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Elke (Julia Koschitz) und Sebastian Wastl Kronach (Jan Josef Liefers) als glückliches Ehepaar in einer Szene des Films „Gefangen - Der Fall K.“
„Gefangen - Der Fall K.“ (Arte)
Kultur

Der Moralist als Störenfried

Von Harald Keller
17:13

Der Streckgitterzaun an sich ist schon unüberwindlich. Zur Sicherheit hat man unterhalb der Zaunkrone auch noch Stacheldrahtspiralen gespannt. Ein Vogel ist hineingeraten und elend verreckt, der Kadaver rottet vor sich hin. Guantanamo? Abu Ghraib? Aber nein. Ein forensisches Hochsicherheitsgefängnis in Deutschland. Normalerweise psychisch gestörten, nicht therapierbaren Gewalttätern vorbehalten. Aber es fand sich auch ein Plätzchen für Sebastian Kronach. Weißhaarig, zermürbt, niedergeschlagen. Sein Zellengenosse hält die Amateurkamera, Kronach stellt sich mit eigenen Worten vor: „Ich bin in eine absolut unglaubliche Geschichte geraten.“

Henriette Piper lieferte die Vorlage, Kit Hopkins und Hans Steinbichler, der auch Regie führte, schrieben die finale Drehbuchfassung. Unter anderen Umständen wäre dieses Skript mutmaßlich mit gelüpften Augenbrauen aufgenommen worden. Zu abwegig, tollkühn, absurd erscheinen die Ereignisse, die da geschildert werden. Aber die fiktive Figur Sebastian Kronach, genannt Wastl, hat ein reales Vorbild. Der Film „Gefangen – Der Fall K.“ ist unverkennbar an der Geschichte des Gustl Mollath orientiert.

Das Ende einer romantischen Liebe

Zeitsprung. Wir sehen Wastl Kronach (Jan Josef Liefers) in jungen Jahren. Er treibt in wilder Wettfahrt seinen Porsche über eine Gebirgsstraße. Neben ihm erhebt sich seine Frau Elke (Julia Koschitz) übermütig vom Beifahrersitz, genießt den Fahrtwind, fühlt sich juchzend wie die „Queen of the World“ und schreit ihre Liebe zu Wastl lauthals hinaus in die Berglandschaft.

Sie sind ein ungleiches Paar. Er war Rennfahrer und arbeitet im ölverschmierten Blaumann in der eigenen Werkstatt. Sie ist „Vermögensberaterin“ beim Bankhaus „Bayhub“ und darauf spezialisiert, das Geld wohlhabender Kunden am Fiskus vorbei ins Ausland zu schleusen.

Bei einer ihrer Ausflüge in die Schweiz darf Wastl sie begleiten, fühlt sich unwohl in der Hautevolee und empört sich, weil ein bekannter Waffenhändler zum Kreis gehört und Elke den Hof macht. Sie verweigert sich seiner Bitte, ihr illegales Tun zu beenden, macht ihn sogar im Stillen zum Komplizen. In seinem Werkstattbüro gehen dubiose Faxe ein, Einzahlungsbelege mit Chiffren wie „Villa 2000“, „Luftschloss“ und „Holy Moly“. Wastl fertigt heimlich Kopien an. Die dunklen Geschäfte seiner Gattin machen ihn zunehmend nervös. Es kommt zum Streit, sie beschimpft ihn als Versager. Der Anfang vom Ende. Kronach ist gar nicht auf Zwist aus. Er, der an Ehrlichkeit und Bürgersinn glaubt, schreibt an Elkes Vorgesetzte mit der treuherzigen Bitte, dass „es“ aufhören möge. Die Geschäftsführung lässt seine Anwürfe überprüfen, findet sie bestätigt.

Der gute Ruf des Instituts steht auf dem Spiel. Es beginnt eine perfide Kampagne. Elke Kronach gibt gegenüber ihrem Therapeuten Dr. Lindner, zugleich einer ihrer Schwarzgeldkunden, an, Sebastian habe sie körperlich misshandelt. Der Arzt attestiert Wastl Kronach eine verminderte Zurechnungsfähigkeit, ohne ihn je gesehen zu haben, und stürzt ihn damit in einen Mahlstrom. Kronach verliert seinen Besitz, wird wegen Körperverletzung angezeigt, für unzurechnungsfähig erklärt, landet in der Psychiatrie. Seine eigene, mit Beweisen unterfütterte Anzeige gegen die „Bayhub“ verläuft im Sande.

Ein Tor, wer auf die Wahrheit baut

Wastl Kronach ist, und so wurde auch Gustl Mollath verschiedentlich beschrieben, kein einfacher Zeitgenosse. Sein Credo: „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Welt nur gerechter werden kann, wenn man sich einmischt. Und wenn man für seine Überzeugungen eintritt. Das beginnt vor der eigenen Haustür.“ Idealist oder Querulant? Ein einfältiger Tor? Jedenfalls dahingehend naiv, dass er, unverbrüchlich auf die Wahrheit vertrauend, auf anwaltlichen Beistand verzichtet und sich vor Gericht selbst vertritt. Ungeschickt, undiplomatisch. Er macht es der Gegenpartei leicht, ihn als Sonderling abzustempeln. Und nachdem er einmal ins System staatlich betreuter Anstalten für psychisch Kranke geraten ist, gibt es für jemanden wie ihn kaum noch eine Chance, der Zwangseinweisung wieder zu entkommen.

Der „Fall K.“ – K. wie in manchen Geschichten Kafkas? – ließe sich bei aller persönlichen Tragik als skurriles Einzelschicksal abtun, gäbe es nicht auch die Affäre um jene hessischen Finanzbeamten – dort ging es ebenfalls um systematische Steuerhinterziehung –, denen in gekauften Gutachten wahrheitswidrig schwere psychische Schäden unterstellt wurden.

Wenn man diesem – dank der intelligenten Kameraführung des Hollywood-erfahrenen Bildgestalters Christian Rein stark über die visuelle Ebene erzählten – Film inhaltlich eines ankreiden kann, dann dass die Autoren die Verantwortung für den Skandal um Kronach einem kleinen Klüngel bajuwarischer „Amigos“ zuschreiben und damit die Allgemeingültigkeit, die ihrer Fabel innewohnt, vernachlässigen. Denn verwandte Mechanismen wirken überall, wo Schikane und Verleumdung Raum finden, weil andere in Sorge um ihre Bequemlichkeit und die persönliche Wohllebe die Augen niederschlagen. Wenn ein Mensch, der so felsenfest an Aufrichtigkeit und Wahrheit glaubt wie dieser Kronach, deshalb von seiner Umwelt als schrullig und störrisch wahrgenommen wird, ist eigentlich ein Anlass gegeben, die Frage nach dem Verhältnis dieser Gesellschaft zu ihren moralischen Werten zu erörtern.

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