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Annette Frier ist die Erzählerin der ersten Folge der Reihe.
„Unser Land in den Achtzigern“, WDR Fernsehen
Kultur

Frank N. Furter trifft Papst

Von Harald Keller
21:03

Nach dem Vorbild des Kultursenders Arte füllt auch der WDR das Sommerprogramm mit Jahrzehnt-Reminiszenzen. Letztes Jahr standen die Siebziger auf dem Sendeplan, heuer folgerichtig die Achtziger. In einer zehnteiligen Reihe geht es Jahr um Jahr durch die Dekade. Als Erzählerin aus dem Off fungiert im ersten Teil Annette Frier, selbst ein Kind der Achtziger und somit befähigt, den vorgegebenen Text von Autor Lukas Hoffmann um eigene Erinnerungen zu bereichern. Zum Beispiel war sie – „als Kind einer katholischen Lehrerin“ – selbst dabei, als 1980 Papst Johannes Paul II. das westliche Deutschland besuchte und unter anderem in Köln und Osnabrück auftrat.

Begonnen hatte das Jahrzehnt, so die Einstiegsthese, mit dem Aufkommen der Neuen Deutschen Welle. Eine Auslegungssache – gerade gestern Abend feierte der Spartensender Sat.1 Gold „40 Jahre Neue Deutsche Welle“. Dann wäre sie also schon 1978 losgetreten worden. Was nur einmal mehr belegt, dass sich die wenigsten historischen Veränderungen einschnittartig von heute auf morgen ereignen, sondern prozessual vonstatten gehen. Entsprechend ist immer Vorsicht geboten, wenn Worte fallen wie „erstmals“, „Revolution“, „noch nie zuvor …“

In diesem Punkt verhalten sich Hoffmann und Frier angenehm zurückhaltend, zeigen aber auch kaum Interesse an unterschwelligen Strukturen. Ihr gemeinsamer 45-minütiger Film zeigt sich als insgesamt eher heiter angelegter, unterhaltsamer Bilderbogen. Ein Jahresrückblick ähnlich jenen, die in den Fünfzigern von der „Tagesschau“-Redaktion angefertigt wurden.

Kulturelle Erscheinungen wie der Kult um die „Rocky Horror Picture Show“ werden Nachgeborene erstaunen, wenn nicht gar erschauern lassen. Da gingen Menschen fünfzig-, ja hundertmal ins Kino, um diese Musicalverfilmung zu sehen. Sie trugen freizügige Kostüme, entzündeten Wunderkerzen, warfen an der richtigen Stelle, einer Hochzeit, eimerweise Reis ins Parkett. „Wir gehen ja nicht bloß, um den Film zu sehen, sondern auch, um Action drin zu haben“, sagt einer der Fans in einem zeitgenössischen Interview. In Zeiten der Streaming-Anbieter bald nur noch eine wehmütige Erinnerung. Zumal Hollywoods Marktstrategen derart schräge Außenseiterproduktionen kaum noch zulassen.

Der Film und die Aufführung der deutschen, vom unvergessenen Filmemacher und NDR-Redakteur Horst Königstein übersetzten Fassung des Musicals in Essen nehmen erstaunlich viel Raum ein. Es wird aber auch über spektakuläre Kriminalfälle, Flutkatastrophen und, da wird der Ton dann ernst, über den Niedergang der deutschen Stahlindustrie berichtet. Die Betroffenen gingen selbstverständlich auf die Straße, so wie gegen Umweltvergiftung durch den Chemieriesen Bayer oder auch gegen Immobilienspekulation und für billigen Wohnraum demonstriert wurde. Die Menschen scheinen aktiver gewesen zu sein damals, engagierter. Heute belassen sie es bei wütendem Raunzen auf Facebook.

Der eine oder andere Erkenntnisgewinn ist also doch drin in diesem kurzweiligen Stück Feierabendunterhaltung. Auch das hat seine Berechtigung. Solange das Thema „Unser Land in den 2010er Jahren“ darüber nicht verloren geht. Zur Musik übrigens wäre noch anzumerken, dass sie gelegentlich den Sechzigern entnommen wurde. Warum auch immer …

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