© HR/Bettina Müller, FR
Silvia (Catrin Striebeck) und Gustav (Matthias Brandt).
„Toulouse“, ARD
Kultur

Denkmal einer zerstörten Liebe

Von Tilmann P. Gangloff
18:44

Was für eine Idee: Gustav trifft sich heimlich mit seiner Ex-Frau Silvia in einem luxuriösen südfranzösischen Hotel. Seiner schwangeren Lebensgefährtin hat er gesagt, er nehme an einer Tagung in Toulouse teil. Als das dortige Konferenzzentrum bei einem Terroranschlag gesprengt wird, hat er ein Problem. Schlicht „Toulouse“ hat der Österreicher David Schalko das Zwei-Personen-Stück genannt, dessen Spannung vordergründig aus der Frage resultiert, wie Gustav aus dieser Nummer wieder rauskommt. Tatsächlich jedoch ist der Mann in eine Falle getappt, aus der es kein Entrinnen gibt. Die heimliche Begegnung in dem Hotel, in dem die Beziehung vor 19 Jahren begonnen hat, sollte eigentlich ein Schlussstrich sein. Der reichlich konsumierte Alkohol löst die Zungen, und so nutzen die ehemaligen Eheleute die Gelegenheit, um alte Rechnungen beglichen („Hör auf, mich wie einen kleinen Jungen zu behandeln“ - „Dann hör’ du auf, dich wie einer zu benehmen!“); interessanterweise liegt aber auch ständig Sex in der Luft. Trotzdem ist „Toulouse“ die raffiniert eingefädelte Dekonstruktion eines Mannes, der keine Ahnung hat, dass er Teil eines Katz-und-Maus-Spiels ist. Dieser Tag wird sein Leben für immer verändern; so oder so.

Schalko hat sein Stück selbst für die Verfilmung adaptiert, die Inszenierung hat Landsmann Michael Sturminger übernommen, ein angesehener Theaterregisseur mit überschaubarer Filmografie. Prompt kann der Fernsehfilm seine Bühnenwurzeln nicht verhehlen, aber vielleicht soll er das ja auch gar nicht. Mit Matthias Brandt und Catrin Striebeck hat Sturminger zwei vorzügliche Schauspieler, aber gerade Striebecks Dialoge klingen sehr literarisch und entsprechend wenig lebensnah. Das ist ihr kaum jedoch kaum anzulasten, denn Schalko legt seiner weiblichen Hauptfigur eine ganze Reihe klug klingender, aber inhaltsarmer Sätze in den Mund: „Das ganze schlechte Gewissen, dafür sollte es eigene Börsen geben“. Oder auch: „240 Tote, die wir nicht kennen, sind wie Wetter; zwischen uns aber herrscht Klima.“ Im Gegensatz zu Gustav wirkt Silvia ohnehin wie eine typische Bühnenfigur, weshalb der Film gerade zu Beginn recht gewöhnungsbedürftig ist. Das ändert sich, als das Paar aufhört, um den heißen Brei zu schleichen, weil Gustav nach einem Telefonat mit seiner Freundin ganz andere Probleme hat: Gerade hat er noch mit ihr übers Wetter geplaudert, nun stellt sich raus, dass er eigentlich gar nicht mehr leben kann.


Faszinierend ist der Film, der ausschließlich in der luxuriösen Hotelsuite spielt, vor allem als Tragödie eines Mannes, der zunehmend lächerliche Züge annimmt. Die Figur ist wie geschaffen für Brandt, dessen Gustav sich mal kopf-, mal triebgesteuert verhält; aber jedes Mal, wenn das Paar nach umständlicher Vorarbeit endlich zur Sache kommt, klingelt das Telefon. Meist ist es ein Geschäftsfreund Gustavs, der ebenfalls angeblich in Toulouse war und darüber nachdenkt, ob er die Gelegenheit des vermeintlichen Ablebens nutzen soll, um ganz von vorn anzufangen.

Abgesehen von gelegentlichen Provokationen beschränkt sich Striebecks Rolle fortan darauf, mit der Gelassenheit einer Spinne zu beobachten, wie sich ihr Opfer mit jedem Befreiungsversuch stärker im Netz verheddert. Brandt dagegen darf die emotionale Achterbahnfahrt aktiv ausleben. In einer wunderbar gespielten Szene ist Gustav anzusehen, wie er am liebsten das gesamte Inventar zertrümmern würde, aber es reicht dann nur zur Zerstörung eines Kopfkissen, woraufhin das Zimmer mit Daunenfedern übersät ist. Weil ihm bereits kurz nach Betreten der Suite der Schweiß ausgebrochen ist, bleiben die Daunen nun an ihm kleben, was die folgende finale Auseinandersetzung umso grotesker wirken lässt: Gleich zu Beginn hat Sturminger ahnen lassen, was Silvia im Zimmertresor verstaut, deshalb ist es keine große Überraschung, als sie plötzlich eine Pistole zückt. Im etwas zu lang geratenen Schlussakt wandelt sich das Drama zu einem Thriller auf Leben und Tod, dem Schalko eine weitere überraschende Wendung gibt.

Trotz des durchaus fesselnden Finales ist es erstaunlich, dass die ARD diesem doch recht anspruchvollen Film nicht das gleiche Schicksal widerfahren lässt wie kürzlich der ungleich mehrheitsfähigeren Komödie „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“. Vielleicht wollte die Fernsehfilmkoordination den Mut des Hessischen Rundfunks nicht schon wieder bestrafen; erst im letzten Jahr hatte die ARD den mysteriösen HR-Krimi „Goster“ auf die späte Sendeschiene verbannt.

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