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Kommissarin Fina Valent (Anne Schäfer) und ihr Partner Xavi Bonet (Clemens Schick) ermitteln in Barcelonas Altstadt.
ARD, „Der Barcelona-Krimi“
Kultur

Verbrecher jagen, Vati ärgern

Von Harald Keller
10:05

Bei positiver Betrachtung darf man begrüßen, dass der donnerstägliche Krimitermin im Ersten mittlerweile unterschiedliche Geschmäcker bedient. Zuletzt gab es den anspruchsvollen zweiteiligen „Usedom-Krimi“, zur Hälfte inszeniert von Kurzfilm-Oscar-Gewinner Jochen Alexander Freydank.

Der ist an diesem Donnerstag gleich wieder zur Stelle, mit dem deutlich leichtgewichtigeren „Barcelona-Krimi“. Im realen Leben geht es in der katalonischen Hauptstadt gerade heiß her. Die Separationsbestrebungen natürlich, die Gentrifizierung. Touristen übervölkern die Stadt und vertrieben in der Vergangenheit alteingessene Bewohner aus den historischen Vierteln.

An Konflikten also hat es keinen Mangel, aber das dreiköpfige Autorenteam, bestehend aus Kai Hafemeister, Stefanie Kremser, Klaus Wolfertstetter, lässt kein Bemühen erkennen, einen Plot aus den regionalen Gegebenheiten herzuleiten und zu entwickeln.

Geliefert wird eine Handlung nach Standardmuster, die auch anderswo hätte angesiedelt werden können. Manches steht sogar in Widerspruch zu den lokalen Verhältnissen. Wenig realitätsnah erscheint beispielsweise, dass die gerade in Barcelona eingetroffene Fina Valent (Anne Schäfer) für sich und ihre fünfzehnjährige Tochter María (Tara Fischer) offenbar auf Anhieb eine geräumige Wohnung direkt in Sichtweite der berühmten, ewig unvollendeten Basilika Sagrada Família ergattern konnte.

Eben wollen die Valents ihren kargen Hausrat, für dessen Transport ein alter VW-Bulli ausreicht, ins neue Zuhause schaffen, da beginnt direkt vor der Tür eine Polizeiaktion gegen die herumlungernde Dealerschaft. Fina Valent hindert einen Uniformierten daran, auf einen am Boden liegenden Verdächtigen einzuschlagen. Und wird natürlich festgenommen. Nicht lange, denn wie sich zeigt, ist sie selbst Polizistin und beginnt auf diese unkonventionelle Weise ihren ersten Arbeitstag.

Ihr künftiger Partner Xavi Bonet (Clemens Schick) hat sich, wohl in Ermangelung anderer Aufgaben, selbst zu einem neuen Fall verholfen: Zurück von einem Schwimmgang im Meer, war er prompt auf einen leblosen Mann mit blutverschmiertem Kopf gestoßen. Der Fremde ist nicht tot, aber schwer verletzt. Und er hat das Gedächtnis verloren. Fina Valents wird vom Fleck weg abkommandiert, Bonet bei den Ermittlungen zur Hand zu gehen. Die Chefin warnt ihre neue Mitarbeiterin: „Eigentlich ist er ganz nett. Aber er redet zu viel.“ Das war, die aufgeweckte Zuschauerschaft wird es schnell bemerken, ironisch gemeint. Bonet guckt nur groß und schweigt sich aus.

Besonders versiert in seinem Beruf scheint dieser Bonet nicht zu sein. Als der Rechtsmediziner von einem subturalen Hämatom spricht, quengelt der Ermittler: „Entschuldigung, ich verstehe kein Wort.“ Andererseits ist er ohne Weiteres in der Lage, Barcelonas Kneipen zu durchstreifen und zielsicher die Prostituierte ausfindig zu machen, die den Verletzten am Strand bestohlen hatte. Anschließend bleibt noch ausreichend Zeit, einen hübschen Knaben aufzugabeln und öffentlich ein wenig herumzuknutschen.

Ein rührendes Rebelliönchen, denn das ärgert den Vati (Hans-Uwe Bauer), der Bürgermeister werden möchte und Angst hat, dass ihm die Homosexualität des Sohnes im Wahlkampf schaden könnte. Der Alte fordert allen Ernstes vom Sohn, eine Therapie zu machen, zu heiraten und ihn gefälligst mit Enkeln zu versorgen. Steckt Barcelona tatsächlich noch so tief im frühen 20. Jahrhundert?

Viel mehr sorgen sollte sich Vater Bonet, weil sein Sohn Dienstvergehen gleich im Dutzend ansammelt, ohne Durchsuchungsanordnung in fremde Wohnungen eindringt und eine zwielichtige Type mit einem Faustschlag niederstreckt, weil der sich an die Teenager-Tochter seiner neuen Kollegin herangemacht hatte. Woran man schon erkennen kann: Die beiden Mitstreiter sind bereits im Begriff, sich zusammenzuraufen. Sie passen auch gut zueinander, denn Fina Valent kann zwar Zeugen zu Einvernahmezwecken hypnotisieren – rechtlich vielleicht ein wenig fragwürdig, doch wer kennt sich schon mit dem spanischen Strafrecht aus –, gibt aber auch so unentschlossene Einschätzungen von sich wie „Die Tatwaffe müsste stumpf und scharf gewesen sein“.

Bliebe noch zu erwähnen, dass barcelonische Rechtsmedizinerinnen ihrer Arbeit im roten Minikleid und dazu passenden Stöckelschuhen nachgehen. Womit gesagt sein soll, dass hier eindeutig Optik vor Logik geht. Die Inszenierung geriet ansprechend, temporeich, schwungvoll, mit knalligen Farben und trickreichen Zeitraffer-Schussfahrten durch Barcelonas Gassen. Andernorts sind diese Stilmittel schon Konvention, in Deutschland noch eher die Ausnahme. Wer nur etwas fürs Auge möchte, wird hier gut bedient.

 

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