf Sekunden lange Fanfare, zu der der Schriftzug „Gotham“ im Bild erscheint. Die Sequenz zieht den Zuschauer rein und kündigt an: Jetzt sind wir in Gotham. Viele Introsongs sind wirklich gut und gehen ins Ohr. „The luck you got“ von The High Strung, die Titelmelodie der US-Version von „Shameless“, ist ein großartiger gute Laune-Song. Als das erste Mal die Titelmelodie zur Netflix-Serie „Big Mouth“ erklang, ging mir das Herz auf: Es ist eine gelungene Version des Black-Sabbath-Songs „Changes“.

Wer das Intro überspringt, nimmt sich die Möglichkeit, ein Gefühl für die Geschichte zu bekommen und beraubt sich selbst des vollständigen Serienerlebnisses. Immer muss alles ganz schnell gehen, ja.

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