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Der Quizmaster, Schauspieler und Conferencier Hans-Joachim Kulenkampff in seiner erfolgreichen Quiz-Sendung „Einer wird gewinnen“.
„Kulenkampffs Schuhe“, Das Erste
Kultur

Zwischentöne im Amüsierbetrieb

Von Harald Keller
15:49

Mit Sendungen aus den frühen Fernsehjahren lässt sich leicht Belustigung erzielen. Die einfachen technischen Mittel, der förmliche, manchmal steife oder auch gezierte Habitus der Moderatoren, die eigentümlichen Moden bewirken das Amüsement desjenigen, der es durch das Voranschreiten der Zeit, also ohne eigenes Zutun, besser weiß. Und in einigen Jahren seinerseits Gegenstand des Gelächters nachfolgender Generationen sein wird.

Medienhistoriker verstehen sich darauf, den feineren, verkappten Botschaften der frühen Unterhaltungssendungen nachzuspüren und sie in einen größeren Kontext zu stellen. Dass dies auch in Form eines unterhaltsamen wie informativen Essayfilms geschehen kann, beweist aktuell die preisgekrönte Dokumentarfilmerin Regina Schilling. Dabei bedient sie sich allein des Mittels der Montage, setzt Bilder aus der eigenen Familiengeschichte in Bezug zu diversen filmischen Archivalien, vor allem solchen aus der Geschichte des Fernsehens.

Entspannung für entkräftete Einzelhändler

Schillings Vater war Drogist, und Drogerien hielten seinerzeit auch Fotoartikel feil. Vermutlich deshalb gibt es viele Fotos und auch Schmalfilmaufnahmen. Zudem fand sich mit Egon Monks „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ ein Fernsehspiel aus dem Jahr 1970, das erstaunlich treffsicher den Aufstieg und Niedergang des Drogistengewerbes widerspiegelt, vom emsigen, mit Optimismus verbundenen Aufbau in den Fünfzigern bis zur Krise, unter anderem ausgelöst durch die Aufhebung der Preisbindung im Jahr 1974. Die berufliche Belastung war groß und dürfte zur Erkrankung und zum vorzeitigen Ableben des Vaters beigetragen haben.

Entspannung fanden er und der Rest der Familie vor dem Fernseher. „Am Samstagabend aber war alles gut“, heißt es im von Maria Schrader gesprochenen Kommentar. Schon früh verfügten die Schillings über ein eigenes Gerät. Regina Schilling gehört somit der ersten Generation an, die einen regelmäßigen Fernsehbetrieb gewohnt war. Aus dem Angebot greift sie gezielt die leichten Unterhaltungssendungen heraus, die Abendshows mit Publikumslieblingen wie Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal. Peter Frankenfeld, als Allround-Talent der Show-Großmeister der Fünfziger und frühen Sechziger, bleibt hier eher Randfigur.

Mit spitzer Zunge

Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass diese Auswahl mit Bedacht getroffen wurde. Das Rechercheteam Albert Kamps, Moni Preischl und Elizabeth Harris achtete, eine bemerkenswerte Leistung, bei der Materialsuche sehr aufmerksam auf Zwischentöne. Man weiß, dass Hans-Joachim Kulenkampff mit seiner Sendereihe „Einer wird gewinnen“, kurz „E.W.G.“ wie „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“, seine eigene Form der Außenpolitik und Toleranzerziehung betrieb. Die Autorin sah hier 1965 mit Valentine Pringle erstmals einen schwarzen Sänger – Pringle war allerdings nicht, wie in Teilen der Presse forsch behauptet, der erste schwarze Sänger, der je im westdeutschen Fernsehen aufgetreten wäre. Beispielsweise präsentierte der Musiker und Moderator Hans-Arno Simon schon 1956 das schwarze Ensemble der Oper „Porgy und Bess“ in seiner TV-Reihe „Klingendes Rendezvous“; ferner gab es im Programm der Fünfziger diverse Jazz-Sendungen, in denen selbstredend schwarze Musiker gastierten. 

Selbst Kenner vergangener Programme werden vermutlich erstaunt sein über Showausschnitte, in denen Kulenkampff pazifistische Bonmots und Anspielungen in seine Conférencen und Sketche schmuggelt. Es konnte aber auch passieren, dass ein Kandidat eine antisemitische Bemerkung fallen ließ, die Kulenkampff eilig überspielte. Tücken der Live-Sendung.

Stiller Protest

Hans Rosenthal kam vom Hörfunk und eroberte erst 1971 mit „Dalli Dalli“ das Fernsehen. Keine Samstagabendshow, wie Schilling suggeriert, sondern eine Sendung für den ZDF-Unterhaltungssendeplatz am Donnerstag. Von Rosenthal wusste man – in einem Talkshow-Ausschnitt teilt er seine Erinnerungen mit dem Publikum –, dass er Jude war und der Verfolgung entkam, indem er sich in Berliner Schrebergärten versteckte. Als Show-Moderator verhielt sich Rosenthal weitgehend unpolitisch. Ausgenommen der 9. November 1978. Erstmals wurde an diesem Tag in der ganzen Bundesrepublik der Pogromnacht von 1938 gedacht. Rosenthal wollte seine „Dalli Dalli“-Sendung aus Respekt verschieben, das ZDF bestand auf Vertragserfüllung. Der beliebte Moderator wählte seine eigene Form des Protests: Anders als sonst trat er im schwarzen Anzug auf und verzichtete auf Schlagergesang. Ob das Fernsehpublikum die Botschaft verstanden hat, wäre noch zu untersuchen.

Schillings kluger und findig gemachter Essayfilm, der auch in die Kriegsjahre zurückblendet und die Vergangenheit von Fernsehlieblingen wie Horst Tappert, Robert Lembke, Martin Jente anspricht, hält viele solcher Momente bereit, verblüfft, klärt auf, unterhält auf hohem Niveau. Nicht geringen Anteil daran haben der Cutter Jamin Benazzouz und die für den Dialogschnitt verantwortliche Luise Hofmann.

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