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„Das Versprechen“, am Mittwoch (15.08.18) um 22:45 Uhr in der ARD, Jens Söring und Gail Marshall, 2009.
„Das Versprechen“, ARD
Kultur

Überall tanzen Geister

Von Tilmann P. Gangloff
08:41

Die Geschichte ist wie geschaffen für ein Liebesdrama, das sich zum Justizkrimi wandelt: 1985 wird das Ehepaar Haysom in Virginia brutal ermordet. Die Ermittler sind zunächst überzeugt, es handele sich um die Tat einer durchgeknallten Bande. Dann jedoch verdichten sich die Hinweise auf die Tochter Elizabeth und ihren Freund Jens, Sohn eines deutschen Konsularbeamten und damals gerade 18 Jahre alt. Am Ende werden die beiden Studenten verurteilt: er als Täter zu zweimal lebenslänglicher Haft, sie wegen Anstiftung zum Mord zu zweimal 45 Jahren. Gegen ihn spricht vor allem ein Geständnis, das er bei seiner Verhaftung abgelegt hat. Im Prozess sagte er dann aus, er habe seine Geliebte vor der Todesstrafe schützen wollen und sei überzeugt gewesen, er genieße wie sein Vater diplomatische Immunität, werde nach Deutschland überstellt und dort nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Das komplexe Alibi, das er konstruiert hatte, um sie zu schützen, nutzte ihr nun tatsächlich. 

Der Dokumentarfilmer Marcus Vetter ist Experte für spezielle Fälle. Mit seinen Filmen „Der Tunnel“ (1999), „Wo das Geld wächst – Die EM.TV-Story“ (2000) und „Broadway Bruchsal“ (2001) ist ihm das Kunststück gelungen, drei Jahre hintereinander mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet zu werden. Für „Das Herz von Jenin“ gab es 2010 den Deutschen Filmpreis, für „Hunger“ hat er 2011 zusammen mit Karin Steinberger den Robert-Geisendörfer-Preis erhalten. Das Duo hat auch gemeinsam die Geschichte der amour fou zwischen Jens und Elizabeth konzipiert. Ihr Film ist eine clevere Montage aus Gegenwart und Vergangenheit: Die beiden Prozesse waren Ende der Achtzigerjahre die ersten, die landesweit im amerikanischen Fernsehen übertragen wurden. Das entsprechende Material konterkarieren Vetter und Steinberger mit einem aktuellen Interview, das mit Jens im Gefängnis in Virginia geführt worden ist.

Mittlerweile ist Jens Söring über vierzig. Er bestreitet seine Beteiligung an den Taten mit der gleichen Vehemenz wie vor dreißig Jahren; und womöglich sagt er die Wahrheit. Parallel zu Prozess und Interview gibt es eine weitere Ebene: In vielen Gesprächen mit den einstigen Beteiligten rekonstruiert der Film den möglichen Tathergang. Selbst Mitglieder der Staatsanwaltschaft sind heute überzeugt, Söring sei unschuldig. Die damaligen Ermittler wundern sich, dass Teile ihrer Arbeit nie vor Gericht verwendet worden sind. Ein FBI-Mitarbeiter beteuert, er habe damals ein Täterprofil erstellt, das Söring entlastet hätte; offiziell hat es ein derartiges Profil angeblich jedoch nie gegeben. Das letztlich entscheidende Belastungsindiz war ein Fußabdruck am Tatort, der Söring zugeschrieben wurde; Gutachter war ein Experte für Reifenabdrucke. Zeugenaussagen, die den Angeklagten hätten entlasten können, wurde nicht weiter nachgegangen. Dass der zuständige Richter eng mit dem Bruder der ermordeten Frau befreundet war, gehört gleichfalls zu den Fakten, die den Prozess in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen.

Angesichts der Tatsache, dass der Deutsche womöglich seit drei Jahrzehnten unschuldig im Gefängnis sitzt, verbietet sich das Prädikat „Spannend wie ein Thriller“ eigentlich, aber „Das Versprechen“ ist in der Tat überaus fesselnd; hinzu kommt, dass der Privatdetektiv, der im Auftrag von Sörings Anwältin nach entlastendem Material sucht und Zeugen befragt, selbst wie ein Filmheld aussieht. Eher unnötig ist dagegen der plakative Auftakt mit den blutigen Tatortfotos und den detailfreudigen Beschreibungen der Ermittler („wie ein Schlachthaus“). Andererseits weckt dieser Einstieg Assoziationen zu Truman Capotes 1965 erschienenem Tatsachenroman „Kaltblütig“ (1967 unter dem gleichen Titel verfilmt) über ein ganz ähnliches Verbrechen. Aufschlussreich im Hinblick auf die geradezu obsessive Beziehung des Paars sind die Zitate aus seinen Briefen („Überall tanzen Geister“) und ihren Tagebüchern, aber auch hier wirken die überflüssigen sexuellen Details recht spekulativ.

Vetter und Steinberger haben zwar auf einen Kommentar verzichtet, aber unterschwellig legt ihr Filme nahe, Söring sei das Opfer eines perfiden Komplotts geworden, das seine Freundin gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin (und eventuellen Geliebten) ausgeheckt hat. Dafür spricht auch der Song „I put a spell on you“ („Ich hab’ dich verhext“, in der Version der kanadischen Band Witness), der mitten im Film erklingt und mit dem auch der Abspann unterlegt ist. Die Haltung des Autorenteams wird ohnehin schon allein durch die deutlich höhere Anzahl der Fürsprecher deutlich; die Stimmen jener, die Söring für schuldig halten, sind deutlich in der Minderheit. Tatsächlich haben mittlerweile mehrere Gutachten ergeben, dass die am Tatort gefundenen nicht identifizierten Blutspuren eindeutig nicht von Söring, sondern von zwei anderen Männern stammen. Trotzdem sind zwölf Gesuche, ihn vorzeitig aus der Haft zu entlassen, abgelehnt worden. Im Schuldspruch heißt es ausdrücklich, die Strafen seien nacheinander abzusitzen, selbst wenn Söring nur einmal den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen kann. 

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