© Ricardo Vaz Palma/Looksfilm/Iris Group/Les Films d'Ici, FR
Apolonia Chalupiec (Michalina Olszanska) träumt von einer Karriere als Filmschauspielerin. Im Film "Carmen" des deutschen Regisseurs Ernst Lubitsch (Roland Bonjour) gelingt der jungen Frau mit dem Künstlernamen "Pola Negri" der Durchbruch.
„Krieg der Träume“, Arte
Kultur

Vom Leben zwischen den Kriegen

Von Harald Keller
20:13

Vor vier Jahren, als sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Male jährte, taten sich europäische und australische Sender zusammen, um im Zuge einer beinahe beispiellosen Anstrengung das damalige Geschehen aus Warte der Betroffenen anschaulich zu machen. Die Bücher zu der Dokumentarreihe „14 – Tagebücher des Ersten Weltkrieges“ entstanden auf Basis authentischer Memoiren. Zwei davon stammten von prominenten Personen der Zeitgeschichte, von Käthe Kollwitz und Ernst Jünger. Das Ausnehmende dieser Produktion aber lag darin, dass nicht aus Warte der Politik und Oberschicht erzählt wurde, sondern zusätzlich gewöhnliche Menschen das Wort erhielten. Darum verbot es sich, allein auf zeitgenössisches dokumentarisches Filmmaterial zurückzugreifen. Denn das, so weiß man, war zensiert, wenn nicht gar von vornherein gestellt. So manche erhaltene Kriegsszene beispielsweise war agitatorische Spiegelfechterei und hatte mit dem realen Frontgeschehen nichts gemein.

So widersprüchlich es also erscheinen mag: Wenn die Autoren um Jan Peter und Gunnar Dedio, die das Konzept entwickelt hatten, die in den authentischen Tagebüchern beschriebenen Szenen teils mit Schauspielern umsetzen oder aus dem Off nachsprechen lassen, dann kommt diese Nachstellung der Wahrheit näher als die damalige filmische Regierungspropaganda. Die szenischen Erzählungen waren eng verwoben mit filmischem und fotografischem Dokumentarmaterial, das teils aufwändig restauriert wurde.

Vier Jahre später, also hundert Jahre nach der deutschen Kapitulation, nahm dasselbe Team den Faden wieder auf. Der erste von acht Teilen der Reihe „Krieg der Träume“ beschreibt in der bekannten Manier die letzten Kriegsmonate, den Aufstand der Cuxhavener Matrosen, den Friedensschluss. Derweil tut in Berlin eine selbstbewusste junge Schauspielerin mit Unterstützung des Regisseurs Ernst Lubitsch die ersten Schritte in eine große Filmkarriere, die sie bis nach Hollywood führen wird: Pola Negri (Michalina Olszanska), die „dunkle Polin“, gebürtige Barbara Apolonia Chalupiec.

Die Geschichte einer bereits bekannten Figur wird fortgesetzt: Die Russin Marina Yurlova, wieder gespielt von Natalia Witmer, war als Vierzehnjährige ihrem Vater in den Krieg gefolgt und Kosakin geworden. Jetzt gerät sie in die Nachkriegswirren und wird später in die USA ausreisen. Einen quasi umgekehrten Weg nimmt die französische Anarchistin May Picqueray (Solène Rigot). Auf der Suche nach einer gerechten Welt ohne Klassenunterschiede reist sie in die junge Sowjetunion, sieht aber ihre Hoffnungen schwer enttäuscht.

„Krieg der Träume“ ist ein Kaleidoskop der Jahre zwischen 1918 und 1939 mit ihren wirtschaftlichen und politischen Fortschritten und Krisen, kulturellen Errungenschaften, gesellschaftlichen Neuerungen. Das alles nicht mit dem Historikerblick von oben, sondern aus Perspektive der Beteiligten erzählt. Die epische Erzählweise erlaubt es im Gegensatz zur üblichen Datengeschichtschreibung, wenig bekannte Aspekte des politischen und gesellschaftlichen Lebens anzusprechen und ungewöhnliche Perspektiven zu eröffnen.

Die Autoren bieten eine Fülle an Figuren auf und wissen doch ihr Material so zu montieren, dass die Zuschauerschaft nie den Überblick verliert. Die Szenen werden meist kurz gehalten, schnelle Szenenwechsel verdeutlichen die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Nicht nur aus Deutschland und Frankreich wird berichtet, sondern beinahe aus ganz Europa und auch aus vietnamesischer Warte. Als Quelle dienten hier die Aufzeichnungen Nguyen Ai Quocs, der 1918 auf der Pariser Friedenskonferenz für die Unabhängigkeit Vietnams eintrat. Später sollte er seinen Namen wechseln. Man kennt ihn heute als Ho Chi Minh.

Auch auf die USA richtet sich der Blick. Wenn hier gegen Einwanderer gehetzt wird, kommen einem die Töne sehr bekannt und aktuell vor. Nur richteten sie sich damals gegen Europäer, auch Deutsche, die aus wirtschaftlicher Not die Reise über den Ozean wagten.

Ein kleines Manko hat diese Fortsetzung: die deutschen Parts wurden teils mit sehr bekannten Gesichtern besetzt, was bewirken könnte, dass manche Zuschauer das Geschehen als Fiktion auffassen. Trotz dieser kleinen Einschränkung: Den Beteiligten gelang eine hochgradig sehenswerte Produktion mit beachtlichen Schauwerten. So eindrucksvoll wie das Ergebnis ist die Liste der beteiligten Partner, darunter Sendeanstalten aus Österreich, Norwegen, Schweden, Polen, Finnland, Kanada.

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