© ZDF/Timothy Grucza, FR
Seit 2016 wurden auf Long Island rund 25 Leichen gefunden, die alle auf das Konto der Jugendgang MS-13 gehen sollen. Bei dem Versuch, die Bande aufzuhalten, greift die Polizei hart durch.
„Die Killer von Long Island“, ZDFinfo
Kultur

Kinder in Handschellen

Von Harald Keller
08:14

Das erste Wort hat mal wieder Donald Trump. Mit dem typischen Gestus kaum gebändigter Wut pöbelt er im Kongress und verlangt das Abdichten „tödlicher Schlupflöcher“, durch die angeblich kriminelle Banden in die USA strömen. Gemeint sind Flüchtlinge aus Lateinamerika. Was Trump nicht sagt: Viele kommen gerade deshalb, weil sie Schutz vor kriminellen Banden suchen und sich in den USA ein friedliches Leben erhoffen.

Die Existenz krimineller Banden mit lateinamerikanischem Hintergrund ist eine Tatsache. Anderswo kennt man das Problem schon lange, in Florida zum Beispiel seit den Zwanzigerjahren. In jüngerer Zeit machte Long Island als Verbrechenskapitale von sich reden. Die Insel grenzt an New York, in Strandnähe gibt es Luxusvillen, sogar ein französisches Schloss. In den sogenannten „Hamptons“, den Städten Bridge Hampton, East Hampton, Southampton, haben Prominente und Wohlhabende Quartier bezogen. Zwischen diesen Polen aber befinden sich dicht besiedelte Einwandererviertel. Hier hat sich mit MS-13 ein Komplex krimineller Banden gebildet. Nicht im Zuge jüngerer Einwandererwellen, die Ursprünge reichen bis in die Achtzigerjahre zurück. Auch das verschweigen Donald Trump und seine Gesinnungsgenossen.

Behördenvertreter ganz in Trump-Manier

MS-13 entstand aus Selbstschutzorganisationen, die sich gegen andere Gangs zur Wehr setzen wollten. Inzwischen handelt es sich um verbrecherische, skrupellose Banden. Ihre Opfer: vor allem unbegleitet eingereiste jugendliche Flüchtlinge. Die werden zur Mitwirkung in den Banden gezwungen. Oder ermordet. Seit 2016 wurden auf Long Island 25 Leichen entdeckt. Die meisten Teenager.

Behördenvertreter bedienen sich, ganz in Trump-Manier, der Öffentlichkeit gegenüber inzwischen einer martialischen Sprache, reden von Terrorismus auf einheimischem Boden, haben den Banden gar den Krieg erklärt. Und inzwischen handeln sie auch danach. Wie die Autorin Marcela Gaviria in ihrer packenden Reportage aufzeigt, werden dabei Bürgerrechte außer Kraft gesetzt, Jugendliche ohne überzeugenden Haftgrund monatelang in Schwerverbrechergefängnisse gesperrt, Anwälte in ihrer Arbeit behindert.

Zwei Fallbeispiele stehen für eine Tendenz, die die USA in Richtung Willkürstaat führen könnte. Berichtet wird über Jesús Lopez. Der gerade achtzehnjährige Junge geht zur Schule, hat gute Noten, arbeitet abends in einem Restaurant. Vermutlich infolge einer Verwechslung – in den Polizeiunterlagen war sein Name falsch geschrieben – wurde er im Zuge einer groß angelegten Polizeiaktion festgenommen und ohne nähere Prüfung der Vorwürfe und ohne Gerichtstermin in einen anderen Bundesstaat verlegt. Blinder Aktionismus, der der Sache nicht dienlich ist, eher neue Verbrecher heranzieht. Donald Trump flog eigens ein, um die angeblich erfolgreiche Polizeiaktion zu loben. Er rief öffentlich dazu auf, mit den Festgenommenen nicht zu zimperlich umzugehen. Die präsidiale Sanktionierung eines Rechtsbruches.

„Die Killer von Long Island“ ist eine für das deutsche Fernsehen bearbeitete Produktion der gemeinnützigen US-Senderkette WGBH. Eine der wenigen verbliebenen kritischen Stimmen des öffentlichen Lebens in den USA, unabhängig, ihrer journalistischen Qualität wegen mit Preisen bedacht, hoch angesehen. Nicht so bei Trump und seinen Vasallen. Regierungsangehörige verweigerten Interviews, schickten subalterne Kräfte vor. Die Strategie ist inzwischen bekannt: Die unteren Chargen sind notfalls austauschbar, werden bei Bedarf zu Prügelknaben gemacht.

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