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Die Arte-Doku „Musik in Zeiten von Krieg und Revolution“ kombiniert wichtige historische Schausplätze im Leben der Komponisten und Musiker, wie den Originalschauplatz der Kriegsfront von Verdun mit der Voie Sacrée.
Arte-Doku
Kultur

Ist die Moderne eine Nachkriegszeit?

Von Hans-Jürgen Linke
20:21

Es sind drei thematisch sehr unterschiedlich konzipierte Arbeiten, die Arte zu der Dokumentationsreihe "Musik in Zeiten von Krieg und Revolution" zusammengefasst hat, aber das leuchtet sofort ein. Denn bei jedem historischen Ereignis liegen die Dinge dermaßen anders, dass jede verallgemeinerte Aussage unsinnig wäre.

Die ersten beiden Teile der Reihe am 9. September widmen sich dem Ersten Weltkrieg und der bolschewistischen Oktoberrevolution; allgemeinere Aussagen zum Thema trifft vor allem der letzte Teil der Reihe, der erst am folgenden Sonntag, 16. September, gesendet wird. Da geht es dann um Musik als Zeichen der Macht, um verschiedene Wege der Politisierung von Musik, um ihren Ge- beziehungsweise Missbrauch – und schließlich um die Macht der Musik selbst.

Die besteht nämlich darin, Menschen auf nicht-diskursive Weise anzusprechen, Gefühle zu unterstützen oder zu erzeugen, Zusammengehörigkeiten zu stiften oder zu erodieren, Situationen zu verherrlichen. Dieser letzte Teil der Reihe nähert sich dem Gegenstand in einer überaus anregenden, widerspruchsbewussten Herangehensweise und hätte auch am Anfang stehen können.

Die beiden anderen, überaus eigengewichtig konzipierten Filme verhandeln europäische Situationen und Ereignisse aus dem ersten Fünftel des 20. Jahrhunderts. Andreas Morells Auftakt-Film beschäftigt sich mit dem Ersten Weltkrieg und der markanten Wirkung, die er auf Musik und Musiker gehabt hat.

Eigenartigerweise waren Musiker in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts durchaus für den Krieg zu begeistern. Die Zweite Wiener Schule – Schönberg, Berg, Webern – bestand aus stolzen Kriegsfreiwilligen, auf der anderen Seite zog Maurice Ravel kühn an die Front, und der Aufbruch der italienischen und russischen Futuristen in die Moderne kam auch nicht gerade pazifistisch daher.

Aber das Bild änderte sich schnell. Die Industrialisierung des Tötens machte jegliche Idee von vaterländischem Heldentum obsolet. Wie alle Soldaten kamen auch die Musiker tief erschüttert aus dem Krieg zurück – wenn sie denn zurückkamen. Bei allen hinterließ die Kriegserfahrung tiefe Spuren, nicht nur bei dem einarmig zurückkehrenden Pianisten Paul Wittgenstein. Während das breite Publikum sich in operettenhafter Sehnsucht nach einer heilen Vorkriegs-Welt suhlte, hatte in der ernsthaften Musik der Zeit eine rückhaltlose und folgenreiche Modernisierung begonnen.

Das galt nicht nur für Westeuropa, sondern auch für den Osten, und hier stieß die musikalische Moderne auf ganz andere politische Rahmenbedingungen: Die so genannte Oktoberrevolution wollte alles Herkömmliche zertrümmern und neu zusammensetzen. Sie duldete keine autonomen Künste und schritt zunehmend bedenkenlos über immer größere Berge von Leichen voran.

Anne Kathrin Peitz hat in ihrem Film „Verstummte Klänge“ die verheerende kulturelle Wirkung der sowjetischen Diktatur eindrucksvoll anhand der Lebenswege vor allem dreier Komponisten nachgezeichnet: Nikolai Andrejewitsch Roslawez, Alexander Wassiljewitsch Mossolow, Artur Sergejewitsch Lourié. Drei Namen, die man heute kaum noch kennt – im Gegensatz etwa zu Prokofiew, der in dem Film eher am Rande vorkommt, oder Schostakowitsch, der gar nicht vorkommt. Der Moskauer Musikwissenschaftler Levon Hakobian äußert nachdrücklich die Sätze: „Jeder kreative Mensch in der Sowjetunion war Opfer des Regimes. Was man Revolution nannte, war keine Revolution, sondern die Unterdrückung jeglichen freien Schöpfertums.“ Anne Kathrin Peitz’ Film dokumentiert bedrückend, wie sehr diese zwei Sätze der Wahrheit entsprechen.

Und dann ist da noch der umsichtige dritte Film. Er blickt auf den kritischen, mutigen Ivan Fischer im heutigen Ungarn; auf den angeblichen Putin-Bewunderer Valery Gergiev; auf El Sistema in Venezuela. Er blickt auch zurück auf Furtwängler und Hitler, er lässt Daniel Barenboim aus der Arbeit mit dem Orchester des West-Östlichen Diwans berichten. Er macht klar, warum Musik von der Macht nicht unberührt bleiben kann und wie sehr das mit der Macht der Musik zusammenhängt.

Danach möchte man alle drei Filme am liebsten noch einmal sehen, egal, in welcher Reihenfolge.

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