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Sebastian "Wastl“ Kronach (Jan Josef Liefers) hegt Verdacht gegen den Umgang seiner Frau (Julia Koschitz).
„Gefangen - Der Fall K.“, ZDF
Kultur

Wenn Unrecht zu Recht wird

Von Tilmann P. Gangloff
13:47

Aus Gustl wurde Wastl, aber es besteht keinerlei Zweifel daran, um wen es sich in Wirklichkeit handelt, schließlich sind die haarsträubenden Erlebnisse von Gustl Mollath vor einigen Jahren durch sämtliche Medien gegangen: Aufgrund verschiedener Gutachten von Psychiatern, die ihn zum Teil nie gesehen hatten, verbrachte der Franke mehrere Jahre in einer geschlossenen Anstalt. „Gefangen – Der Fall K.“ erzählt seine Geschichte.

Sie beginnt idyllisch: Wastl Kronach (Jan Josef Liefers), ehemaliger Rennfahrer und Besitzer einer Kfz-Werkstatt für Oldtimer, führt gemeinsam mit Ehefrau Elke (Julia Koschitz) ein wunschlos glückliches Leben. Elke arbeitet für eine bayerische Bank und reist regelmäßig in die Schweiz. Als Wastl sie mal begleitet, stellt er fest, dass zu ihren Geschäftspartnern unter anderem ein Waffenhändler gehört. Schockiert stellt er sie zur Rede. Seine Bestürzung wächst, als er rausfindet, worin Elkes Job besteht: Sie hilft reichen deutschen Steuerhinterziehern, ihr Schwarzgeld auf Schweizer Konten zu bunkern, und hat auf diese Weise nicht nur enorme Summen über die Grenze geschmuggelt, sondern auch ihren eigenen Arbeitgeber betrogen.

Der zwar lebensfreudige, aber moralisch rechtschaffene Wastl ist empört, es kommt zum Krach und zur unschönen Trennung. Als Wastl die Bank über Elkes Treiben informiert, sinnt sie auf Rache. Sie berichtet einem ihrer Kunden, ihr Gatte sei gewalttätig und zum Stalker geworden; der Mann ist Therapeut und erstellt prompt ein entsprechendes Gutachten. Weil Elkes Anwalt und der Richter am Landgericht (Francis Fulton Smith) unter einer Decke stecken, wird der widerspenstige Wastl kurzerhand zum Querulanten erklärt und schließlich als Gefahr für sich und andere in die Psychiatrie eingewiesen, wo er viele Monate in der Isolation verbringt. Für die umfangreichen Unterlagen, mit denen er Elkes Machenschaften beweisen kann, interessiert sich kein Mensch. Erst viele Jahre später kommt es zum Wiederaufnahmeverfahren und seiner Freilassung.

Jan Josef Liefers sorgt für Sympathien

Kit Hopkins und der als Koautor geführte Regisseur Hans Steinbichler (Drehbuchvorlage: Henriette Piper) verdeutlichen zwar, was für eine Farce dieses himmelschreiende Unrecht darstellt, verzichten aber darauf, die Geschichte als kafkaeske Parabel zu erzählen, selbst wenn einige Momente völlig absurd anmuten. Wastl erzählt einem Arzt, er höre auf die Stimme seines Gewissens, und der Mann notiert: „Patient hört Stimmen“. Die Ausrichtung des Films zeigt sich nicht zuletzt in der Besetzung der Hauptrolle: Jan Josef Liefers sorgt allein durch seine Besetzung dafür, dass Wastl Kronach zum Sympathieträger wird. Natürlich ist es unerhört, wie Justiz und Psychiatrie mit ihm umspringen, aber im Grunde verhindert nur die Einführung Wastls als ehrliche und auch etwas naive Haut, dass er nicht als wunderlicher Sonderling erscheint, dessen Ausführungen das Zeug zur Verschwörungstheorie haben. Sein widerspenstiges Verhalten – bei Gericht will er sich partout nicht in die Schranken weisen lassen, Begutachtungen durch Psychiater lehnt er mehrfach ab – macht es der Justiz beinahe leicht, ihn abzustempeln. Liefers kostet beide Seiten der Figur, die Lebenslust zu Beginn und den Zorn über die spätere Ohnmacht, mit der gleichen Hingabe aus wie die Rolle der ähnlich unbequemen Hauptfigur in der Komödie „Der Mann auf dem Baum“. 

Interessant ist auch die Filmmusik, in die Sebastian Pille zwei prägnante Motive integriert hat: Für die Sehnsucht, alles möge wieder so werden wie vorher, steht die Melodie aus dem von Peter Maffay zu gesamtdeutschem Ruhm gesungenen Karat-Klassiker „Über sieben Brücken mußt du gehn“, für die Verzweiflung ein Auszug aus Hans Zimmers famosem „Interstellar“-Soundtrack. Das ist zunächst wegen der Raumschiff-Assoziationen zwar etwas irritierend, passt aber perfekt zu Wastls Erkenntnis, in der Psychiatrie lebendig begraben zu sein, als sein Revisionsantrag abgelehnt wird. Optisch illustriert der Film diesen Prozess mit einer simplen Idee: Während der Zeit in der „Vollisolation“ sind Wastls Haare weiß geworden. Da sich der Handlungszeitraum über knapp zwanzig Jahre erstreckt, mussten Hopkins und Steinbichler die Geschichte zwangsläufig durch größere Zeitsprünge strukturieren, die zunächst durch Elkes wechselnde Frisuren verdeutlicht werden. Bei Wastl ist der Film einfallsreicher: Zu Beginn seiner Zeit in der Psychiatrie drückt er Apfelkerne in einen Blumentopf, später ist aus der Saat ein eindrucksvolles Bäumchen geworden. Apropos Zeitsprung: Das gleichnamige Unternehmen hat den Film auch produziert. Zeitsprung Pictures steht für große Fernsehwerke wie „Das Wunder von Lengede“ (2003, Sat.1), „Contergan“ (2006, WDR) und „Frau Böhm sagt nein“ (2009, WDR); Steinbichler hat für die Produktionsfirma schon die Filme „Landauer – Der Präsident“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ gedreht.

Zur Sendung
Drama „Gefangen - Der Fall K.“
Sendetermin TV: Montag, 10.9., 20.15 Uhr, ZDF.
Mediathek: https://www.zdf.de/filme/der-fernsehfilm-der-woche/gefangen---der-fall-k-100.html

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