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Der Gotthardpass liegt auf 2106 Meter Höhe.
„Mythos Gotthard – Pass der Pioniere“, arte
Kultur

Ein Berg wie ein Schweizer Käse

Von Daland Segler
14:28

Das hätte sich Godehard von Hildesheim nie träumen lassen: Dass der Pakt mit dem Teufel, den die Menschen an dem nach dem Heiligen benannten Schweizer Gebirgsmassiv geschlossen hatten, so erfolgreich sein könnte. Was mit der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht begann, ging so weit, dass sie bis heute den Gebirgsstock gleich zweimal perforiert haben. Nicht genug damit, dass seit Jahr und Tag Tausende dieser stinkenden kleinen Blechkisten sich lawinengleich über die Passhöhe wälzen oder die 14 Kilometer durch den Tunnel rasen. Jetzt haben sie auch noch eine zweite Röhre durch den Fels gebohrt, weiter unten, viermal so lang und damit der längste Tunnel des gesamten Globus: der Gotthard-Basis-Tunnel.

Ein Berg wie ein Schweizer Käse durchlöchert, für die Nordlichter neben dem Brenner der bekannteste Weg nach Süden   – und doch voll kaum bekannter Merkwürdigkeiten. Davon erzählt Verena Schönauer in ihrem 90-minütigen außergewöhnlich informativen Dokumentarfilm über Geschichte und Gegenwart des Alpenübergangs: „Mythos Gotthard – Pass der Pioniere“.

Wer weiß schon, dass die Bewohner der Region angefangen haben, ihren geplagten Berg zu schützen? Jeden Sommer werfen Lawinenwächter Carlo Danioth und sein Team eine Decke über den Gurschenengletscher am Gemsstock. Gut 10.000 Quadratmeter weißes Vlies nähen sie zusammen, um das Eis vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. Das ist bitter notwendig, denn in den vergangenen 20 Jahren hat es sich hier schon ein ganzes Stück zurückgezogen, so dass Danioth  („Der Gletscher gehört einfach zu den Alpen“) fürchtet, das Eis werde nach weiteren zwei Jahrzehnten verschwunden sein.

Das sind die Folgen des menschlichen Eingriffs in die Natur. Weil der Weg über den Gotthard ein vergleichsweise kurzer Alpenübergang ist, wurde er schon von den Römern genutzt. Doch im Jahr 1872 begann die industrielle Erschließung mit dem Bau des ersten Gotthardtunnels nach den Plänen von Louis Favre.  Die Autorin widmet einen großen Teil ihres Films der Geschichte des Tunnelbaus, dessen Ende 1880 Favre nicht mehr erlebte: Er starb 1879 bei einer Begehung seines Werks im Tunnel. Fast 200 Arbeiter überlebten die Bauarbeiten ebenfalls nicht.

Schönauer zeichnet mithilfe von Historikern und anderen Experten den Berg und seinen Tunnel in vielen Facetten. Wichtig ist ihr dabei vor allem die Rolle des Menschen bei den Veränderungen der Natur.  So soll durch die Wiederbewirtschaftung von Alpen mit Ziegen der Bewuchs verbessert werden.  Denn die Landschaft, wie sie sich heute zeigt, erklärt Forstingenieur Martin Kreiliger, sei „entstanden aus dem Schweiß der Menschen und den Tränen der Kinder“.

Mit zahlreichen Luftaufnahmen wird die Schönheit der Bergwelt dokumentiert, die bedroht ist. Permafrostforscherin Marcia Phillips etwa hat ebenfalls ein Loch in den Gotthard gebohrt – um eine Art Fieberthermometer anzubringen. Damit will sie die Erderwärmung messen, um so Gefahren von Bergstürzen besser begegnen zu können. Denn sie hat beobachtet: „Es bröckelt jetzt jedes Jahr.“

Die Entwicklung dokumentiert auch der Künstler Jean Odermatt, der selbst den Winter auf der Passhöhe zubringt, wo er im alten Hospiz lebt. Er hat mehr als 400.000 Fotos gemacht  – Zeugen der Veränderungen einer Landschaft, die durch den Menschen deformiert wurde und wird.

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