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Contra: Googeln
Kultur

Google, der Feind der Fantasie

Von Boris Halva
17:17

Was ist eigentlich ein Mufflon? Keine Ahnung, wie die launige Runde am Nebentisch auf diese Frage gekommen war, damals, vor vielen Jahren. Aber es entspann sich eine lebhafte Diskussion mit allerlei absurden Erklärungs- und Herleitungsversuchen, die so kurzweilig wie erstaunlich waren. Irgendwann stand die Kellnerin am Tisch der Mufflon-Grübler und natürlich wurde auch sie ins große Raten einbezogen. Ein Mufflon? „Das ist so eine Bergziege mit wuchtigen Hörnern“, sagte sie.

Woher sie das denn so genau zu wissen glaube, hakte einer der Mittzwanziger am Tisch nach. So, als ginge nicht zusammen, groß, blond und kicherfreudig zu sein und zu wissen, was ein Mufflon ist – wo hier doch sechs, sieben Weltmänner beisammen saßen und nicht darauf gekommen waren. „Ich hatte mal ein ‚Was ist was‘-Buch über Bergtiere“, sagte die Kellnerin. Natürlich, „Was ist was“-Bücher! Und sofort begann die nächste Plauderrunde, in deren Verlauf jeder sein Lieblingswissen aus diesen Kinderlexika zum Besten gab.

Effizienz statt Plauderrunde  

Klingt nett, oder? War es auch. Aber: Solche Abende werden seltener. Heute zückt der Mensch im Mufflon-Moment sein Smartphone und tippt jedes noch so kleine Häppchen Wissen herbei, das die Runde jetzt vermeintlich braucht, um faktengestärkt weitergehen zu können auf dem Pfad der Erkenntnis. Dienstlich googeln? Total okay. Es gibt Momente, in denen ist es wichtig, möglichst schnell genau zu wissen, was Sache ist. Jetzt zu schauen, ob das Mufflon wirklich eine Bergziege ist, gehört definitiv nicht dazu.

Einerseits sind Suchmaschinen wie Google natürlich die logische Konsequenz der Suche des Menschen nach Erkenntnis. Und dieser Drang hat die Menschheit dahin gebracht, wo sie heute steht. Andererseits haben wir diesen Punkt nur erreicht, weil wir Menschen seit jeher im Gespräch gemeinsam nach Antworten auf Fragen suchen, die wir zuvor selbst aufgeworfen haben.

Wir googeln uns zu Idioten

Aber wenn heute immer einer in der Runde sitzt, der jede kleine Unschärfe mitunter ungefragt weggoogelt, wird jeder Hohlraum, in dem sich die Fantasie zu tummeln pflegte, mit Information gefüllt und jede noch so zweckfreie Plauderrunde total auf Effizienz getrimmt. Das nervt!

Müsste ich als EU-Gesundheitsminister einen Warnspruch ausarbeiten, um auf die psychologischen Folgen übermäßigen Googelns hinzuweisen, würde ich für Smartphones einen Aufkleber anordnen, auf dem steht: Googeln schadet Ihrem Einfallsreichtum. Oder, frei nach Mufflon Chomski: Wir googeln uns zu Idioten. Äh, wie komme ich jetzt eigentlich auf Mufflon?

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SchlagworteFantasieGoogle