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Noch ist die Welt in Ordnung: Manuela Kirschner (Nellie Thalbach) feiert den Aufstieg des örtlichen Fußballvereins.
„Lotte Jäger und die Tote im Dorf“, ZDF
Kultur

Wo die Zeit keine Eile hat

Von Tilmann P. Gangloff
15:54

In den letzten Jahren hat das ZDF im Rahmen seiner Montagskrimis so viele Dorfdramen gezeigt, dass man mittlerweile von einem eigenen Subgenre sprechen kann. Die Rahmenbedingungen sind stets ähnlich: Die Ermittler von außerhalb stoßen auf eine Mauer des Schweigens, die Dörfler sind überwiegend vierschrötige Charaktere. Oft liegen die aufzuklärenden Todesfälle mehrere Jahre zurück, was die Arbeit der Eindringlinge zusätzlich erschwert; die Einheimischen sind froh, dass endlich Gras über die Sache gewachsen ist. In „Lotte Jäger und die Tote im Dorf“ gilt das sogar buchstäblich, aber das kann die Sonderermittlerin (Silke Bodenbender) für ungelöste Altfälle beim Potsdamer Landeskriminalamt noch nicht ahnen, als sie in ein brandenburgisches Dorf reist, um einen 16 Jahre alten Mordfall neu aufzurollen: 2001 ist nach der Aufstiegsfeier des Fußballvereins eine junge Frau erstochen worden. Der leitende Ermittler, Konrad Dahlke (Hansjürgen Hürrig), hat damals nahezu alle Dorfbewohner verdächtigt, zumal viele Männer dem offenbar lebensfrohen Opfer auf die eine oder andere Weise nahe standen. Nun ist ein Video aufgetaucht, das den feuchtfröhlichen Abend dokumentiert. Dahlke ist überzeugt, dass der Mörder auf dem Film zu sehen ist, aber Jäger braucht nicht lange, um rauszufinden: Im Hintergrund schlummert ein Verbrechen, das vermutlich noch weitere Dorfbewohner das Leben gekostet hat.

„Lotte Jäger und die Tote im Dorf“ ist nach „Lotte Jäger und das tote Mädchen“ (2016) der zweite Film mit der Sonderermittlerin. Beim ersten Auftritt hatte es den Anschein, als würde sich die Kommissarin, die keine Leichen mehr sehen konnte und seither für „Cold Cases“ (kalte Fälle) zuständig ist, vor allem um Verbrechen vor dem Mauerfall kümmern. Zwar geht es auch diesmal am Rande um alte Seilschaften, aber im Grunde könnte die Geschichte überall in der Provinz spielen, selbst wenn die Unübersichtlichkeit der Nachwendezeit den damaligen Skandal sicher erleichtert hat. Sehenswert ist der zweite Film, den diesmal Franziska Meletzky erneut nach einem Drehbuch des mehrfachen Grimme-Preisträgers Rolf Basedow („Im Angesicht des Verbrechens“) inszeniert hat, vor allem wegen der Hauptfigur: Die Titelheldin ist eine Frau mit offenem, fast sonnigen Wesen, die sich zu Soul-Musik im offenen Cabrio des Lebens freut, aber zu oft in die Abgründe der menschlichen Natur geblickt hat. Deshalb ist Silke Bodenbender die perfekte Besetzung für diese Rolle: Gerade noch hat sie Lotte Jäger mit einer fröhlichen Herzlichkeit versehen, im nächsten Moment verdüstert sich ihr Gesicht, weil sie von einer Panikattacke heimgesucht wird; in dieser Verletzlichkeit liegt ein enormer Reiz der Figur, zumal die Angststörungen für regelrechte Aussetzer sorgen. Auf der anderen Seite bringt Jägers Sensibilität ein feines Gespür für Zwischentöne mit sich: Sie ist zwar mitunter neben der Spur, aber gerade deshalb auf der richtigen Fährte. 

Zu den besten Filmen der erfahrenen Regisseurin, die sich mittlerweile Francis Meletzky nennt, gehört neben dem Drama „Nur eine Handvoll Leben“ (2016) nach wie vor ein Doppel-„Tatort“ aus Hannover („Wegwerfmädchen“/„Das goldene Band“, 2012). Im zweiten „Lotte Jäger“-Film ist vor allem die Einbettung der Rückblenden überaus kunstvoll. Als die Ermittlerin ins Dorf kommt, kennt sie die Einwohner bereits aus dem Video, weshalb der Film die verschiedenen Begegnungen umgehend um die entsprechenden Bilder ergänzt; das gilt auch für Jägers Spaziergänge. Sehr wirkungsstark ist zudem die akustische Ebene; kleine Toneffekte lassen einige der Einheimischen (unter anderem Alexander Hörbe, Christoph Letkowski, David Bredin) beim ersten Aufeinandertreffen wie potenzielle Unholde wirken (der Arbeitstitel lautete „Lotte Jäger und das Dorf der Verdammten“). Und während die Gegenwartsbilder nur spärlich bevölkert sind, ist in den Rückblenden umso mehr los. Ein cleverer Kniff ist auch der Verzicht auf die Dialoge und Partygeräusche des Videofilms; stattdessen erklingt nur Filmmusik. Dass Jäger auch selbst als Beobachterin in den Rückblenden auftaucht, gab’s zwar schon in den „Spreewaldkrimis“, aber dafür verleihen mysteriöse kurze Einschübe dem Film einen Hauch von „Twin Peaks“.

Gut getroffen ist nicht zuletzt Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens, die sich nach dem Mord über das Dorf gelegt hat, zumal Meletzky diese Stimmung eher unterschwellig vermittelt. Sie erzählt die Geschichte ohnehin auf angenehm unspekulative Weise; ein Wassertropfen, der sich scheinbar in Blut verwandelt, mutet fast schon plakativ an. Ansonsten entspricht das Tempo des Films dem Dialogsatz „Die Zeit hat hier keine Eile“. Davon profitiert vor allem die Hauptfigur, zumal alle drei – Basedow, Meletzky und Bodenbender – eine Ermittlerin kreiert haben, die unter den vielen Kommissarinnen tatsächlich eine Sonderrolle einnimmt. Dafür sorgt auch die bemerkenswerte Bildgestaltung durch Bella Halben, deren Kamera der Heldin immer wieder buchstäblich distanzlos nah auf die Pelle rückt, als wolle sie in ihren Kopf schauen. Dem Film ist anzusehen, dass alle Beteiligten einen ganz besonderen Krimi vor Augen hatten.

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