© Moritz Schultheiß/ZDF, FR
Benno Winkler (Dietmar Bär) sucht verzweifelt nach seiner vermissten Tochter.
„Für meine Tochter“, ZDF
Kultur

Krieg kennt keine Grenzen

Von Tilmann P. Gangloff
09:12

Im Frühjahr hat die ARD eine ganz ähnliche Geschichte erzählt, wenn auch unter anderen Vorzeichen: „Macht euch keine Sorgen“, ein ausgezeichnet gespieltes Drama mit Jörg Schüttauf als Vater, der seinen zum Islam konvertierten Sohn aus Syrien zurückholt. Im Zentrum des ZDF-Films „Für meine Tochter“ steht ebenfalls ein Familienvater, die Entfremdung spielt auch hier eine Rolle, und erneut muss ein Mann Grenzen überschreiten, buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Eines Tages erhält der verwitwete Benno (Dietmar Bär) einen Anruf von der Polizei: Eine geflüchtete Syrerin wollte mit dem Pass seiner Tochter nach Deutschland reisen. Der Apotheker versucht vergeblich, Emma, sein einziges Kind, zu erreichen. In Berlin, wo sie studiert, findet er raus, dass sich die junge Frau in der Flüchtlingshilfe engagiert. Der Syrer Valid (Mohammad Alkeel), durch einen Hungerstreik völlig entkräftet, offenbart ihm schließlich, dass Emma gemeinsam mit ihrem Freund Max in Syrien ist, um seine Familie nach Deutschland zu holen. Kurz entschlossen macht sich Benno auf den Weg, um seine Tochter zu suchen.

Ähnlich wie der nur ein gutes halbes Jahr jüngere Schüttauf ist Bär eine treffende Besetzung für einen Durchschnittsdeutschen im jungen Großvateralter. Bei Bär kommt allerdings eine durch seine Korpulenz bedingte Konstitution hinzu, die nicht für Extremsituationen geschaffen ist: Regisseur Stephan Lacant nimmt sich viel Zeit für die Szenen, in denen Benno, ausgeraubt und ohne Schuhe, durch die steinige Einöde irrt (gedreht wurde in Marokko) und, dem Verdursten nahe, seinen eigenen Urin trinken will. Ein Mittelsmann wollte ihn zu seiner Tochter bringen. Die 10.000 Dollar Lösegeld, die Benno mitnehmen sollte, sind natürlich weg, aber der Apotheker hat im Moment ganz andere Sorgen. Als ihn eine Patrouille halbtot in der Wüste findet, wähnt er sich gerettet. Wer die die Soldaten sind und auf welcher Seite sie stehen, weiß er nicht. In Syrien, hat er zuvor gelernt, führt jeder gegen jeden Krieg; und dieser Krieg kennt keine Grenzen. Die Männer entpuppen sich als Soldaten des „Islamischen Staats“, doch dank einer glücklichen Fügung kommt Benno erneut davon. Gemeinsam mit einer Gruppe gelingt ihm in der Nacht die illegale Rückkehr in die Türkei, aber ohne Pass wird ihm der Zutritt zum Lager, in dem er kurz zuvor noch nach Emma gesucht hat, verwehrt. Da hockt er nun vor dem Zaun, ein von den Strapazen der sengenden Sonne mehr als nur gezeichneter Mann, der überzeugt ist, nach dem plötzlichen Tod seiner Frau habe er nun auch seine Tochter verloren, bar jeder Hoffnung und so verzweifelt, dass er einer Mutter und ihrem kleinen Kind das Brot stiehlt: ein Flüchtling wie viele andere. 

Spätestens jetzt zeigt sich, wie klug es war, dass der Film vergleichsweise handlungsarm konzipiert ist: Auf diese Weise wirken die Bilder des gebrochenen Vaters in der gleißenden Orientsonne umso intensiver. Das Drehbuch ist in gemeinsamer Arbeit von Sarah Schnier und Michael Helfrich entstanden. Beide stehen für hohen Anspruch. Von Schnier stammen diverse Komödien mit Tiefgang, darunter „Mein Sohn Helen“ und „Mona kriegt ein Baby“ (beides Freitagsfilme im „Ersten“) oder „Barfuß bis zum Hals“, aber sie hat auch den Kernkraftwerks-Thriller „Restrisiko“ (beide Sat.1) geschrieben; von Helfrich war unter anderem das Drehbuch zu dem vorzüglichen Sat.1-Ehedrama „Die Ungehorsame“. Lacants letzte Filme waren ebenfalls Eltern/Kinder-Geschichten: In „Toter Winkel“ entdeckt ein Vater, dass sein Sohn ein Neonazi ist, in „Fremde Tochter“ muss eine Mutter verkraften, dass ihre Tochter zum Islam konvertiert. Der wichtigste Name bei „Für meine Tochter“ ist zumindest aus Zuschauersicht jedoch Dietmar Bär: Lacant verlässt sich voll und ganz auf die Aura seines Hauptdarstellers, die umso stärker wirkt, weil die Handkamera (Moritz Schultheiss) ihm nie von der Seite weicht; viele Szenen leben allein von der Ausstrahlung Bärs, der scheinbar mühelos und ohne großen mimischen Aufwand Bennos Gefühle vermittelt. 

Bedrückende Bilder von Syrien

Zum Glück endet die Geschichte nicht vor den Toren des Lagers: Benno bekommt eine weitere Chance. Er stößt auf Max (Merlin Rose), der ihm berichtet, Emma sei bei einer Explosion ums Leben gekommen, aber Benno spürt mit dem Herzen eines Vaters, dass seine Tochter noch lebt. Gemeinsam reisen sie ein zweites Mal nach Syrien, diesmal in Begleitung eines vertrauenswürdigen Helfers, und tatsächlich finden sie nicht nur Emma (Anna Herrmann), sondern auch die Frau von Valid; aber nicht alle werden wohlbehalten die Reise nach Deutschland antreten. Die Aufnahmen dieses zerbombten Ortes, in dem überall Leichen herumliegen, weil die „IS“-Krieger die Einwohner regelrecht hingerichtet haben, sind außerordentlich bedrückend.

Ähnlich wichtig für die Wirkung des Films wie die Bilder ist die Arbeit des Duos René Dürbeck und Joachim Dohmen. Bei Bennos Einführung und den Rückblenden in die glückliche Zeit zu dritt ist die Musik fast zärtlich und passt somit perfekt zur behutsamen Inszenierung des trauernden Witwers. Das ändert sich, als er im Nahen Osten eintrifft und eine elektrische Gitarre für Misstöne sorgt. In den intensivsten Momenten verzichten die Komponisten fast völlig auf Instrumente, nun sorgt allein eine weibliche Gesangsstimme für eine sparsame, aber wirkungsvolle musikalische Untermalung.

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