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Marianne Rogée und Christian Wolff.
Komödie Frankfurt
Kultur

Die neue Unübersichtlichkeit

Von Judith von Sternburg
07:45

Verwandtschaftbeziehungen verlieren in einer modernen Gesellschaft zwangsläufig einiges von ihrer Offensichtlichkeit, und vermutlich sind die meisten Erzieherinnen heute vorsichtig, bevor sie einen älteren, einen alten Mann, der ein Kind abholt, für den Großvater halten. Andererseits kann keiner aus seiner Haut, und das schöne Stück „Fremde Verwandte“ von René Heinersdorff beginnt in der Komödie Frankfurt mit einem ausführlichen Monolog genau dieser Art. Man ahnt, nein, man weiß schon lang, dass Christian Wolff als unverbindlich lächelnder Heinz gewiss der Vater des kleinen (unsichtbaren) Dominik ist, während Sonja, Simone Pfennig, sich weiter um Kopf und Kragen redet. Als selbst ihr ein Lichtlein aufgeht, lächelt sie verlegen, aber das ist von kurzer Dauer.

Die Peinlichkeiten, das gehört zu den erfrischenden Seiten dieses Abends, stehen nicht im Zentrum von „Fremde Verwandte“, auch wenn es laufend zu solchen kommt. Damit aber halten Heinersdorff, Regisseur Horst Johanning und das gut aufeinander eingespielte Ensemble gar nicht auf. Statt dessen geht es direkt darum, was die Figuren wollen. Wie sie leben wollen. Was fade ist, was besser sein könnte. Selbst die große Enthüllungsszene, eigentlich der klamottige Höhepunkt einer Boulevardkomödie, verläuft fast ohne Gequietsche. Gleich sind die Figuren damit befasst, was es für einen Mann bedeutet, über Jahre mit einer Frau zusammen gewesen zu sein, deren Tochter mit seinem Vater verheiratet ist. Zum Beispiel. Oder eben festzustellen, dass die Freundin des Sohnes die Mutter der eigenen Frau ist.

Alles wird neu gemischt

Und im Grunde genommen sind die Figuren nicht einmal damit beschäftigt. Eigentlich interessieren sie sich bereits wieder für andere Personen, die sich hier wie von ungefähr eingefunden haben. Es gibt nämlich ferner einen sympathischen Psychotherapeuten, der übrigens mit der Erzieherin vom Anfang verheiratet ist. Die Erzieherin ist auch ganz nett und will gerne endlich ein Kind. Die Karten werden neu gemischt.

Heinersdorff zieht es also durch und die Inszenierung auch. Sie besteht aus schnellen, meist kurzen Szenen, in denen zum Ausspielen, gar zum Chargieren kaum Zeit bleibt (ja, stimmt, die Erzieherin hat am Anfang eine Weile geredet, das ist aber eine Ausnahme), schon wird es wieder dunkel, wird das nächste Möbel hingerollt. Man findet sich beim Zuschauen langsam zurecht, während man dumm herumkichert, weil Heinersdorff treffliche Ping-Pong-Dialoge bietet.

Heinz ist mit der viel jüngeren Nicole zusammen. Christian Wolff ist mit viel, aber nicht zu viel Selbstironie ein uralter Vater, wie er tatsächlich allenthalben vorkommt. Man muss ja auch sagen, dass das offenbar möglich ist. Und auch Eva Habermann ist zwar das Klischee einer Fremdwörter verwechselnden Blondine, aber es wird eben nach allen Richtungen ausgeteilt. Pascal, der Sohn von Heinz – wie auch Patrick Wolff der Sohn von Christian Wolff ist, das ist etwas fürs Herz, wenn sie sich um den Hals fallen –, ist seit zehn Jahren mit Nicoles Mutter Marita zusammen. Das ist Marianne Rogée, Isolde Pavarotti aus der Lindenstraße, die damals ebenfalls eine Weile einen jüngeren Freund hatte, allerdings ein Windei. Bei Pascal ist es wahre Liebe, nur sie ist den Altersunterschied jetzt leid, weil sie immer etwas unter Niveau bleiben muss.

Rogée zieht das nüchterne, konzentrierte, irgendwo auch knallharte Screwball-Konzept, das der Text anbietet, am konsequentesten durch. Um sie herum ist eine dünne Schicht von Eis, herrlich. Auch hat Marita inzwischen Kai kennengelernt, Martin Zuhr, den ausgelaugten Therapeuten von Nicole und Pascal.

Sie ahnen, worauf es hinausläuft, obwohl Sie es mit Sicherheit nicht ahnen. Von der lakonischen Ironie, mit der „Fremde Verwandte“ aufs Leben blickt, kann man noch etwas lernen.

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