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Rabbi Wolff, Jahrgang 1927, hat sich sein entwaffnendes Lächeln bis heute erhalten.
„Rabbi Wolff“, Das Erste
Kultur

Der Rabbi wettet gern auf Pferde

Von Harald Keller
10:38

Auf dem Flughafen versorgt sich der kleine ältere Herr mit Bergen von Lektüre. Tageszeitungen, Taschenbücher. Er nimmt Platz und verschränkt verschmitzt lächelnd die Beine zum Schneidersitz. William Wolff lächelt oft. Auch in seiner Umgebung sieht man auffällig häufig lachende Gesichter. Willy Wolff ist Rabbi, zur Zeit der Dreharbeiten pendelt er zwischen dem englischen Henley-on-Thames und seinen deutschen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern. Viele der Gläubigen stammen aus der früheren Sowjetunion. Rabbi Wolff stellt sich seiner Aufgabe und lernt Russisch. Denn er ist der Meinung, man müsse die Sprache desjenigen sprechen, mit dem man kommunizieren möchte.

Es ist nicht seine erste Fremdsprache. Geboren wurde er als Wilhelm Wolff 1927 in Berlin. Gelegentlich besucht er die Stelle nahe der Spree, wo sich sein Elternhaus befand. Britische Bomben haben es weggefegt. Eine Art bittere Ironie, denn nach einem Zwischenaufenthalt in Amsterdam fand die vor den Nationalsozialisten geflohene Familie in Großbritannien Zuflucht. Dort wuchs William Wolff auf, dort studierte er und wurde ein renommierter Journalist, der regelmäßig aus dem Unterhaus berichtete. Die deutsche Sprache hatte er nicht verlernt. Der Dokumentarfilm von Britta Wauer enthält einen Ausschnitt aus der Gesprächssendung „Der Internationale Frühschoppen“. Einer der Gäste: William Wolff, der die britische und irische Politik geistreich zu kommentieren weiß und den Biss seiner Bemerkungen mit bubenhaftem Charme entschärft. Schon damals kleidete ihn dieses entwaffnende Lächeln, das ihm bis ins hohe Alter erhalten geblieben ist.

Der erste Teil dieses Lebens bietet für sich ausreichend Stoff für spannende Memoiren. Es kommt aber noch ein unerwarteter Schwenk: Im Alter von 50 Jahren beschließt Wolff, Rabbiner werden zu wollen und beginnt ein fünfjähriges Studium, das er erfolgreich abschließt. Es folgen Stationen als Rabbi in verschiedenen britischen Städten. Dann kam die Anfrage aus Deutschland, ob er Landesrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern werden wolle. Wolff sagte zu und kehrte zumindest zeitweise in sein Geburtsland zurück. Keine selbstverständliche Entscheidung angesichts der Verbrechen, denen Juden im nationalsozialistischen Deutschland ausgesetzt waren, sowie der Ungerechtigkeiten, die sich noch bis weit in die Nachkriegszeit zogen.

Wolffs Biografie gehört zwingend hinein in einen solchen Film. Zentrum des Geschehens aber ist der zur Zeit der Dreharbeiten 88-jährige Willy Wolff. Die ersten Bilder zeigen ihn, wie er für einen Moment eingenickt ist und durch ein zartes Räuspern an die Gegenwart der Kamera erinnert werden muss. So wird es dem Zuschauer nicht ergeben, denn bald schon entsteht ein ganz anderer Eindruck. Der zart gebaute Rabbi Wolff, der Krimikenner an den detektivischen Rabbi Small aus den Romanen Harry Kemelmans erinnern wird, scheint unermüdlich. Oft bewegt er sich mit tänzelnden Schritten durchs Leben. Die Arbeit mit seinen Gemeindemitgliedern spart Britta Wauer aus, der Glaube bleibt Privatsache. Aber Willy Wolff liefert auch so genügend Bildmaterial. Mal muss er ins Fotostudio, dann zu einer Rabbinerkonferenz, beim Pferderennen in Ascot verspielt er ein paar Pfund, er ist das Thema einer Fotoausstellung und bei der Eröffnung in Tel Aviv dabei. Er macht eine Fastenkur in Bad Pyrmont, besucht die frühere Synagoge in Amsterdam – heute ein Aktionshaus –, badet im Toten Meer. Und immer wieder begeistert er sich für Kleinigkeiten, eine vorüberstürmende Gruppe kleiner Kinder, eine sommerliche Wiese.

Der Rabbi ist kein asketischer Kleriker, sondern weltzugewandt, hellwach und heiter. Er vertritt die Ansicht, Glaubensvorschriften seien für die Menschen da, nicht umgekehrt. In seiner Verwandtschaft gibt es streng orthodoxe Juden. Sie stimmen mit ihm nicht in allem überein, aber beide Seiten begegnen einander mit Respekt.

Die unerhörte Güte des Rabbis zeigt sich bei einer Gedenkveranstaltung in Schwerin. Wolff hält eine Ansprache, erinnert, aber klagt nicht an. Stattdessen bedankt er sich – dafür, dass ein Ereignis wie die Pogromnacht in Deutschland heute nicht mehr denkbar wäre.

Mögen die Jahre ihm recht geben.

 

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