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In dem John-Huston-Klassiker „Gangster in Key Largo“ (1948) spielt Lauren Bacall die junge Witwe Nora Temple.
„Lauren Bacall - Die diskrete Verführerin“ (Arte)
Kultur

Ein jüdisches Mädchen aus der Bronx

Von Harald Keller
09:35

Eine Geste nur und ein Augenaufschlag - Humphrey Bogart war beeindruckt. Nicht nur, weil das Drehbuch es so vorschrieb. Das Sentiment war echt.

In dem Abenteuerfilm „Haben und nicht haben“ zündet sich Lauren Bacall lässig eine Zigarette an und wirft Bogart einen spöttischen Blick zu. Humphrey Bogart, dank Filmen wie „Casablanca“ und „Die Spur des Falken“ zum Leinwandidol aufgestiegen und Charismatiker von besonderen Gnaden, beherrschte normalerweise jede Szene. Hier hatte er gegenüber einer neunzehnjährigen Novizin das Nachsehen.

Pierre-Henry Salfati, Autor eines Arte-Porträts über die Schauspielerin, gerät seinerseits ins Schwärmen. „Sie verzaubert, verhext, betört uns“, schwelgt der Text unter den ersten Bildern. „Hypnose hat einen Namen: Lauren“.

Klingt, als stünde dem Betrachter eine fünfzigminütige Huldigung bevor. Auch - und gerade - Cinephile pflegen nur zu gern den Mythos, lassen die Illusion wirken, ohne sie kritisch zu befragen. Für verzückte Oden ist aber Lauren Bacall ein denkbar ungeeignetes Objekt. Noch zu Lebzeiten war sie bestrebt, ihre Aura zu entkräften. Sie wollte eine gute Schauspielerin sein, keine Göttin der Leinwand.

Lauren Bacall, wie man sie in ihren ersten Filmen erlebt, war ein künstliches Geschöpf, modelliert von Regisseur Howard Hawks, dessen Frau die junge New Yorker Bühnenschauspielerin osteuropäisch-jüdischer Herkunft auf einem Titelfoto der Zeitschrift „Harper's Bazaar“ entdeckt und ihrem Mann empfohlen hatte. Die Elevin kam Hawks gerade recht - er wollte einen neuen weiblichen Star nach eigenem Gusto aufbauen, zeittypisch mit erotischem Nimbus, zugleich eigenständig, selbstbeherrscht, auf Augenhöhe mit den männlichen Widerparts. Dass Hawks in Sachen Erotik im Stillen eigene Hoffnungen hegte, stand ihrer Karriere nicht im Wege.

Wie in Hollywoods Glanzzeit üblich, wurde die Aktrice leinwandtauglich hergerichtet. Zähne, Frisur, Konturen der Augenbrauen - alles Ergebnis einschlägig spezialisierter Kräfte. Laut Pierre-Henry Salfati dauerte es ein Jahr, bis Betty Bacall, geborene Perske, die fortan Lauren heißen sollte, den Ansprüchen der Studiochefs genügte.

Der Coup gelang. Bacall wurde ein Star, und Howard Hawks war pfiffig genug, die spürbare wechselseitige Anziehung seiner beiden Hauptdarsteller zum Frommen des Films auszuspielen.

Ein traumhafter Aufstieg, so scheint es, doch die Realität sah anders aus. Bacall äußerte sich später kritisch, teils mit galligem Humor, über diese Phase. Schauspieler, auch die namhaften Stars, standen bei den Studios fest unter Vertrag. Sie hatten zu spielen, was man ihnen vorlegte. Wer sich verweigerte, wurde ins zweite Glied zurückgestuft. Oder erlebte Schlimmeres. In einem Interview bekennt Bacall, sie habe in ständiger Angst gelebt, ihre Anstellung wieder zu verlieren. Mit der Femme Fatale, die sie immer wieder spielen sollte, mochte sie, die Tochter einer alleinerziehenden Mutter aus der Bronx, sich nicht identifizieren. Vorerst blieb ihr nichts anderes übrig.

Als Porträtist einer Kinolegende genießt Pierre-Henry Salfati den Vorteil, dass Bildmaterial in Fülle zur Verfügung steht. Ausschnitte aus Bacalls Leinwandauftritten, Filmberichte, auch private Aufnahmen finden Eingang in die Dokumentation, die im Original treffender „Schatten und Licht“ überschrieben wurde. Salfati montiert das Material geschickt, hat auch einige Kuriosa ausgegraben, so einen Reklamefilm für Kaffee, den Bacall in den Sechzigerjahren mit ihrem damaligen Ehemann Jason Robards gedreht hatte. Die einzige gemeinsame Filmarbeit der beiden.

Vor allem aber lebt das Porträt von Bacalls eigenen Worten. In TV-Talkshows ist sie zu sehen, in Interviews zu hören. Mit ihrer 1978 erschienenen, zweimal fortgeschriebenen Autobiographie stand weiteres authentisches Material zur Verfügung. Trotz etlicher, der knappen Sendezeit geschuldeten Vereinfachungen und Verkürzungen gelingt mit diesem Film doch eine Annäherung an eine Schauspielerin, die auch mit ihrem couragierten Auftreten für die Meinungsfreiheit Geschichte geschrieben hat.

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